Hohe Spritpreise sorgen für Ärger – die Branche erklärt sich, aber die Kritik bleibt

Von Benjamin Neumaier · 7. März 2026 um 05:00

Die Spritpreise steigen rasant, der Ärger bei den Konsumenten wächst. Kritiker sprechen von Abzocke, Unternehmen verweisen auf Marktmechanismen. Die Mediengruppe Bayern hat vier Mineralölkonzernen, drei Tankstellenbetreiber-Unternehmen und zwei Dachverbänden einen Fragenkatalog geschickt. Geantwortet hat ein Konzern, ein anderer verwies an den Dachverband. Das sind die Antworten.

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■ Zwischen Förderung, Transport, Raffination und Verkauf von Kraftstoffen liegen typischerweise mehrere Wochen. Wie erklären Sie vor diesem Hintergrund, dass sich steigende Rohölpreise innerhalb weniger Tage an deutschen Tankstellen bemerkbar machen?

„Unsere Branche kalkuliert – wie andere auch – auf Basis der tagesaktuellen Einkaufpreise zum sogenannten Wiederbeschaffungswert. Preisveränderungen an den Börsen müssen mit Blick auf diesen sofort eingepreist werden“, sagt Rainer Diederichs, Leiter Medien und Politische Kommunikation bei en2x, dem Wirtschaftsverband Fuels & Energie. „Würde jetzt noch der alte, niedrigere Verkaufspreis an den Tankstellen gelten, ginge den Tankstellengesellschaften schnell die finanzielle Reserve für den notwendigen Kraftstoffnachkauf aus. Daher steigen die Verbraucherpreise so schnell. Wir wissen: Das ist ärgerlich für Autofahrer, aber so bleiben wir bei Benzin und Diesel lieferfähig.“

Kai Krischnak, Pressesprecher BP/Aral spricht von „weltweit gestiegenen Preisen bei Mineralölprodukten“, verweist auf „intensiven Preiswettbewerb am deutschen Tankstellenmarkt“ und sagt: Wir bitten um Verständnis, dass wir die Preisbildung an Tankstellen aus Wettbewerbsgründen nicht kommentieren und auch keine Prognosen abgeben.“

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■ In welchem Umfang orientieren sich die Preise im deutschen Kraftstoffmarkt an einer internationalen Rohöl-Benchmark (z. B. Brent) – und welche Rolle spielen tatsächlich gezahlte Einkaufspreise für Rohöl oder Lagerbestände?

Diederichs erklärt: „Der Rohölpreis ist für die Verbraucherpreise nicht entscheidend, sondern die Produktpreise für Kraftstoffe, gleichbedeutend mit den Einkaufspreisen der Tankstellen. Diese richten sich nach der Angebots- und Nachfragesituation für Benzin und Diesel auf dem Weltmarkt. Der Rohölpreis ist nur ein Faktor unter mehreren, die die Produktpreise beeinflussen.“

■ Autofahrer berichten von deutlichen Preisunterschieden zwischen Deutschland und benachbarten Märkten wie Österreich oder Tschechien. Welche Faktoren erklären die teils erheblichen Differenzen innerhalb des europäischen Energiemarktes?

„Preisunterschiede zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten sind unabhängig von der aktuellen Situation keineswegs ungewöhnlich. Verantwortlich dafür ist insbesondere die uneinheitliche Steuerpolitik der einzelnen Staaten. Der Kraftstoffpreis-Korridor ist stark von den unterschiedlichen nationalen Energie- und Mehrwertsteuersätzen abhängig“, sagt Diederichs. Auch Alexander Vorbau, Leiter Kommunikation bei UNITI Bundesverband Energie Mittelstand e. V. argumentiert ähnlich: „Die Steuer- und Abgabenlast auf Kraftstoffe ist in Deutschland im europäischen Vergleich besonders hoch, was einen wesentlichen Grund für länderspezifische Preisunterschiede für die Kunden an den Tankstellen darstellt. Rund 60 Prozent des Preises für Kraftstoffe an Tankstellen entfällt hierzulande auf Steuern und Abgaben.“

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■ Wie haben sich aus Ihrer Sicht die Margen in Raffinerien sowie im Kraftstoffgroßhandel in den vergangenen Wochen entwickelt? Gibt es Hinweise darauf, dass sich diese im Zuge der aktuellen geopolitischen Spannungen verändert haben?

„Unser Verband hat keinen Einblick in die Geschäftszahlen einzelner Unternehmen. Grundsätzlich gilt, dass die Energie- und Grundstoffwirtschaft mit ihren Raffinerien, Tankstellen, Tanklagern und Importeuren sich hierzulande seit längerem in einer schwierigen Situation befindet“, sagt Diederichs. „Produktionskapazitäten werden reduziert, Wertschöpfungsketten geraten unter Druck, Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit sind perspektivisch gefährdet. Die geopolitische Situation ändert nichts daran, dass die Standortbedingungen in Deutschland die globale Wettbewerbsfähigkeit einschränken.“ Vorbau dazu: „UNITI vertritt Unternehmen des Großhandels in Deutschland, also einer nachgelagerten Distributionsstufe, diese verkaufen an Endkunden und verdienen nicht am Rohölmarkt.“

■ Der Branche wurde wiederholt vorgeworfen, geopolitische Krisen für zusätzliche Gewinne zu nutzen. UN-Generalsekretär António Guterres kritisierte während der Energiekrise außergewöhnlich hohe Gewinne der Öl- und Gasindustrie und bezeichnete sie als „unmoralisch“. Wie bewertet Ihr Verband solche Vorwürfe im aktuellen Kontext?

„Wir können nur für den deutschen Markt sprechen. Aktuell könnten einzelne Tankstellen tageweise sogar eher leichte Verluste einfahren, wenn im harten Wettbewerb die Verkaufspreise nicht mit den gestiegenen Einkaufspreisen mithalten können“, erklärt Diederichs. Vorbau teilt dazu mit: „Der deutsche Staat profitiert von hohen Kraftstoffpreisen an den Tankstellen. Da die Mehrwertsteuer jeweils noch on top auf den Nettokraftstoffpreis plus Energiesteuer und CO2-Preis aufgeschlagen wird, bedeutet ein höherer Kraftstoffpreis einen höheren Mehrwertsteuerbetrag für den Staat.“

■ Halten Sie die derzeitige Struktur der Preisbildung im Kraftstoffmarkt für ausreichend transparent für Verbraucher – insbesondere angesichts kurzfristiger Preisschwankungen und regionaler Unterschiede?

„Die 2013 eingeführte Markttransparenzstelle für Kraftstoffe sorgt für die vollständige Transparenz der Benzin- und Dieselpreise auf dem deutschen Markt, was gut für die Kundschaft ist“, antwortet Diederichs. „Denn in einem hochgradig wettbewerbsintensiven Umfeld konkurrieren die Tankstellen über den Preis um jeden Autofahrer und jede Autofahrerin. Wir raten grundsätzlich, Preis-Apps zu nutzen, um zu einem günstigen Zeitpunkt in der Umgebung zu tanken.“

KOMMENTAR zum Thema:

Spritpreise steigen oft blitzschnell, sinken aber nur zögerlich. Die Branche verweist auf Marktmechanismen – doch für viele Autofahrer bleibt ein ungutes Gefühl. Ein Kommentar.

Wenn der Ölpreis steigt, dauert es oft nur Stunden, bis Autofahrer an der Zapfsäule mehr bezahlen. Fällt er, sinken die Preise dagegen nur zögerlich. Das Bundeskartellamt nennt dieses Phänomen nüchtern den „Rakete-und-Feder-Effekt“. Für viele Autofahrer fühlt es sich eher nach einem sehr bekannten Muster an: schnell kassieren, langsam entlasten. Die Branche weist den Vorwurf der Abzocke natürlich zurück. Verbände verweisen auf Wiederbeschaffungswerte, internationale Produktpreise und komplexe Lieferketten. Einzelne Konzerne wiederum schweigen gleich ganz oder verstecken sich hinter ihren Dachverbänden. Wirklich greifbare Antworten sind selten.

Dabei ist die Kritik nicht neu. Der ADAC beklagt das Muster seit Jahren, das Kartellamt beobachtet es ebenfalls. Gleichzeitig ändern sich Spritpreise an deutschen Tankstellen im Schnitt mehr als 20-mal am Tag. Transparenz für Verbraucher? Theoretisch vielleicht – praktisch nicht. Es bleibt nur, Preis-Apps zu studieren und auf den richtigen Moment zu hoffen. Transparenz in der Preisentstehung? Fehlanzeige!

Dass Steuern einen großen Anteil am Spritpreis haben, das stimmt. Doch das erklärt nicht, warum Preissprünge nach oben so viel schneller funktionieren als nach unten. Solange darauf keine überzeugende Antwort kommt, bleibt der Verdacht bestehen: Der Wettbewerb funktioniert offenbar besser beim Erhöhen als beim Senken der Preise. Und der Ärger der Autofahrer ist mehr als verständlich.