Wenn Worte fehlen: Wie Seelsorger im Klinikum Neumarkt Halt geben

Manche Türen im Klinikum Neumarkt öffnen sich nur einen Spalt. Dahinter liegen Angst, Schuld, Hoffnung – und das Wissen, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. Wenn Worte fehlen, bleiben sie: Das Team der Klinikseelsorge hört zu, schweigt mit, hält aus. Und nimmt Geschichten mit, die niemand vergisst.
Das Klopfen ist leise. Ein kurzes Innehalten, ein Atemzug – dann öffnet sich eine Tür. Manchmal auch nicht. Klinikseelsorge beginnt im Ungewissen. Und endet oft dort, wo Menschen am verletzlichsten sind.
„Wir wissen nie, was uns erwartet“, sagt Katharina Thoma, evangelische Pfarrerin bei der Klinikseelsorge am Klinikum Neumarkt. „Aber wir wissen: Wenn wir hineingehen, geht es um etwas Existenzielles.“ Krankheit reißt Menschen aus ihrem Leben, stellt Gewissheiten infrage, zwingt zum Stillstand. In diesen Momenten werden Thoma und ihre katholischen Kollegen, die Pastoralreferenten Horst Krämer und Ulrike Weigert gerufen – oder sie gehen selbst los, von Zimmer zu Zimmer.
Nachfolger für Pfarrer Butzer gesucht
Seit dem Jahreswechsel ist vieles anders. Der katholische Klinikpfarrer Wolfgang Butzer, jahrzehntelang prägende Figur der Seelsorge, ist zum 31. Dezember in den Ruhestand gegangen. Eine volle Stelle fehlt. „Das merken wir deutlich“, sagt Krämer, der seit Juli 2025 mit einer Vollzeitstelle am Klinikum arbeitet. „Viele waren es gewohnt, dass der Pfarrer immer kommt – egal, worum es geht.“ Derzeit versucht das Bistum Eichstätt, die Stelle neu zu besetzen.
„Für Gespräche ist es egal, ob jemand katholisch oder evangelisch ist oder aus der Kirche ausgetreten ist.“Ulrike Weiger, Pastoralreferentin bei der Klinikseelsorge Neumarkt
Noch immer rufen Patienten, Angehörige und auch Mitarbeitende „nach dem Pfarrer“. Und stehen dann vor Weigert oder Krämer. „Ich werde fast immer als Herr Pfarrer angesprochen“, sagt Krämer. „Auch wenn ich erkläre, dass ich Pastoralreferent bin.“ Was bleibt, ist das Bedürfnis nach Nähe. „Meistens geht es gar nicht um ein Sakrament. Es geht um Beistand“, erzählt Krämer. Wünschen Patienten eine Krankensalbung, dann wird ein Priester gerufen.
Weg zur Seelsorge führt über viele Kanäle
Konfessionen verlieren dabei an Bedeutung. „Für Gespräche ist es egal, ob jemand katholisch oder evangelisch ist oder aus der Kirche ausgetreten ist“, sagt Weigert. „Gott ist mit seiner Liebe bei jedem Menschen. Ich lasse mich auf das ein, was mir erzählt wird.“ Thoma ergänzt: „Wir arbeiten hier ganz selbstverständlich ökumenisch – nicht aus Mangel, sondern aus Überzeugung.“
Der Weg zur Seelsorge führt über viele Kanäle: über Pflegekräfte, die einen Blick dafür haben, wer gerade jemanden braucht; über Anrufe; über zufällige Begegnungen auf dem Gang. Oder über das stille Anklopfen. „Manchmal gehen wir einfach rein und fragen: Wie geht es Ihnen?“, berichtet Weigert. „Und dann schauen wir, was kommt.“
Angst vor dem, was noch kommt
Was kommt, ist oft mehr als eine Krankheit. „Hier haben die Menschen Zeit“, sagt Krämer. „Die Patienten liegen im Bett, der Alltag ist weg – und plötzlich kommen Dinge hoch, die lange verdrängt waren.“ Erinnerungen an Krieg und Verlust, ungelöste Familienkonflikte, Angst vor dem, was noch kommt. „Viele erzählen Dinge, die sie ihren Angehörigen nie sagen würden“, schildert auch Ulrike Weigert.
Manchmal ist es wichtiger, einfach da zu sein und auszuhaltenHorst Krämer, Pastoralreferent der Klinikseelsorge Neumarkt
Gerade das macht die Seelsorge so wichtig: Eine neutrale Person, die zuhört und nichts bewerte, senkt die Hemmschwelle. „Die oder der Einzelne fühlt sich gesehen“, sagt Katharina Thoma. „Und das allein kann schon entlasten.“
Oft fehlen Worte – auch den Seelsorgern. „Wir haben keine Lösungen“, gesteht Thoma. „Und wir wollen auch keine geben.“ Schweigen gehört zur Arbeit. „Manchmal ist es wichtiger, einfach da zu sein und auszuhalten“, so Krämer. „Hilflosigkeit gehört dazu – unsere genauso wie die der Patienten.“
Besonders spürbar wird das auf der Palliativstation. Dort sind Thoma und Weigert täglich präsent. Hier geht es um Abschied, um letzte Fragen, um das Ende des Lebens. „Hier ist klar, dass das Leben endlich ist“, erläutert Thoma. „Und dass diese Zeit sehr kostbar ist.“ Oft verändert das auch Angehörige. Gespräche werden offener, Dinge ausgesprochen, die lange unausgesprochen blieben.
Auch für das Personal des Klinikums Ansprechpartner
Die Kapelle des Klinikums ist dabei ein zentraler Ort. Ein Raum der Stille – und der Tränen. Krämer erlebt dort Momente, die bleiben: „Menschen, die beim Empfang der Kommunion weinen. Ein Sohn, der sagt: Darf ich ein Foto machen? Das ist so wichtig für uns.“ Oder die Patientin an Heiligabend, die sich noch segnen lassen wollte, obwohl sie kaum stehen konnte. „Sie wollte nicht gehen, ohne diesen Segen.“
Auch das Klinikpersonal sucht die Nähe der Seelsorge. Oft spontan. „Das sind Tür-und-Angel-Gespräche“, berichtet Weigert. „Man begegnet sich auf dem Gang – und plötzlich schüttet jemand sein Herz aus.“ Belastung, Überforderung, Zweifel. Auch hier gilt: zuhören, ernst nehmen, nichts schönreden.
Die schwersten Begegnungen bleiben. Junge Menschen mit Krebs. Patienten um die 60, mitten im Leben, mit Plänen für die Zukunft. „Das ist heftig“, sagt Krämer. „Das widerspricht jedem Gerechtigkeitsempfinden.“ Er gibt zu, dass ihn solche Schicksale erschüttern. „Manchmal klage ich Gott auch an. Warum muss das jetzt sein?“
Um diese Arbeit aushalten zu können, braucht es Halt. Austausch im Team, Supervision, Gebet. Und Abstand. „Ich gehe zu Fuß nach Hause, am Kanal entlang“, sagt Thoma. „Die Natur hilft mir, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.“
Oft Jahre später noch in Erinnerung
Klinikseelsorge ist im Klinikum Neumarkt fest verankert. „Wir versuchen für Menschen in schwierigen Lebenssituationen da zu sein und sie ein Stück zu begleiten. Mit viel Wertschätzung und Respekt, erklärt Weigert.
Manchmal zeigt sich erst Jahre später, was das bewirkt hat. „Neulich hat jemand zu mir gesagt: Sie haben mir damals so geholfen“, erzählt Thoma. „Ich wusste das gar nicht mehr.“ Vielleicht sei das das Wesen der Klinikseelsorge: da zu sein, wenn alles wankt – und leise wieder zu gehen.
Informationen zur Klinikseelsorge am Klinikum Neumarkt
• Klinikseelsorge: Das Wohl der Patienten steht im Leitbild der Klinikseelsorge im Fokus. Sie ist für die Patienten da, wenn diese jemanden suchen, der zuhört, der sie bei Sorgen und Trauer begleitet. Das Angebot ist unabhängig von Konfesstion, Religion oder Weltanschauung. Die Klinikseelsorge unterliegt der Schweigepflicht.
• Hauptamtliche: Die evangelische Pfarrerin Katharina Thoma sowie die Pastoralreferenten Horst Krämer und Ulrike Weigert stellen derzeit das hauptamtliche Team der Klinikseelsorge. Die Diözese sucht derzeit einen Nachfolger für die Stelle des bisherigen Klinikseelsorgers Pfarrer Wolfgang Butzer.
• Ehrenamtliche: Das Gesicht der Seelsorge prägen neben den hauptamtlichen auch die ehrenamtlichen Seelsorger. Sie haben sich in einem mehrmonatigen Ausbildungskurs qualifiziert und treffen sich monatlich mit den Hauptamtlichen zum Austausch und zur Weiterbildung.
• Kontakt: Katharina Thoma, Tel.: (09181) 4 20 38 74; Ulrike Weigert, Tel.: (09181) 4 20 36 85; Horst Krämer Tel.: (0 91 81) 4 20 23 12.