Zurück in die Kirche der Kindheit: Barbara Thie übernimmt Pfarrstelle in Neumarkt

Von Heidi Bauer · 19. Februar 2026 um 11:00

Neumarkt ist für sie kein unbekannter Ort – und doch beginnt für Pfarrerin Barbara Thie hier etwas völlig Neues. Nach Jahren in Afrika und Stationen in ganz Europa übernimmt die Pfarrerin nun eine zentrale Aufgabe in ihrer früheren Heimat. Was sie verändern will, warum Kirche Haltung zeigen muss und welche Rolle die Christuskirche dabei spielt, verrät sie im Gespräch.

Wenn Barbara Thie am 1. März in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Neumarkt antritt, ist das mehr als ein Stellenwechsel. Es ist eine Rückkehr – und zugleich ein Neuanfang. Die 60-jährige Pfarrerin bringt ein bewegtes Leben mit: geprägt von Ortswechseln, internationalen Erfahrungen, kirchlichen Umbrüchen und der festen Überzeugung, dass Kirche auch heute eine hörbare Stimme haben muss.

Seit 2019 unterrichtete Pfarrerin Thie an der FOS/BOS. Doch mit Neumarkt verbindet sie eine viel längere Beziehung. Geboren in Altdorf, verbrachte sie ihre frühe Kindheit in Niederbayern, bevor sie ihre Kindergarten- und Grundschulzeit in Neumarkt erlebte. Ihr Vater war hier Pfarrer. „Ich habe hier Radfahren gelernt, Schwimmen, Schlittschuhlaufen am Schlossweiher“, erinnert sie sich. „Als Kind erlebt man einen Ort mit ganz anderen Augen.“ Neumarkt blieb für sie ein Ort der Kindheit – vertraut und doch lange her.

Sieben Jahre in Tansania gearbeitet

Mit der Familie ging es weiter nach Ingolstadt. Ihr Theologiestudium führte sie über Neuendettelsau, Heidelberg, Göttingen und Wien, schließlich wieder nach Neuendettelsau.

Dort lernte sie ihren Mann Roland kennen, damals Studienkollege, heute geschäftsführender Pfarrer in Feucht. Nach dem Vikariat folgte ein Schritt, der ihr Leben nachhaltig prägte: Sieben Jahre lebte und arbeitete Barbara Thie mit ihrer Familie in Tansania.

Im Auftrag von „Mission Eine Welt“ war sie zunächst Dozentin an einer Bibelschule, später Koordinatorin für die Bildungsarbeit in der Süd-Zentral-Diözese. Sie organisierte Fortbildungen, begleitete die kirchliche Strukturreform und vernetzte unterschiedliche Arbeitsbereiche. „Es ging viel darum, Menschen zusammenzubringen, miteinander ins Gespräch zu bringen und gemeinsam zu überlegen: Wie wollen wir Kirche gestalten?“, sagt sie. In dieser Zeit wurden auch ihre beiden Kinder geboren.

Die Rückkehr nach Deutschland war bewusst gewählt. „Wir wollten, dass unsere Kinder hier wirklich zu Hause sind – und dass wir die Sorgen der Menschen hier ernst nehmen“, erklärt Thie. Probleme gegeneinander aufzuwiegen, lehnt sie ab, denn: „Überall haben Menschen ihre Herausforderungen.“

Lange an der FOS/BOS in Neumarkt unterrichtet

Von Vorra im Nürnberger Land ging es 2007 nach Feucht. Dort arbeitet Barbara Thie noch bis Ende Februar mit einer halben Stelle in der Kirchengemeinde. Da im kommenden Schuljahr ihre halbe Stelle an der FOS/BOS in Neumarkt wegfällt, stellte sich ihr erneut die Frage nach dem nächsten Schritt. Eine neue halbe Stelle als Ergänzung zu der in Feucht, ein gemeinsamer Stellenwechsel mit ihrem Mann oder ein eigener Neuanfang? Ihre Entscheidung fiel klar aus: Konzentration ganz auf Gemeindearbeit – und das in Neumarkt.

Manche Menschen hier kennen mich vielleicht noch als Kind.Barbara Thie, evangelische Pfarrerin

Dass Dekanin Christiane Murner sie gezielt ansprach, war für Thie ein wichtiges Signal. Man kennt sich aus dem Evangelischen Bildungswerk NAH, arbeitet seit Jahren zusammen. „Ich hatte das Gefühl, da ist Vertrauen – und echtes Interesse.“ Die Stelle lasse sich gut mit ihrem Wohnort Feucht verbinden.

Für ihre neue Aufgabe möchte Barbara Thie sich Zeit nehmen. Zeit, um anzukommen, Menschen kennenzulernen und zuzuhören. Zu ihren Schwerpunkten zählen Konfirmandenarbeit, Seniorenarbeit, Seelsorge und Gottesdienste. Die Seniorenarbeit ist für sie neu – und gerade deshalb reizvoll. „Manche Menschen hier kennen mich vielleicht noch als Kind. Jetzt sind wir alle miteinander im Seniorenalter.“

Kirche soll ihre Relevanz deutlich machen

Gleichzeitig beginnt ihre Arbeit in einer Phase tiefgreifender kirchlicher Veränderungen. Die evangelische Kirche steht vor Strukturreformen, Gemeinden müssen enger zusammenarbeiten, Gebäude aufgeben, neue Wege finden angesichts sinkender Finanzmittel und Mitgliederzahlen sowie weniger werdender hauptamtlicher Mitarbeitenden.

Barbara Thie kennt diese Prozesse und sieht darin eine Aufgabe. „Nichtstun ist keine Option“, sagt sie. Kirche müsse ihre Relevanz deutlich machen – als Ort von Gemeinschaft, als Stimme für Menschenwürde, Demokratie und Zusammenhalt. Dabei gehe es ihr nicht um einfache Antworten. „Ich habe kein Patentrezept“, sagt sie offen. Aber sie sei überzeugt: Glaube ist nicht nur Privatsache. „Er prägt unser Handeln, unseren Umgang mit anderen – und damit auch die Gesellschaft.“

Kultur spielt für sie eine große Rolle

Neben ihrer Arbeit ist Barbara Thie ein vielseitig interessierter Mensch. Sie radelt gern, geht bergwandern oder spazieren und freut sich darüber, dass das Schlossbad in Neumarkt gut erreichbar gleich um die Ecke ihres Büros liegt. „Ich lese sehr gern – im Urlaub zum Beispiel Romane“, erzählt sie. Zuletzt die beiden „Gretchen“-Bücher. Als neuen Lesestoff hat sie sich einen Roman des Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah besorgt. Kultur spielt für sie eine große Rolle: Sie singt im Chor, besucht Konzerte, Theater- und Ballettaufführungen, Museen und Ausstellungen.

Am Sonntag, 1. März, wird Barbara Thie offiziell eingeführt – im Gottesdienst um 10 Uhr in der Christuskirche. Es ist die Kirche ihrer Kindheit, heute modern und schlicht. Für sie schließt sich damit ein Kreis. Und zugleich beginnt etwas Neues. Wie genau das aussehen wird, lässt sie bewusst offen. „Erst einmal hinschauen und zuhören“, sagt sie. Alles andere werde sich zeigen. Die Tür des modern gestalteten Gotteshauses hat für sie dabei von besonderer Symbolik: „Vom Altar aus habe ich da immer den Blick nach draußen“ – in die Welt. Und von außen gewährt die Tür einen Einblick in das, was in der Kirche geschieht, und lädt ein hereinzukommen.