Graffiti mit Ocker und Schreib-Griffel – Sonderausstellung zu 50000 Jahren Wandkunst

Von Etienne Nückel · 25. März 2025 um 19:00

Mit der Ausstellung „WallArt – 50 000 Jahre Farbe an der Wand“ startet im Archäologischen Museum Kelheim am 28. März die Museumssaison. Barbara Wimmer-Bulin, zuständig für Sonderausstellungen, erklärt, worum es geht.

Seit der Mensch sich seiner selbst bewusst wurde, malt er auf Wände. In steinzeitlichen Höhlen, römischen Villen, mittelalterlichen Kirchen, bayerischen Bauernhäusern und modernen Städten. Die älteste bekannte Höhlenmalerei entstand vor rund 55 000 Jahren, sagt Wimmer-Bulin. Gefunden wurde sie in Indonesien, auf der Insel Sulawesi. Ganz in der Nähe wurde eine Malerei eines Warzenschweins gefunden, die etwa 45 000 Jahre alt ist. Sie wird in der Ausstellung im Archäologischen Museum zu sehen sein. Die Original-Bilddatei wurde von der University of Australia zur Verfügung gestellt. Die neueste Malerei in der Ausstellung gibt es noch gar nicht. Der Münchner Graffiti-Künstler Martin Blumöhr wird sie am Internationalen Tag des Museums am 18. Mai auf einer Wand im Garten des Archäologischen Museums anfertigen. Die Betonsteine dafür wurden dieser Tage geliefert.

Auch wenn zwischen der ersten Höhlenmalerei und heute, zwischen Malereien von Mammuts und Warzenschweinen aus Ocker und Tierfett und Straßenkunst aus der Spraydose viele Jahrtausende liegen – was die Menschen mit ihren Werken ausdrücken wollten, ist erstaunlich gleich geblieben, sagt Wimmer-Bulin: „Es geht um die Selbstverortung in der Welt – ich bin in der Welt, nehme mich wahr und interagiere und beeinflusse die Welt“.

Graffiti früher und heute

Schon bei der Höhlenmalerei gab es zwei Dimensionen, erklärt Wimmer-Bulin. Eine war ganz pragmatisch: Menschen malten sich bei der Jagd. Andererseits erzählten sie aber auch Geschichten und Mythen, versuchten sich an Erklärungen, wie die Welt entstanden war. Ähnlich ist es auch bei der Lüftlmalerei, die im späten 18. Jahrhundert in Oberbayern entstand. Diese Form der Wall-Art zeigt einerseits Szenen aus dem bäuerlichen Leben, aber auch Heilige und andere religiöse Szenen.

Wimmer-Bulin ist überzeugt, dass die Menschen sich seit der Zeit der Höhlenmenschen nicht wesentlich von von uns unterscheiden, das würden auch Untersuchungen zum menschlichen Gehirn belegen. Freilich, die Lebenswelt habe sich verändert. Aber was Menschen bewege, sei über die Jahrtausende erstaunlich ähnlich geblieben.

Gut sehen könne man das am Beispiel der römischen Stadt Pompeji, die 79 n. Chr. von der Asche des Vesuvs verschüttet wurde. Dort konnten Forscher gut erhaltene antike Graffiti finden, die mit einem Stilus genannten Metallstift in Wände geritzt wurden. Einige werden auch in Kelheim ausgestellt.

Es finden sich beispielsweise Karikaturen von Politikern, die von ihrer Bildsprache her auch in modernen Zeitungen erscheinen könnten, Grußformeln an Hauseingängen und auch viel Erotisches und Versautes – was aber im Archäologischen Museum nicht ausgestellt werde, da viele Schulklassen kommen, sagt Wimmer-Bulin. So wie heute Graffiti-Sprayer ihren Namen, auf englisch „tag“, an Wände sprühen, taten das auch Graffiti-Ritzer im antiken Pompeji, weiß Wimmer-Bulin. Die Botschaft ist damals wie heute klar: „Ich war hier“. Sportfans machten ebenfalls Werbung für ihre Teams – was heute Aufkleber des Jahn-Regensburg sind, waren früher Zeichnungen von Gladiatoren-Gruppen, sagt Wimmer Bulin.

Mitmachaktion für Kinder

Und an dem Tresen eines Thermopolium wurde in Pompeji die Inschrift „Nicias, schamloser Scheißer“ gefunden. Ein Thermopolium war sozusagen eine antike Fast-Food-Bude, sagt die Kuratorin, wörtlich übersetzt heißt es „Warmverkauf“. Möglicherweise hatte einem Kunden das Essen nicht geschmeckt. Das Thermopolium samt Fresken und Inschrift am Tresen können Besucher im ersten Stock des Museums ansehen.

In der Ausstellung werden noch viele weitere Exponate von Inschriften in mittelalterlichen Kirchen über eine undatierte Ritzung aus dem Schulerloch bis zu Graffitis zeitgenössischer Künstler. Außerdem werden Vorträge und Führungen angeboten. Und am Internationalen Museumstag dürfen sich Kinder an der Höhlenmalerei versuchen – das Motto: „Steinzeitpicasso“.

Sonderausstellung:

Termin: Die Sonderausstellung „WallArt: 50 000 Jahre Farbe an der Wand“ ist von 1. April bis 9. November geöffnet. Sie verspricht „einen Streifzug durch Zeit und Raum – von der Steinzeit und Sulawesi bis heute direkt vor der Museumstüre. Von rätselhaften Handabdrücken der Vergangenheit bis zur schreiend bunten ‘Sachbeschädigung‘.“

Öffnungszeiten: Das Archäologische Museum feiert letztmalig den Start ins Museumsjahr – ab dieser Saison hat es nämlich ganzjährig geöffnet.

Moderne Wandkunst wird ebenfalls gezeigt
Diese antike Karikatur könnte aus eine modernen Zeitung sein.