460 Menschen bei Kelheim Fibres verlieren ihre Arbeit – Wie es nun weitergeht

Von Beate Weigert · 27. Januar 2026 um 19:00

Betriebsratsvorsitzender, Landrat und Bürgermeister äußern sich zur Schließung von Kelheim Fibres. Mancher in der Kreisstadt hatte am Dienstag wohl auch ein Déjà-vu.

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Das Wunder blieb aus bei Kelheim Fibres. Am Dienstag, 27. Januar, wurde bekannt, dass das Faserwerk abgewickelt wird. Kelheim Fibres hatte den Namen der Kreisstadt in die Welt getragen. Seine Spezialfasern wurden zu Tampons, feuchtem Klopapier oder Teebeuteln verarbeitet. Doch schon länger konnten die Fasern „made in Kelheim“ am Weltmarkt preislich nicht mehr mithalten. Ende November war der Verkauf an einen Investor gescheitert. Ende März gehen nun im Werk die Lichter aus. 460 Mitarbeitende erhalten bis Monatsende ihre Kündigung. Wie es nun weitergeht und warum viele in der Region ein Déjà-vu haben dürften.

Schlussstrich: Zum 31. März stellt Kelheim Fibres den Betrieb ein. Eine Fortführung über das Datum hinaus ist laut Geschäftsführung nicht möglich. Denn der bei der Insolvenz in Eigenverwaltung durchgeführte Investoren- und Verkaufsprozess erbrachte kein positives Ergebnis. Vergangenen Freitag hatte der erst im Dezember hinzugekommene Interessent, ein strategischer Investor, mitgeteilt, dass er doch nicht einsteigen werde. Trotz der Unterstützung vieler Kunden und einer neuen Ausrichtung reichten die Abnahmemengen nicht aus, um Kelheim Fibres in eine wirtschaftlich tragfähige Zukunft zu führen, heißt es vom Unternehmen. Auch ein Großkunde hatte dem Unternehmen den Rücken gekehrt, höhere Preise nicht mittragen wollen.

Betriebsrat: Kollegen haben Nachricht „geschockt, aber gefasst“ aufgenommen

Betriebsversammlung: Bei einer Betriebsversammlung am Montagnachmittag hörten die verbliebenen 460 Mitarbeitenden, dass sie gekündigt werden. Betriebsrat und Eigenverwaltung haben einen Interessenausgleich mit Sozialplan vereinbart. Zudem wird es eine Transfergesellschaft geben. Hier sollen die Betroffenen Hilfe bei der Suche nach einer neuen Arbeit erhalten. Der Fokus liegt laut Geschäftsführung „auf einer geordneten Abwicklung und bestmöglicher Unterstützung der Mitarbeitenden“.

Betriebsrat: Die Mitarbeiter hatten gehofft und gebangt, dass es doch noch weitergeht, sagt Betriebsratsvorsitzender Josef Rummel am Dienstag. „Geschockt, aber gefasst“ nahmen die Kollegen die Nachricht auf. Nach teils Jahrzehnte langer Betriebszugehörigkeit werden nun die meisten Arbeitsverhältnisse zum 30. April enden. Mehr als drei Monate seien bei einer Betriebsstilllegung nicht möglich. Ab April wird das Kelheimer Werk, das fast 90 Jahre bestand, stillgelegt. Rummel geht davon aus, dass der Großteil der Belegschaft bis zum Schluss bleibt. Auch weil eine „Ausproduktionsprämie“ verhandelt sei. Im März sollen die Mitarbeiter einen Bonus in Form von ein, zwei Monatsgehältern erhalten.

Transfergesellschaft: Zudem soll es eine Transfergesellschaft geben. Über sie hätten die Mitarbeitenden ein „besseres Auskommen“. Laut Rummel könnten die Kollegen ab April mit etwa 80 Prozent des bisherigen Lohns rechnen. Der BR-Vorsitzende geht davon aus, dass die Männer und Frauen die Transfergesellschaft fünf bis sieben Monate in Anspruch nehmen können. In der Zeit soll es unter anderem Coachings geben. Wie genau der Sozialplan zum Tragen komme und was wirklich übrig bleibe, müsse sich zeigen, so Rummel. Er sitzt mit im Gläubigerausschuss. Der BR-Chef verspricht den Kollegen, sie auch künftig auf dem Laufenden zu halten.

Restmannschaft bis Ende Oktober für Stilllegung zuständig

Stilllegung: Weil der Betrieb zur chemischen Industrie zählt, kann Kelheim Fibres nicht einfach zum Tag X zugesperrt werden. Unter anderem gelte es, Chemikalien fachgerecht zu entsorgen und Anlagen sicher zu machen, erklärt Rummel. Genau dafür werde bis Oktober eine Restmannschaft von 100 Leuten zuständig sein.

Abwicklung: Die Abwicklung des Betriebs werden laut Rummel die Verantwortlichen aus der Geschäftsführung bzw. der Sachwalter übernehmen. Sie müssen Anlagen und Grundstück „zu Geld zu machen“.

Landrat: Dass der Industriestandort Deutschland mächtig ruckelt, kennt man aus den Nachrichten. Nun ist Kelheim aber „live“ dabei. Die Stadt sei ohne Kelheim Fibres nur schwer vorstellbar, sagte Kelheims Landrat Martin Neumeyer nach dem gescheiterten Verkauf Ende November. Nun, wo das Aus feststeht, sei dies nicht nur für die Mitarbeiter „traurig und tragisch“, auch für Stadt und Landkreis werde dies eine „Zäsur“. Neumeyer nennt Kelheim Fibres „das Herz von Kelheim“; das Faserwerk sei aber auch wichtiger Teil der bayerischen Industrie. Auch künftig werde diese im eigenen Land gebraucht. Nun gelte es mit Staatskanzlei und Wirtschaftsministerium, „Werbung zu machen für den Standort“, damit das Areal eine Zukunft erhalten könne. „Vielleicht mit Faserforschung oder neuer Industrie“.

Déjà-vu? Mit Blick auf das Aus der Bayerischen Zellstoff vor Jahrzehnten könne man in Kelheim ein Déjà-vu bekommen, so sieht es auch der Landrat. Nach dem Aus der Produktion im heutigen Donaupark hatte der Landkreis von 1998 bis 2001 mit finanzstarker Hilfe des Freistaats das kontaminierte Industrieareal saniert. 2016 wurde hier das neue Landratsamt bezogen. Ringsum entstand ein völlig neues Wohn- und Gewerbeviertel. Bis es aber soweit war, vergingen viele Jahre. Allerdings sei die Situation nicht vergleichbar, sagt Bürgermeister Christian Schweiger.

Aiwanger: „Sinnvolle Nachnutzung“ nun gefordert

Bürgermeister: Als der 15. Januar – ohne Rettungsnachricht – verstrichen war, ahnte Kelheims Stadtoberhaupt, dass es ernst werden könnte. „Vor allem für die Mitarbeiter ist das Aus sehr bitter.“ Am Nachmittag teilte Schweiger mit, dass man mit dem Landrat versuche, „kurzfristig einen Termin mit Vertretern der Staatsregierung“ zu organisieren. Im Stadtrat am Montagabend sei noch nicht darüber gesprochen worden. Schweiger sei es wichtig, sagt er, neue Arbeitsplätze in der Stadt zu schaffen. Die Stadt will laut ihm darauf dringen, dass am Fibres-Gelände „eine tragfähige Perspektive für Kelheim entsteht, industriell und arbeitsplatzorientiert“.

Wirtschaftsminister: Hubert Aiwanger bedauerte am Nachmittag per Pressemitteilung die Schließung von Kelheim Fibres. Neben der Unterstützung der Mitarbeiter sei nun eine „sinnvolle Nachnutzung“ gefordert. Womöglich liege im Bereich der kommunalen Wärmeversorgung ein „Lösungsansatz“. Doch man müsse nun „in alle Richtungen denken“.

Wasserstoff und Co.: Zuletzt hatten Stadt und Landkreis mit Kelheim Fibres versucht, die Kreisstadt zum (grünen) Wasserstoff-Standort zu entwickeln. Das Thema ist laut Landrat Neumeyer jetzt „nicht tot, wird aber schwieriger“. Zum Fibres-Gelände gehören auch ein eigenes Kraftwerk, eine Kläranlage, eine Müllverbrennung und eine neue Werkfeuerwehr. Auch deren mögliche weitere Nutzung durch Dritte gilt es zu klären.

460 Kündigungen werden ausgesprochen

• 460 Mitarbeiter erhalten ihre Kündigung, 46 davon sind Azubis. 60 Frauen und Männer sind älter als 60. Der Betriebsratsvorsitzende schätzt, dass „vielleicht 45 den Übergang in die Rente schaffen könnten“.

• 60 weitere Kollegen sieht er im „schwierigen Alter“ von „55 plus“.