Aufregendes Opernprojekt in Regensburg: „As One “ erzählt von einer Trans-Frau

Hannah findet zu sich: 15 kurze Szenen schildern den schwierigen Weg einer jungen Frau. Die Kammeroper von Laura Kaminsky erlebt im Theater am Haidplatz bereits ihre 61. Inszenierung. Am Samstag ist Premiere.
Hannah ist zwölf, lebt in einer Vorstadt in den USA und hat neben der Schule einen Job: Sie trägt Zeitungen aus. Während sie von Haus zu Haus radelt, genießt sie ein Gefühl, von dem niemand weiß: Sie trägt unter der Jacke eine Bluse, geklaut von der Nachbarin, und stellt sich vor, wie es wäre, Brüste zu haben, ein Mädchen zu sein. „It just feels so right!“, es fühlt sich so richtig an, singt Michael Daub bei der Matinee im Theater am Haidplatz in seinem weichen Bariton. Die Ballade könnte glatt aus einem Musical stammen.
Hannah ist nicht eins, sie ist zwei: ein Mädchen im Körper eines Jungen. Sie sehnt sich nach nichts mehr als eins mit sich zu werden. „As One“, so heißt auch das neue aufregende Opernprojekt, das am Samstag (9. Dezember, 19.30 Uhr) im Theater am Haidplatz Premiere hat. Vorab stellten Regisseur Ronny Scholz, Ausstatterin Christiane Hilmer, musikalischer Leiter John Spencer und Dramaturgin Maxi Ratzkowski die Inszenierung vor.
Schon die 61. Inszenierung
Komponistin Laura Kaminsky saß mit ihrer Frau beim Frühstück, als eine Zeitungsmeldung sie ansprang: Einer Familie mit Transfrau drohte der Verlust ihrer Rechte. Die Musik-Professorin elektrisierte das Thema. Sie holte zwei Librettisten ins Boot – den mit einem Pulitzer-Preis gekrönten Mark Campbell und Filmregisseurin Kimberly Reed, die ihre Erfahrungen als Transfrau einfließen ließ. Als die Kammeroper 2014 in New York ihre Uraufführung erlebte, begann ein Siegeszug, ungeachtet von Reaktionen auf das Thema, die auch negativ ausfielen. Laut Fachmagazin Opera America ist „As One“ die meistinszenierte Oper Nordamerikas. In Regensburg kommt nun die 61. Version auf die Bühne.
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Hannah führt in eine Sphäre abseits der heteronormativen Welt und erzählt gleichzeitig doch das, was alle Menschen umtreibt: die Suche nach Identität, der Wunsch nach Selbstvergewisserung, der Hunger nach Einklang zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.
„Das Thema“, sagt Ronny Scholz, „wird nicht ausgestellt, schon gar nicht mit Zeigefinger. Es geht auch nicht um den Prozess der Transformation, sondern darum, wie ein Mensch zu sich findet.“ Mit Humor kommt das auf die Bühne, keineswegs düster, sagt die Dramaturgin, sondern auch mit den schönen Momenten, die Hannah erlebt, wenn sie erstmals als Frau auf der Straße geht, ihr erstes Date hat oder merkt, sie ist nicht allein. 15 kurze Szenen zeichnen Hannahs Jugenderfahrungen in der Kleinstadt nach, ihre Studienjahre, die noch vom Versteckspiel geprägt sind und von Ausflüchten gegenüber den Eltern, und schließlich ihre Reise in ein anderes Land. Die Figur verkörpern zwei Stimmen. In Bariton Michael Daub lernt das Publikum die jüngere Hannah kennen, die unsicher ist und sich zurückzieht, in Mezzosopranistin Patrizia Häusermann begegnet es der älteren, die 18 plus ist und gereifter, gefestigter, entschlossener. Zu zweit stemmen sie 75 Minuten lang die komplexe Musik, die den inneren Konflikt der beiden Hannahs spiegelt. Michael Daub gesteht: „Ich hatte vor Probenbeginn großen Respekt vor der Rolle.“ Es dauerte, bis er die Lieder im Kopf hatte. Andererseits gefällt ihm, dass in der intimen Atmosphäre des Haidplatz-Theaterchens auch das feinste Detail wahrnehmbar wird.
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Christiane Hilmer taucht die Bühne komplett in unterschiedlichste Nuancen von Mintgrün, vom omnipräsenten Sofa, das sich drehen und wenden lässt, bis zu Arbeitstisch, Lampe und schmalen Wandregal. „Es sollte ein neutraler Ton sein, ohne Zuschreibung“, sagt die Ausstatterin. Das Wohnzimmer wird gleichzeitig Seelen- und Innenraum. Auch die mintfarbenen Kostüme bleiben geschlechtsneutral, lassen sich nicht auf Frau oder Mann festlegen.
Dirigent sitzt im Publikum
Den musikalischen Teppich rollt ein Streichquartett aus, das mitten ins Geschehen eintaucht. „Das wird eine richtige Community“, sagt der Regisseur. Geigerinnen, Bratschist und Cellist spielen, schon aus Platzgründen, in den Szenen mit. Ebenfalls sehr ungewöhnlich: John Spencer wird dabei im Publikum sitzen und von der ersten Reihe aus dirigieren. „Das ginge gar nicht anders“, sagt Ronny Scholz. Denn Laura Kaminskys Komposition ist zwar zugänglich, auch verführerisch. „Kein modernes Werk, wo man denkt: Mein Gott, ist das hässlich“, formuliert es Spencer. Gleichzeitig fordert die Musik: Rhythmus und Takt wechseln die ganze Zeit, so wie die Gangart in Hannahs Leben. In vielen Zwischentönen findet Hannahs Zwischenzustand ein Echo. Und die Bratsche spielt gegen die anderen Instrumente an, schwimmt gegen den Strom. So wie Hannah auf ihrem Weg zu sich selbst, der voller Widerstände ist.
„Mein Herz brennt“ aus dem Spielplan gekickt
Geplant: Am Haidplatz stand zunächst „Mein Herz brennt“ im Spielplan. Der Liedzyklus mit Anklängen aus der Schauerromantik, komponiert von Torsten Rasch, basiert auf Texten der Neue-Deutsche-Härte-Band Rammstein.
Auf Eis gelegt: Nach Vorwürfen sexueller Übergriffe gegen Rammstein-Frontmann Till Lindemann distanzierte sich das Theater im Juni vom Projekt. Die Staatsanwaltschaft stellte im August die Ermittlungen gegen Lindemann ein.
Ersatz gefunden: Das Theater blieb bei „As One“, vor allem wegen der fehlenden Rechte an der Musik von Rasch. „Das Projekt scheiterte an der Rechtsfrage“, sagt Ronny Scholz. „Und im Grunde hat das gut gepasst.“
