Von Online-Nächten über Trennungsstreit bis zur Depressionen: Familienberatung wird immer anspruchsvoller

Psychische Krisen bei jungen Menschen, Streit in der Familie und die Macht der Sozialen Medien: Das sind Hauptgründe, warum immer mehr Betroffene zur Familienberatungsstelle Kelheim kommen. Einen Appell von dort hat die Kreispolitik nun erhört.
Ein Fünftel der Minderjährigen hierzulande gilt als psychisch belastet – insbesondere solche aus sozial benachteiligten und/ oder psychisch belasteten Elternhäusern. Zudem hängen 40 Prozent der Kids mehr als vier Stunden täglich an Smartphone & Co. fest. Wohl wissend, dass ihnen das nicht guttut – aber sie kommen nicht dagegen an.
Was solche bundesweiten Studien zeigen, bekommen Michaela Menzinger, Leiterin der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien, und ihre Vorgängerin Brigitta Hable live mit. Die Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) betreute im Jahr 2021 noch 360 Fälle; 2024 waren es schon 509, und heuer wird die Zahl wohl weiter steigen, schilderten Menzinger und Hable jüngst dem Kreis-Jugendhilfeausschuss. Immerhin zeige der Anstieg auch, dass Eltern die Sorgen und Verhaltensänderungen ihrer Kinder ernster nehmen. Was sie vereinzelt freilich arg fordernd werden lässt: „Einen Termin jetzt!“ heiße es dann am Telefon. Freilich haben viele Fälle ein ganz anderes Kaliber als früher.
Trennung: immer früher - und oft „leider hoch streitig“
Schulprobleme, Einschlafschwierigkeiten und ähnliches waren früher „typische“ Fragen in der Beratung. Heute geht es oft um Existenzielles: Depressionen und Suizidgedanken etwa; Probleme mit der eigenen sexuellen Orientierung; massiver Schlafmangel nach Online-Nächten; Trennung und Scheidung der Eltern – im Schnitt immer früher und in etwa jedem fünften Fall „leider hoch streitig“; Kriegs- und andere Traumata. Knapp ein Drittel der Klienten bringt einen Migrationshintergrund mit, was teils die Beratung sprachlich erschwert.
Lesen Sie hier einen ausführlichen Bericht zur Statistik 2024: Die seelische Not vieler Jugendlicher aus Kelheim wird immer größer
Schwierig abzuwägen seien suizidale Gedanken junger Menschen äußern, schilderte Psychologin und Psychotherapeutin Brigitta Hable: Reicht, was die Beratungsstelle vermitteln kann, oder ist eine klinische Behandlung vonnöten? Für viele Hilfesuchende ist die KJF-Einrichtung in der Riedenburger Straße in Kelheim (und in der Außenstelle Mainburg) eh die einzige schnell erreichbare Anlaufstelle.
„Wir werden zum ,Auffangbecken‘, weil ambulante und stationäre Angebote immer stärker überlastet sind“ und teils gar keine Termine mehr vergäben, oder erst viele Monate später. Mit „maximal sechs bis acht Wochen Wartezeit“ sei die Beratungsstelle sehr gut, sagte die neue Leiterin Michaela Menzinger. Dafür setze man auch auf Prävention: Wer gar nicht zum „Fall“ wird, erspart sich selbst viel Leid – und der Gesellschaft die Folgekosten für Therapien und Co.
Präventionsangebote in Kelheim, Mainburg und dezentral
Menzingers Team bietet dazu „Baby-Sprechstunden“ für Eltern von Babys mit Schlaf-, Schrei- oder Futterstörungen sowie Aufsuchende Beratung in Kitas, Mehrgenerationenhäusern oder Jugendtreffs; Gruppenstunden zur Sozialkompetenz-Schulung für jüngere und ältere Kinder und Jugendsprechstunden.
Das Bistum Regensburg als Träger bat nun den Kreis Kelheim, ab 2026 den Kreiszuschuss für die Beratungsstelle von 3000 auf 5000 Euro zu erhöhen. Zwar schon beachtlich, wie Kreisrat Stephan Schweiger anmerkte. Aber die Pflichtaufgabe der Beratung selbst zu übernehmen, käme weit teurer, sagte Jugendamtsleiter Norbert Birnthaler. Der Jugendhilfeausschuss befürwortete die Erhöhung. Das letzte Wort hat der Kreistag.