Missbrauchsopfer im Kloster Rohr: Zwei frühere Internatsschüler schildern Übergriffe von Patres

Von Martin Rutrecht · 5. Februar 2026 um 17:00

Patres hätten sich an ihnen vergangen, sie geschlagen und bedroht: Zwei frühere Internatsschüler berichten von schwerwiegenden Übergriffen im Kloster Rohr (Landkreis Kelheim). Zu Beginn des Jahres hat der Benediktinerorden die Aufarbeitung solcher Fälle angekündigt. Die Opfer leiden bis heute unter den Folgen.

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Herms Meer hatte seine Vergangenheit lange verdrängt. Unerklärbare Wut- und Schreianfälle begleiteten ihn Jahrzehnte in Beruf und privat. „Immer wenn ich mich in die Enge getrieben oder fremdbestimmt sah, neigte ich zu den Ausbrüchen.“ Heute, nach vielen Therapiestunden, zwei Klinikaufenthalten und der Diagnose posttraumatische Belastungsstörung, weiß der 72-Jährige: „Das liegt am sexuellen Missbrauch, den ich im Kloster als Internatsschüler erfuhr.“

Meer, aufgewachsen bei Bamberg, besuchte als Zehnjähriger ab Herbst 1964 Gymnasium und Internat in Rohr. Und wurde regelmäßig von einem Pater in dessen Zelle zitiert. „Er holte mich und erklärte, er sei um mein Seelenheil bemüht.“ Was folgte, nennt Meer „sexuelle Gewalt“. Details will er nicht äußern. „Danach nahm er mir die Beichte ab – damit durfte das Geschehene nicht den Raum verlassen.“

Daheim glaubte ihnen keiner: „Mönche tun so was nicht“

Über drei Jahre erstreckten sich die Vorfälle, sagt Meer, der heute in Bonn lebt. Mit zunehmendem Alter war „ich ihm nicht mehr jung genug“. Bis 1971 blieb Meer in Rohr, wurde später TV- und Hörfunk-Autor sowie Regisseur. Ein anderer Mönch, berichtet er in der Rückschau, pflegte in einem Ferienlager „sadomasochistische Praktiken“. Mehr will er auch dazu nicht sagen.

Dem Willen der Patres hilflos ausgeliefert zu sein, habe ihn für sein Leben traumatisiert. Daheim, seine Mutter war „glühende Katholikin“ (Meer), glaubte ihm niemand. Auch Hans Knoll aus Beratzhausen (Landkreis Regensburg) stieß bei seinen Eltern nur auf Kopfschütteln. „Mönche machen so was nicht“, erhielt er als Antwort. Dabei erlebte er „Todesangst“, die über Jahrzehnte in Albträumen wiederkehrte, wie der heute 83-Jährige unserer Zeitung berichtet.

Pater ließ ihn in 15 Metern Höhe aus Fenster baumeln

Auslöser war die „Bestrafung“ (Knoll) durch einen Pater. Der kräftige Ordensbruder hob ihn an der Hose hoch und ließ ihn aus dem Fenster baumeln – in 15 Metern Höhe. Er habe mit einem Mitschüler „auf Bayrisch geratscht“, sagt er zum Anlass für die Züchtigung. Der Vorfall ist über 70 Jahre her, aber die Angst vor einem tödlichen Fall hat sich eingegraben in Knoll.

Ab September 1951 war Knoll Internatsschüler im Kloster. Als Neunjähriger wechselte er dorthin. Ein anderer Pater versetzte ihm erneut wegen eines Schwätzchens einen derartigen Hieb von hinten, dass Knoll zu Boden stürzte und an Sehkraft an seinem linken Auge einbüßte. Was ihm wegen verminderter Sehleistung seinen Berufswunsch Förster kostete.

Als wäre das nicht genug, erlebte der 83-Jährige auch einen sexuellen Übergriff. Er lag erkrankt im Bett, ein Pater kam, „langte mir unters Nachthemd und befriedigte sich selbst“. Nach drei Jahren hatte er das Martyrium hinter sich, Knoll ging an eine andere Schule.

Erst nach 13 Jahren kam eine Zahlung von 10.000 Euro

Der Aufarbeitung „dieser dunklen Seite der Klostergeschichte“ wollen sich die bayerischen Benediktiner jetzt stellen, verkündete Abt Markus Eller, Abtpräses der Bayerischen Benediktinerkongregation und zuständiger Administrator für Rohr, im Januar. Schüler erlitten „sexualisierte Gewalt und andere Formen von Missbrauch“, erklärte der Abt. Zu den Schilderungen der beiden Männer sagt Eller, diese seien „auch Themen in diesem Aufarbeitungsprozess und ich möchte der Untersuchung nicht vorgreifen“.

Hans Knoll meldete die beschriebenen Vorfälle schon vor 15 Jahren ans Kloster, als die Missbrauchsdebatte rund um Kirchen und Ordensgemeinschaften aufkam. Erst dadurch fasste er den Mut, über die Geschehnisse zu sprechen. Und ging auch an die Öffentlichkeit. Bis 2023 dauerte es, ehe ihm die Benediktiner eine Entschädigung von 10.000 Euro zahlten. „Die Schäden lassen sich mit Geld nicht wieder gut machen.“

Die vier Täter sind längst verstorben, die Fälle juristisch verjährt

Die Täter – von vier ist bisher die Rede – sind längst verstorben, die Fälle juristisch verjährt. Herms Meer wandte sich erst 2023 an das Kloster. „Die wachsenden Erkenntnisse über Missbrauch von Klerikern und eine spezielle Therapie wegen sexueller Übergriffe“ veranlassten ihn dazu. Der 72-Jährige bekam nach langem Ringen 50.000 Euro zugesprochen.

Diese Summe hat das Kloster Rohr als Obergrenze eingezogen, sagte Abt Eller jüngst in einem Rundfunk-Beitrag. Unserer Zeitung gegenüber verwies er auf eine Pressekonferenz Ende Februar, in der die Vorgehensweise erläutert werde. Über eine „Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen der Deutschen Bischofskonferenz“ erhalten Opfer zwar bis zu 250.000 Euro oder mehr. „Diesen finanziellen Spielraum kann ich für das Kloster Rohr aber nicht mitgehen.“

Entschädigungen sind für Knoll und Meer nur ein Aspekt. Letzterer sagt: „Wir gehen an die Öffentlichkeit, damit sich mehr Betroffene ermutigt fühlen, über ihr Schicksal zu sprechen. Sie müssen sich nicht schämen, sondern die Täter und Verantwortlichen, die Jahrzehnte lang die Verbrechen verharmlost, vertuscht und geleugnet haben.“