Die seelische Not vieler Jugendlicher aus Kelheim wird immer größer

Seit Corona wird die psychische Not der Jugendlichen im Landkreis Kelheim immer größer. Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge in Kelheim reagiert darauf mit einem neuen Angebot.
„In den letzten Monaten haben wir festgestellt, dass die Nachfrage nach Unterstützung für Jugendliche stetig wächst“, sagt die Psychologin Annina zu Eltz, Mitarbeiterin der Erziehungsberatungsstelle Kelheim. Die Herausforderungen durch die Pandemie, politische Ereignisse, der Einfluss sozialer Medien und der zunehmende Medienkonsum hätten bei vielen jungen Menschen Unsicherheiten, Ängste und sogar Hoffnungslosigkeit ausgelöst. „Natürlich stehen auch Fragen rund um das Erwachsenwerden, zwischenmenschliche
Beziehungen und Probleme mit der Familie weit im Vordergrund“, so zu Eltz.
Anonymität in der Jugendsprechstunde ist gewahrt
„Um Jugendlichen einen unbürokratischen Zugang zu unserer Stelle zu ermöglichen, haben wir deshalb, zusätzlich zu fest vereinbarten Terminen, eine wöchentliche offene Jugendsprechstunde eingerichtet“, so Diplom-Psychologin Brigitta Hable, die Leiterin der Einrichtung.
Mit der offenen Jugendsprechstunde soll eine unkomplizierte Möglichkeit geschaffen werden, Jugendliche in dieser herausfordernden Lebensphase zu unterstützen. „Dabei ist es uns besonders wichtig, die Hemmschwelle für den Zugang so gering wie möglich zu halten. Viele Jugendliche wissen nicht, dass es solche Angebote gibt, oder sie scheuen sich, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, so zu Eltz. Sie ist eine von vier Beraterinnen, die wechselweise die offene Jugendsprechstunde betreuen.
Jeden Mittwoch offene Jugendsprechstunde
Die ersten Wochen zeigten schon jetzt, wie wichtig ein solches Angebot ist. „Die Nachfrage ist bereits groß“, so zu Eltz.
Jeden Mittwoch von 15.30 bis 17 Uhr stehen die Türen der Beratungsstelle Jugendlichen offen ohne Termin oder Voranmeldung. Anonymität und Vertraulichkeit sind gewahrt. Die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche befindet sich in der Riedenburger Straße 6 in Kelheim. Kontakt:Tel. (09441) 6759-0 www.beratungsstelle-kelheim.de
Immer mehr Hilfesuchende werden vorstellig
Seit Corona sind aber die Zahlen in der Beratungsstelle insgesamt deutlich gestiegen – von 360 Fällen im Jahr 2021 auf 509 im vergangenen Jahr, die Zahl der Anmeldungen hat sich seit dem ersten Corona-Jahr 2020 bis 2024 fast verdoppelt - von 202 auf 399. „Das ist eine riesige Steigerung“, sagt Hable,
Diese führt Hable einerseits auf die große Akzeptanz der Beratungsstelle zurück, aber auch auf die hohe Belastung der Menschen. „Wir nehmen eine hohe Stressbelastung in Familien wahr“, sagt sie Berufstätigkeit, Zweitjobs, Probleme mit den Kindern, finanzielle Sorgen, Trennung/Scheidung… viele Ratsuchenden seien am Limit.
Bis zu drei Monaten Wartezeit
Die Kelheimer Beratungsstelle ist keine Ausnahme. Sowohl in Präsenz als auch online verzeichnen die Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Regensburg eine steigende Zahl an Ratsuchenden. Insgesamt wandten sich 2024 rund 5500 Familien mit Kindern und Jugendlichen an die zehn Beratungsstellen und 18 Außenstellen mit 100 Mitarbeitern. Das sei über ein Prozent mehr als 2023, allerdings verzeichnete die KJF im Vorjahr einen sprunghaften Anstieg um 21 Prozent.
Doch immer öfter ist Geduld gefragt. „Die Wartezeiten sind gestiegen“, erklärte der Direktor der KJF, Michael Eibl, kürzlich bei der Jahrespressekonferenz. Bis zu drei Monate müssten Ratsuchende aktuell warten. „Das ist oft viel zu lange“, sagte er. Er bräuchte mehr Personal und hofft deshalb auf politische Rahmenbedingungen, die ihm eine Finanzierung weiterer Stellen ermöglichen.
Berater sind häufig vor Ort
In Kelheim mit aktuell sechs Beraterinnen in Teilzeit liegt die Wartezeit aktuell bei „vier bis acht Wochen“, sagte Hable, damit liege man ganz gut angesichts der gestiegenen Zahlen. Die Lücke, die durch die Elternzeit einer Mitarbeiterin entstanden sei, könne ab April durch eine Vertretung geschlossen werden.
Einen weiteren Fokus legt die Kelheimer Beratungsstelle darauf, Eltern kleiner Kinder möglichst gut zu erreichen. So wolle man auch einen Beitrag zur Prävention leisten. „Bewährt hat sich unsere Aufsuchende Beratung in Kindergärten und Krippen“, so Hable. Regelmäßig finden Sprechstunden in zirka 20 Kindertagesstätten statt.
Für Ratsuchende in Krisensituationen, beispielsweise für Eltern von so genannten Schreibabys, sei man bestrebt, Sofort-Termine zur Verfügung zu stellen.
Mehr als die Hälfte von Trennung und Scheidung betroffen
Wie im Jahr 2023 ist die Mehrheit der Familien, die Beratungsangebote an den KJF-Stellen suchen, von Trennung und Scheidung betroffen, nämlich 53,7 Prozent. Fast ein Viertel der Beratungsleistungen betreffe Familien mit Kindern im Alter von null bis fünf Jahren. In der Beratung stünden oft das Bindungs- und das Sicherheitsbedürfnis der Kinder im Mittelpunkt, was sich langfristig auf ihre Entwicklung auswirke.
Eltern stark zu machen, gehöre daher zu einem wesentlichen Teil der Einzelberatungen, Gruppenberatungen und pädagogischen Programmen, die in unterschiedlicher Form an den einzelnen Standorten angeboten werden.
Onliner-Beratung immer stärker nachgefragt
Zusätzlich zu den Fällen von Ratsuchenden in Präsenz beraten die Beratungsstellen über die Portale der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung und der Caritas Familien über das Internet. „Im Jahr 2024 ist die Onlineberatung drastisch angestiegen“, so Eibl. Hier laufen zwar auch bundesweite Anfragen auf, doch der Großteil der Ratsuchenden kommt aus der Region. Online-Beratung sei besonders niederschwellig. Oft würden daraus Präsenz Gespräche erwachsen. Das Online-Angebot nehme den Menschen die unbegründete Scham, Beratung zu benötigen und mildere Ängste ab.
Insgesamt sei das digitale Zeitalter vollends in den Beratungsstellen angekommen. Aktuell werde mit hohem Tempo an der Einführung der elektronischen Akten gearbeitet, was unter anderem Herausforderungen an den Datenschutz stelle. Zudem ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) ein großes Thema. „Eine Beratung durch eine Maschine wird es bei uns nicht geben“, betonte Meier. Allerdings prüfe man den Einsatz der KI in der Fortbildung der Mitarbeiter, in der Auswertung von Statistiken und in der Verarbeitung von Protokolle

