Den Nöten der Jugend auf der Spur: Kreispolitik deutet Zahlen vom Kelheimer Jugendamt

Das Thema Jugendhilfe wirkt in der Kreispolitik wie ein Zahnarztbohrer: Schmerzverzerrt sind die Gesichter, wenn alljährlich ein steiler Kostenanstieg präsentiert wird. Nun hat das Essener Institut Inso die Kelheimer Jugendhilfe-Ausgaben analysiert – und so manches daran relativiert. Der Kreisausschuss sieht aber Handlungsbedarf.
16,4 Millionen Euro im vorigen Jahr und 17,3 Mio. Euro für heuer sind im Kelheimer Kreishaushalt als Netto-Ausgaben für die Jugendhilfe eingeplant. Vor allem, dass solche Kostensprünge Jahr für Jahr üblich sind, besorgt die Kreispolitik. Auch deshalb wurde das „Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung“ (Inso) mit einer bezirksweiten Gegenüberstellung von Kosten und Fallzahlen in der Jugendhilfe beauftragt. Marco Szlapka, Vorsitzender von Inso e.V., präsentierte die Ergebnisse jüngst im Kreisausschuss. Sie zeigen: Verglichen mit anderen Landkreisen, kommt Kelheim in vielen Bereichen eher „glimpflich“ davon.
Demnach sind Kelheims Fallzahlen und Kosten der Jugendhilfe, mitsamt den Steigerungsraten, für sich genommen hoch – aber anderen niederbayerischen Landkreisen geht es nicht besser, einigen eher schlechter. So nehmen allerorten die Schulbegleitungen für Kinder mit Behinderung, allerorten rasant zu.
Die Tücken im Detail und die Fehler im System
In einigen Teilbereichen der Jugendhilfe entdeckte Sozialwissenschaftler Szlapka freilich Auffälligkeiten bei den Kelheimer Zahlen und hatte entsprechende Hinweise und Verbesserungsvorschläge für Kreispolitik und -verwaltung . Die Mitglieder im Kreisausschuss diskutierten aber auch über Fehler im System Jugendhilfe.
So dachten die Kreisräte Richard Zieglmeier (Grüne) und Peter-Michael Schmalz (ÖDP) laut darüber nach, ob steigende Fallzahlen der Jugendhilfe womöglich (auch) eine Folge von zu verzagtem oder zu spätem Eingreifen und zu wenig Präventionsangeboten seien. „Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die Kinderarmut gestiegen ist!“, brachte Willi Dürr (SPD) als mögliche weitere Ursache ins Spiel.
Herbert Blascheck (CSU) kritisierte, „der Bund schafft immer neue Rechtsansprüche – und wir Kommunen baden es aus“. Er forderte, wieder mehr auf Eigenverantwortung der Familien zu setzen. Daneben sollte der Landkreis „seinen geringen Handlungsspielraum auch nutzen“. Er schlug konkret ein Modellprojekt vor, in dem die Schulbegleitung testweise mit der Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) gekoppelt wird. „Wir wollen die Kosten der Jugendhilfe senken, aber die Qualität trotzdem steigern“, so Blaschecks Ziel.
Dafür müsste auch die Bürokratie entrümpelt und das System Jugendhilfe wieder vereinfacht werden, befand Landrat Martin Neumeyer. Was freilich gar nicht so leicht scheint.
So sieht Neumeyer selbst bei der Schulbegleitung – also wenn ein Schulkind eine Assistenzperson beim Schulweg und/ oder Unterricht hat – zwar Chancen im vieldiskutierten „Pooling“ (ein Begleiter betreut mehrere Schüler). Aber gerade dann brauche es genaue Regeln, wofür und für wen der Begleiter zuständig ist: Sonst wecke man unerfüllbare Begehrlichkeiten im Klassenzimmer, warnte er.
Auch Inso-Experte Szlapka hält das System Jugendhilfe für viel zu „verästelt“. Auffällig sei etwa, dass der drastische Anstieg der Fallzahlen zu einem guten Teil auch daher rühre, dass eine einzelne Familie bis zu fünf, sechs verschiedene Bereiche im Jugendhilfesystem in Gang setzen könne. Nicht zwingend absichtlich, sondern auch deshalb, weil der Gesetzgeber eben „für jedes Problem einen eigenen Rechtsanspruch“ etabliert habe.
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Jugendhilfe kann auch zum Perpetuum mobile werden
Man müsse prüfen, „wo die Verantwortung des Staats endet und Eigenverantwortung der Familien nötig ist“, sagte der Sozialwissenschaftler und riet, Hilfen zielgerichtet einzusetzen: zum Beispiel die Jugendsozialarbeit an Schulen eher für Prävention und fürs Netzwerken. Wo die JaS stattdessen bei den Schülern „hinter jede Haustür schaut, findet sie auch viel – und löst immer neue Hilfebedarfe aus“.
Szlapka sieht aber auch objektive Gründe für steigende Fallzahlen. So seien moderne Familienstrukturen „immer weniger geeignet, Probleme aufzufangen“: Das Familien-Netzwerk vor Ort werde stetig kleiner, weil immer mehr Arbeitnehmer ihrem Arbeitsplatz hinterherziehen und dort zum Beispiel auf Oma, Opa und Co. als Unterstützung verzichten müssten.