„Frau als Ganzes sehen“: Neuer Krebs-Mediziner bei den Barmherzigen Brüdern stellt sich vor

Als neuer Leiter des Gynäkologischen Krebszentrums und des Brustzentrums am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg behandelt Dr. Dominik Ratiu alle Genitalkrebserkrankungen der Frau sowie Patientinnen und Patienten mit Brustkrebs. Im Interview erklärt er, warum ihm dabei die Frau „als Ganzes“ wichtig ist – und was sich in den letzten Jahrzehnten gerade in Bezug auf Gebärmutterhalskrebserkrankungen verändert hat.
Herr Dr. Ratiu, nachdem Sie Leitungspositionen im Bereich der Frauenheilkunde an den Universitätskliniken in Köln und Bern innehatten, hat Sie der Weg nach Regensburg geführt. Sind Sie schon gut angekommen?
Dominik Ratiu: Ich bin seit Oktober mit meiner Familie hier und habe mich sehr gut eingelebt. Regensburg ist eine wunderschöne Stadt, und ich wurde in der Klinik sehr herzlich aufgenommen. Mein Schwerpunkt ist seit 2012 die gynäkologische Onkologie – also die Behandlung von Genitalkrebserkrankungen und Brustkrebs. Eine Abteilung, die sich ausschließlich darauf konzentriert, ist für mich ideal.
Wie sieht Ihr Arbeitstag hier im Krankenhaus aus?
Ratiu: Wir haben feste OP-Tage. Montags und dienstags operieren wir Patientinnen mit Genitalkarzinomen, donnerstags stehen operative Eingriffe an der Brust an. An den übrigen Tagen finden Sprechstunden statt. Dabei geht es nicht nur um die Planung von Operationen, sondern auch um die Vorbereitung der Patientinnen und um die Therapie nach dem Eingriff. Relevante Fälle besprechen wir gemeinsam mit Chirurgen, Onkologen und Strahlentherapeuten in einem interdisziplinären Tumorboard.
Bei Ihrer Vorstellung hat Sie das Krankenhaus dahingehend zitiert, dass eine gute Behandlung voraussetzt, „die Frau als Ganzes“ zu sehen. Was ist damit gemeint?
Ratiu: Wenn man sich ausschließlich auf die Erkrankung konzentriert, kann man den Patienten dahinter leicht aus dem Blick verlieren. Jede Frau bringt ihre eigene Lebenssituation, Wünsche und Ängste mit. Das muss in die Therapieplanung einbezogen werden. Bei jüngeren Patientinnen spielt etwa häufig der Kinderwunsch eine Rolle. Generell ist es mir wichtig, zuzuhören und Sorgen ernst zu nehmen. Eine Krebsdiagnose löst häufig große Ängste aus, die oft schlimmer erscheinen als die Realität. Moderne Therapien ermöglichen heute Heilung in frühen Stadien und deutlich längeres Überleben auch bei fortgeschrittenen Erkrankungen. Dazu gehört nicht nur die medizinische Behandlung, sondern auch psychische Unterstützung. Zum Beispiel durch Psychoonkologie oder den Sozialdienst – besonders für Patientinnen ohne Angehörige.
Die Erkrankung, die in der Gesellschaft am bekanntesten ist, ist wohl Brustkrebs. Bei Gebärmutterhalskrebs sieht es anders aus. Woran liegt das?
Ratiu: Brustkrebs ist tatsächlich die häufigste Erkrankung. Die Zahl der Gebärmutterhalskrebserkrankungen ist in den letzten 30 Jahren deutlich zurückgegangen – unter anderem dank der Krebsvorsorge. Wir wissen heute, dass die Erkrankung meist virusbedingt ist: Über 90 Prozent der Fälle werden durch Humane Papillomaviren (HPV) verursacht. Mittlerweile gibt es eine breit empfohlene Impfung, die auch zunehmend in der Öffentlichkeit thematisiert wird.
Wann sollte geimpft werden, um Schutz vor HPV zu haben?
Ratiu: Die HPV-Impfung ist am wirksamsten vor dem ersten Geschlechtsverkehr und schützt zuverlässig vor Infektionen mit den Virus-Typen, gegen die man noch nicht infiziert ist. Geimpft werden soll zwischen neun bis 15 Jahren. Wichtig zu wissen ist, dass Kondome keinen vollständigen Schutz bieten und dass die Impfung nicht nur für Mädchen relevant ist. Auch für Jungen wird die Impfung empfohlen: Zum einen können sie selbst HPV-Krebserkrankungen oder Genitalwarzen entwickeln. Zum anderen wird dadurch auch die Partnerin geschützt.
Abseits von Prävention: Wie helfen Sie den Patientinnen, die bereits erkrankt sind und zur Behandlung zu Ihnen ins Krankenhaus kommen?
Ratiu: Bei Gebärmutterhalskrebs basiert die Therapie auf zwei Säulen: Operation und Radiochemotherapie. Die gleichzeitige Anwendung beider Therapiesäulen sollte möglichst vermieden werden. Sie bringt keinen zusätzlichen Nutzen für die Heilung, führt jedoch zu vermehrten therapiebedingten Nebenwirkungen. Entscheidend ist eine präzise Diagnostik: Neben der gynäkologischen Untersuchung kommen moderne bildgebende Verfahren wie MRT oder CT zum Einsatz, um das Ausmaß der Erkrankung zu beurteilen. Bei fortgeschrittenen Tumoren reicht manchmal weder Operation noch Bestrahlung allein – dann erhalten die Patientinnen Medikamente, die den Krebs im ganzen Körper bekämpfen. Zielgerichtete Therapien der letzten zehn Jahre haben das Überleben deutlich verbessert. Das ist ein großer Fortschritt, nachdem es die 20 Jahre davor keine wirklichen Neuerungen gab.
Gibt es ein Thema, dem Sie in Ihrer neuen Rolle als Leiter des Gynäkologischen Krebszentrums und des Brustzentrums besondere Beachtung schenken wollen?
Ratiu: Mir ist besonders wichtig, dass Patientinnen, die eine Krebsdiagnose erhalten, so schnell wie möglich jemanden erreichen, der sich um Diagnostik und Therapie kümmert. Nach einer solchen Nachricht möchte jede Patientin rasch wissen, wie es weitergeht. Mein Ziel ist, dass jede Patientin innerhalb von drei Tagen einen Termin in der Sprechstunde bekommt – auch wenn ich dafür um acht Uhr abends noch einmal reinkomme.
Info: Impfung schützt gegen Gebärmutterhalskrebs
• HPV-Impfung: Gebärmutterhalskrebs gehört zu den wenigen Krebsarten, die sich durch die HPV-Impfung (Impfung gegen Humane Papillomviren) und eine regelmäßige Früherkennung verhindern lassen. Fast immer wird die Erkrankung durch eine Infektion mit bestimmten Humanen Papillomviren verursacht.
• Früherkennung: Laut Informationen des Bundesministeriums verläuft eine Infektion mit HPV in der Regel unbemerkt, verursacht keine Beschwerden und heilt meist von selbst aus. Eine regelmäßige Krebsfrüherkennung ermöglicht es, dass Vorstufen und frühe Formen des Gebärmutterhalskrebses erkannt und mit entsprechend guten Heilungsaussichten behandelt werden können.