Regensburger Mediziner im Interview: Wie der Darm den Erfolg von Krebstherapien beeinflusst

Wie wichtig ein gesunder Darm für den Erfolg von Krebstherapien ist, untersucht Prof. Dr. Hendrik Poeck. Als einer der leitenden Oberärzte an der Klinik für Hämatologie und Onkologie betreut er am Universitätsklinikum Regensburg schwer kranke Krebspatienten. Gleichzeitig leitet er am Leibniz-Institut für Immuntherapie eine Forschungsgruppe, die erforscht, wie sich das Darmmikrobiom nutzen lässt, um Krebstherapien zu verbessern. Im Interview erklärt er, wie sich dadurch das Ansprechen auf Therapien steigern lässt – und warum der Darm erst seit vergleichsweise kurzer Zeit im Fokus der Medizin steht.
Herr Prof. Poeck, womit beschäftigen Sie sich am Leibniz-Institut für Immuntherapie?
Hendrik Poeck: Am Leibniz-Institut für Immuntherapie gibt es neben den Hauptforschungsgruppen auch klinische Kooperationsgruppen – Teams, die eng mit der Klinik zusammenarbeiten, um Forschungsergebnisse bei Patienten anzuwenden. Meine Arbeitsgruppe erforscht, wie das Darmmikrobiom – also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm – den Erfolg von Krebstherapien beeinflusst. Ein besonderer Fokus liegt auf Immuntherapien wie der Stammzelltransplantation und künstlich veränderten körpereigenen Abwehrzellen, den CAR-T-Zellen. Ziel ist es, diese Behandlungen gezielt zu verbessern. Am LIT arbeiten auch viele weitere Gruppen an neuen Ansätzen – nicht nur bei Krebs, sondern auch bei Autoimmunerkrankungen. Entscheidend ist die enge Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum, besonders der Hämatologie und Internistischen Onkologie, damit Erkenntnisse schnell in die Klinik gelangen.
Können Sie genauer erklären, was Ihre Erkenntnisse über Immunzellen und das Darmmikrobiom bedeuten?
Poeck: Unser Schwerpunkt liegt auf dem Darmmikrobiom und wie dessen Vielfalt das Therapieansprechen beeinflusst. Vor einigen Jahren haben wichtige Forschungsarbeiten – sogenannte Landmark-Studien – gezeigt, dass das Darmmikrobiom die Wirksamkeit von Krebstherapien beeinflusst. Patienten, die bestimmte Immuntherapien erhielten und kurz zuvor Antibiotika bekommen hatten, sprachen oft schlechter auf die Behandlung an. Weitere Untersuchungen zeigten dann, dass dieser Effekt tatsächlich auf eine Veränderung des Darmmikrobioms zurückzuführen ist. Wir wollen verstehen, wie sich das Darmmikrobiom nun gezielt verändern lässt, damit Patienten besser ansprechen. Dabei konnten wir bereits bestimmte mikrobielle Stoffe identifizieren, die Nebenwirkungen verringern oder die Wirkung der Therapie verbessern.
Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Therapie?
Poeck: Das heißt definitiv nicht, dass Antibiotika grundsätzlich vermieden werden sollten. Das ist ganz wichtig. Aber es zeigt, wie stark Veränderungen im Darmmikrobiom durch Medikamente den Erfolg von Immuntherapien beeinflussen können. Deshalb konzentrieren wir uns auf die von den Mikroben produzierten Botenstoffe – sogenannte Metabolite. Sie lassen sich im Stuhl oder Blut messen und können Auskunft darüber geben, wie ein Patient auf die Therapie anspricht. Nach der Einnahme bestimmter Antibiotika nehmen zum Beispiel die hilfreichen Metabolite ab, während ungünstige teilweise zunehmen. Auf dieser Basis prüfen wir, ob man diese positiven Botenstoffe gezielt einsetzen kann – zum Beispiel bei Stammzelltransplantationen. Eine weitere Möglichkeit ist die Stuhltransplantation von gesunden Spendern.
Wie wird das am Universitätsklinikum Regensburg umgesetzt?
Poeck: Bei uns wird die Stuhltransplantation aktuell nur bei sorgfältig ausgewählten Patienten eingesetzt, die nach einer Stammzelltransplantation schwere Nebenwirkungen entwickeln und auf andere Therapien nicht ansprechen. Denn offiziell zugelassen ist die Methode derzeit noch nicht. Bisher wird diese Therapie erst eingesetzt, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind. Unser Ziel ist es jedoch, den Ansatz im Rahmen klinischer Studien in Zusammenarbeit mit der Mikrobiologie künftig früher anzuwenden und möglicherweise mit bestehenden Therapien zu kombinieren. Dabei gelten strenge Sicherheitsauflagen: Spenderproben werden umfassend geprüft und die Patienten engmaschig überwacht. Darüber hinaus besteht die Hoffnung, dass Stuhltransplantationen künftig auch für Patienten mit schwerer Spender-gegen- Empfängerreaktion zugelassen werden.
Welche Bedeutung hat der Darm generell für Erkrankungen?
Poeck: Die Rolle des Darms wird erst seit etwa 15 Jahren intensiv erforscht – unter anderem, weil Patientendaten weltweit sehr aufwendig zu sammeln sind und jeder Mensch ein individuelles Mikrobiom hat. Heute wissen wir, dass Ernährung und Medikamente einen großen Einfluss darauf haben. In Bezug auf Stammzelltransplantationen heißt das etwa, dass ballaststoffreiche Ernährung das Risiko schwerer Spender-gegen-Empfänger-Reaktionen reduziert, weil sie die Bildung nützlicher Botenstoffe im Darm fördert. Langfristig werden wir vermutlich Ernährung, gezielten Medikamenteneinsatz und gegebenenfalls Stuhltransplantationen kombinieren, um das Mikrobiom optimal zu unterstützen.
Ist das noch Zukunftsmusik?
Poeck: Im Bereich der Krebsbehandlung können wir inzwischen schon sagen, welche Botenstoffe im Darm wichtig sind: Einige verbessern das Ansprechen auf die Therapie, andere reduzieren Nebenwirkungen. Derzeit werden in Deutschland Studien durchgeführt, um Ernährungsprotokolle zu vergleichen und zu harmonisieren. In ein paar Jahren könnten daraus konkrete Empfehlungen entstehen, die das Therapieansprechen deutlich verbessern. Klar ist: Eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse und Obst, wenig Zucker und Alkohol sowie ein gut gewählter Einsatz von Antibiotika ist grundsätzlich förderlich – nicht nur für Krebspatienten. Da aber jeder Mensch individuell ist, gibt es weiterhin viel zu erforschen.
Info: Leibniz-Institut für Immuntherapie und Universitätsklinikum Regensburg
• Institut: Das Leibniz-Institut für Immuntherapie (LIT) ist ein außeruniversitäres Institut der Leibniz-Gemeinschaft in Regensburg. Unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Philipp Beckhove und in enger Zusammenarbeit mit der Universität und dem Universitätsklinikum entwickelt das LIT innovative Zelltherapien zur Behandlung von Krebs, Autoimmunerkrankungen und chronischen Entzündungen.
• Universitätsklinikum: Immuntherapie, Tumorforschung und Transplantationsmedizin zählen zu den zentralen Forschungsschwerpunkten des Universitätsklinikums Regensburg, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Herr, Direktor der Klinik für Innere Medizin III – Hämatologie und Internistische Onkologie und Forschungsdekan der Medizinischen Fakultät. „Das LIT ist für uns und den Standort sehr wichtig“, so Herr. „Gleichzeitig braucht das Institut als Kooperationspartner gute UKR-Ärzte, die die neuen Therapiekonzepte im Rahmen klinischer Studien zum Nutzen der Patienten testen und darüber besser wirksame Medikamente entwickeln.“