Jugendhilfe in Kelheim: Gratwanderung zwischen Kinder- und Geldsorgen

Wo steht der Landkreis Kelheim mit seiner Jugendhilfe, verglichen mit den anderen niederbayerischen Landkreisen? Das hat das Essener Institut Inso analysiert und einige auffallenden Zahlen genauer angeschaut. Er brachte auch Verbesserungsvorschläge nach Kelheim mit.
Im Kreisausschuss des Kelheimer Kreistags war unlängst Marco Szlapka zu Gast, Vorsitzender von Inso e.V. Das „Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung“ (Inso). Er stellte Vergleichs-Statistiken zur Jugendhilfe in den niederbayerischen Landkreisen vor - und Vorschläge, wo Kelheim sich etwas „abschauen“ könnte.
■ Hilfen zur Erziehung: Ein Schwerpunkt der Leistungen des Kreisjugendamts (und folglich der Kosten) sind die gesetzlich geregelten „Hilfen zur Erziehung“ (HzE), angefangen vom Angebot der Erziehungsberatung über ambulante Hilfen wie die Sozialpädagogische Familienhilfe bis zur intensivsten Form, der Heimerziehung von Kindern. Im Jahr 2013 wurden im Landkreis Kelheim 429 Mal solche Hilfen gewährt; im Jahr 2024 dann schon 641 Mal.
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Um mit anderen Landkreisen vergleichen zu können, muss man die Kosten auf die Gesamt-Einwohnerzahlen umrechnen. In Kelheim fielen für die HzE im Jahr 2013 statistisch 72 Euro pro Landkreis-Einwohner an Sachkosten an (für externe Partner, deren Fachpersonal diese Hilfen erbringt), plus umgerechnet 5 Euro je Einwohner an eigenen Personalkosten (also im Landratsamt). Im Jahr 2024 lagen diese Werte schon bei 187 bzw. 10 Euro.
■ Bezirks-Vergleich: Der Blick nach nebenan relativiere diese Steigerungen aber, erklärte Marco Szlapka, Vorsitzender von Inso e.V., jüngst im Kreisausschuss. In Deggendorf etwa verdreifachte sich von 2013 bis 2024 die HzE-Sachkosten fast, von 81 auf 220 Euro je Einwohner, und die Personalkosten stiegen von 6 auf 15 Euro; in Dingolfing-Landau schnellten sie von einem viel niedrigeren Niveau (51 bzw. 11 Euro) um mehr als das Dreifache nach oben (187 bzw. 36 Euro). Außer Deggendorf liegen mittlerweile alle Kreise und kreisfreien Städte im Bezirk bei den HzE-Kosten auf dem Kelheimer Level, bei den Personalausgaben meist darüber.
■ Heime: Im bezirksweiten Vergleich, so Szlapka weiter, setzt der Kreis Kelheim die Sozialpädagogische Familienhilfe vergleichsweise sparsam ein und die Heimerziehung vergleichsweise oft. Bei letzterer – mit 70- bis 120.000 Euro jährlicher Kosten pro „Fall“ die teuerste Hilfeleistung – seien Kelheims Fallzahlen, nach starkem Anstieg, nun aber seit einigen Jahren konstant, es gebe daher wohl kaum noch Sparpotenzial. Allerdings habe sich binnen zehn Jahren die Dauer der Heimaufenthalte im Schnitt fast verdoppelt.
Das ist problematisch nicht nur wegen der Kosten: Allein in Bayern fehlen laut dem Inso-Experten bis zu 3000 Heimplätze; Kinder und Jugendliche werden teils quer über die Republik verteilt untergebracht.
■ Hilfe-Dauer: Marco Szlapka wertete lange Laufzeiten von Hilfeangeboten generell als Warnsignal: Womöglich werde bei der Wirkung der Hilfe zu wenig hingeschaut – und dies womöglich, weil dem Jugendamt dafür das Personal fehle. Konkret in Kelheim fällt das in zwei Bereichen auf: bei der Laufzeit von stationären Formen (Heimerziehung ) und von teilstationären Hilfen – vorwiegend heilpädagogische Tagesgruppen, von denen es im Landkreis vergleichsweise viele gibt. Von 2013 auf 2023 hat sich die durchschnittliche Laufzeit jeweils ungefähr verdoppelt. Wegen der Tagesgruppen gebe es schon Gespräche mit deren Träger, der Kath. Jugendfürsorge, merkte Landrat Martin Neumeyer an.
■ Gesetzgeber: Allgemein steigen indes bezirks- und bayernweit die HzE-Kosten stark: Für den Sozialwissenschaftler auch die logische Folge immer neuer gesetzlicher Aufgaben für die Landkreise. Und es seien schon wieder neue in Sicht, nämlich mit dem „Gesetz zur Ausgestaltung der Inklusiven Kinder- und Jugendhilfe“, warnte er.
■ Kindeswohlgefährdung: Eine große Bandbreite im Bezirk gibt es bei den Fallzahlen (vom Jahr 2023), die aus dem Verdacht einer Kindeswohl-Gefährdung entstehen. Jeder entsprechenden Meldung – zum Beispiel von Erziehungs-, pädagogischem oder ärztlichem Personal – muss das Jugendamt nachgehen.

So leitete der Kreis Deggendorf (123.000 Einwohner) insgesamt 498 Verfahren ein, von denen sich aber knapp die Hälfte als unbegründet erwiesen. Der kaum kleinere Kreis Rottal-Inn (129.000 EW) leitete lediglich 42 Verfahren ein; 16 erwiesen sich als unbegründet. Und in Regen (79.000 EW) kam es gerade mal zu 16 Verfahren – von denen sich aber keines als gänzlich unbegründet herausstellte.
Das Jugendamt Kelheim (127.000 EW) erhielt 280 Hinweise auf Kindeswohl-Gefährdung. 121 davon erwiesen sich als obsolet. Bei 87 Fällen stellte das KJA zumindest einen Hilfebedarf in der jeweiligen Familie fest. Und in 33 Fällen erkannte es tatsächlich eine latente, in 39 Fällen gar eine akute Kindeswohlgefährdung. Viel zwar, aber doch deutlich weniger als die ursprünglich gemeldeten 280 Verdachtsfälle, gab Marco Szlapka zu bedenken.
■ Handlungstipps: Er empfahl deshalb, potenzielle Hinweisgeber – wie schulisches und Kita-Personal – gezielt zu schulen, damit diese die Gefahrenlage besser einschätzen können. Überlegenswert sei auch, mit KJA-eigenem Personal eine Art Clearingstelle zu schaffen, die den konkreten Handlungsbedarf auslotet.
Einen eigenen Dienst einzurichten, mit eigenen Fachkräften, sieht Marco Szlapka auch als Option an, um die Schulbegleitung im Landkreis künftig effizienter aufzustellen. Und schließlich riet er zu prüfen, ob Kelheim, wie bereits einige andere Landkreise, die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS) in kreis-eigene Trägerschaft überführen könnte.