Unerschrockener Weltstar Renate Behle: „Das ist mein Temperament: volle Kraft“

Die Sängerin ist 80 - und findet am Theater Regensburg die ideale Rolle, obwohl sie sich von der Bühne schon zurückgezogen hatte. „Lucidity“ kreist um die Frage, wie stark Musik und Erinnerung verdrahtet sind.
Alter Mensch, das klingt so uncharmant, aber es stimmt ja: Wer 80 ist, ist nicht mehr jung – jedenfalls zu alt, Oper zu singen – oder? Pah! Renate Behle hält sich mit Zuschreibungen nicht weiter auf. Die Weltklasse-Künstlerin, Jahrgang 1945, übernimmt in „Lucidity“, der neuen Kammeroper am Theater Regensburg, die zentrale Rolle einer alten Sängerin, die dement wird, eine schwierige Partie, für die sie obendrein sehr kurzfristig angefragt war, als eine andere Option ausfiel. Warum tut sich eine Sopranistin, die alles erreicht hat, das an? Weil die Figur so gut passt, erzählt Renate Behle am Sonntag, außerdem weil Sebastian Ritschel „so ein hundsbegabter Regisseur ist“ und eben auch: so charmant.
Unerschrocken und uneitel, pragmatisch und zupackend, so lernt man die Sängerin erst bei der Matinee im Theater am Haidplatz, später bei einer Tasse Kaffee, einem Glas Apérol im Foyer des „Goliath“ kennen.
Jemand krank? Renate Behle, der Joker, sprang ein
Renate Behle hat sich an den großen Häusern den Ruf als Joker erworben. Ein paar Episoden blitzen auf: Wie sie nachmittags daheim in Hamburg noch an der Tapezierleiter stand, als der Anruf der Staatsoper Hannover kam, ob sie einspringen könnte? Sie konnte, na klar, und schnappte sich ein Taxi. Oder wie sie von Jetzt auf Gleich 1995 an der Staatsoper Wien die „Salome“ übernahm. „Anja Silja war Herodias, die hatte die Partie vielleicht 300 Mal gesungen. Ich war voller Ehrfurcht“, erinnert sich Renate Behle und bekennt: „Bis man sich selbst gut findet, braucht es ja Anstoß von außen.“
Unabhängig von Zweifeln, trotz des lebenslangen Ringens um Perfektion: Mit 42 wagte die frisch ernannte Kammersängerin den kühnen Wechsel vom Mezzo zu Sopran und verkündete ihrem Intendanten: „Ich singe im ,Rosenkavalier’ nicht mehr den Octavian, sondern die Marschallin.“ Punktum. Im Goliath sagt sie nun: „Ich habe 20 Jahre Mezzo und Alt gesungen – aber in meinem Innersten war ich immer eine Primadonna.“ Mailänder Scala, New Yorker Met, Salzburger Festspiele, Semperoper Dresden: Renate Behles Karriere nahm brausend Fahrt auf. Oft war sie mehrspurig unterwegs; ein Abend als Mezzo, der nächste als Sopran. „Die besten Jahre waren die bis 65. Lady Macbeth von Minsk, Isolde, Sieglinde, Salomé: Solche Typen liegen mir. Wo du abräumst. Das ist mein Temperament: volle Kraft“, sagt sie. Man glaubt ihr aufs Wort.
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„Zuletzt dachte ich: Es reicht.“ Aber der Garten, Jäckchen häkeln für die Pelztiere der Enkel: „Es reichte doch nicht.“ Als am 10. Dezember 2025 der Anruf von Sebastian Ritschel kam, für ihre Rolle als Lili, überlegte sie nur kurz. Am 15. Dezember kam sie nach Regensburg und versuchte ab da, sich die Rolle reinzupauken. „Ich war ständig heiser. Das ist nicht einfach geschrieben und ich hatte seit eineinhalb Jahren nicht überzeugend geübt.“ Im Januar bezog die Künstlerin Quartier in Regensburg, probte intensiv. „Inzwischen fühle ich mich sicherer in der Rolle.“ So sicher, dass sie am 7. Februar nach Stuttgart fährt, wo ihr Sohn, Tenor Daniel Behle, Premiere bei „Meistersinger“ hat, und am 8. Februar zurück, zur eigenen Premiere in „Lucidity“.
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Die Frage wird dann vermutlich nicht sein: Reicht diese Stimme noch aus für eine anspruchsvolle Titelpartie? Sondern eher: Wirkt diese Stimme brüchig genug für diese Rolle einer Frau in gehobenem Alter? „Es freut mich schon, dass ich zeigen kann, dass ich noch Kraft habe“, bekennt Renate Behle – auch wenn 90 Minuten Oper Kondition brauchen. „Der Körper ist jeden Tag anders“, sagt die Sängerin. „Ich geh’ spazieren, mach’ Kniebeugen, soweit es geht, ich ziehe manchmal mein Trampolin unter dem Flügel hervor – und ich übe natürlich jeden Tag.“
Dramaturg Ronny Scholz gibt am Sonntag Einblick in die Kammeroper, eine europäische Erstaufführung, komponiert von Laura Kaminsky, die das Regensburger Publikum schon 2023 mit der Transgender-Kurzoper „As One“ berührt hat. „Lucidity“ kreist um eine Sängerin zwischen 70 und 80, deren Welt sich im großen Vergessen auflöst. Ihr Adoptivsohn Dante (als Gast: Davide Piva) opfert seine Karriere als Pianist, um sie zu betreuen. Dazu kommt Dr. Claire Klugman (Svitlana Slyvia), eine Ex-Studentin von Lili, die erforscht, wie eng Musik und Erinnerung verdrahtet sind, an ihrer Seite: die Klarinettistin Sunny (Scarlett Pulwey). Vier Biografien voller Brüche werden erzählt, die – anders als der Titel „Lucidity“, Klarheit, suggeriert - subkutan vorhanden sind, geheime Leben, die Stück für Stück freigelegt werden, begleitet vom Mini-Orchester mit Violine, Cello, Klavier, Klarinette, Schlagwerk. Ein irrer Zufall, diese Konstellation: Svitlana Slyvia, seit 2022 Mezzo am Regensburger Haus, hat selbst sechs Jahre lang bei Renate Behle in Hamburg Gesang studiert.
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Scholz und Ritschel erlebten die Uraufführung von „Lucidity“ 2024 in New York. Die Demenz, das Tattrige, war da stark betont, so Scholz. „Jenseits der Geschmacksgrenze“. Ritschels Inszenierung dagegen stellt kein Krankheitsbild aus, sondern nimmt psychologische Linien auf, lässt die Kraft leuchten, die Musik innewohnt.
Renate Behle kennt den Gedächtnis-Dynamo Musik selber gut: „Auch ein Grund, warum ich die Lili singe: Es ist fast eine Aufarbeitung meines Lebens. Die Rolle reflektiert so viel, es kommt da so viel in Erinnerung.“ Bei Schuberts Lied „Der Hirt auf dem Felsen“ etwa, das Laura Kaminsky in ihre Oper verwoben hat und das bei der Matinee abgespielt wird: 1984 sang Behle das Lied in Gelsenkirchen. Sohn David, 6 oder 7, nahm es auf Kassette auf, erzählt Behle, und holt noch so ein Schätzchen aus ihrem reichen Fundus an Erinnerungen: „Am Klavier saß damals ein gewisser Christian Thielemann.“
Zur Premiere kommt die Komponistin aus New York
Renate Behle startete ihre Karriere als lyrischer Mezzo; mit 42 wechselte sie ins Fach jugendlich-dramatischer Sopran und wurde international gefeiert. Über ihre Lady Macbeth hieß es etwa: „Ihre Stimme wird perfekt geführt, besitzt das dunkle Timbre des ehemaligen Mezzos, die feste Durchschlagskraft in der Höhe, die Beweglichkeit in den Koloraturen, wo der Sopran quirlt und perlt wie Sekt.“ Die Österreicherin lebt seit 1971 in Hamburg, wo sie bis 2010 auch als Hochschul-Professorin Gesang lehrte. „Lucidity“ kommt am 8. Februar (18 Uhr) im Theater am Haidplatz als europäische Erstaufführung auf die Bühne. Bei der Einführung (17.15 Uhr) ist Komponistin Laura Kaminksy aus New York zu Gast; sie kommt mit Librettist David Cote zur Premiere.