Der Brustkrebs war für Sandra Müller ein Wendepunkt: „Die Kunst ist mein Ventil“

Von Marion Neumann · 1. September 2025 um 11:00

Auf den ersten Blick malt Sandra Müller fröhliche Comicfiguren – doch in ihren Bildern stecken starke Botschaften, sagt sie. Seit ihrer eigenen Brustkrebserkrankung macht sie auf das Thema aufmerksam und will dazu animieren, zur Vorsorge zu gehen. „Ich finde es furchtbar, wenn so ein Thema mit einem Tabu versehen ist“, erklärt sie.

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Das Leben zu genießen, sich nicht für andere zu verbiegen und sich die Welt so zu gestalten, wie es einem gefällt: Das sind Botschaften, die Sandra Müller dem Betrachter mit ihren Bildern mitgeben will. „Meine Uroma hat immer gesagt: Genieß das Leben ständig, denn du bist länger tot als lebendig. Das halte ich mir immer wieder vor Augen – und das sagen auch ganz viele meiner Bilder aus“, sagt sie.

Obwohl ihre Werke – ihren künstlerischen Stil beschreibt Müller als „Neo-Pop-Art“ auf den ersten Blick nach fröhlichen Comic-Zeichnungen von Mäusen, Paulchen Panther oder einer Mischung aus Donald und Dagobert Duck aussehen, steckt viel mehr dahinter, erklärt die 50-Jährige. „Wenn jemand tatsächlich nur die Comicfigur sieht, wird es schwierig – aber ich würde sagen, dass die meisten Menschen tatsächlich die Botschaft dahinter empfangen. Meistens sind die Käufer auch Leute, die ebenfalls ein Thema mit sich herumschleppen. Die erkennen, dass eine kraftvolle Message dahintersteckt.“

Mehrere Schicksalsschläge

Auch Müller selbst, die 2004 nach Regensburg gezogen ist – weil sie sich in die Stadt verliebt hat, wie sie sagt – hatte schon einige Themen zu verarbeiten. „Kunst war für mich schon immer ein Ventil“, sagt sie. „Aber durch meine Arbeit ist das nach dem Studium ein wenig in den Hintergrund getreten.“ Als jedoch ihr Vater und schließlich auch ihre Mutter an Krebs erkrankten, widmet sie sich wieder mehr dem Malen. „Irgendwann habe ich dann auch angefangen, vermehrt Botschaften in meine Bilder zu bringen. Ich habe versucht, das Negative, was mich beschäftigt hat, umzukehren.“

Ende 2020 folgte der nächste Schicksalsschlag für Müller: Mit 45 Jahren, während der Corona-Pandemie, erkrankte sie selbst an Brustkrebs. „Ich kann es schwer erklären – aber ich bin ein sehr intuitiver Mensch und hatte schon einige Zeit ein flaues Bauchgefühl“, sagt sie. Auf die Diagnose folgte das volle Programm: Chemotherapie, Antikörpertherapie und Strahlentherapie. „Bei der Chemotherapie trifft man ja auch auf andere Patienten“, sagt sie. „Es war erschreckend, wie jung viele von ihnen waren. Das war für mich ein Aha-Erlebnis: Ich wusste, ich will auf das Thema Brustkrebs aufmerksam machen und dazu animieren, regelmäßig zum Arzt zur Vorsorge zu gehen.“

Auf Instagram wird Müller auf das „Buusenkollektiv“, ein Verein von Betroffenen für Betroffene, aufmerksam. Sie beteiligt sich an Aktionen wie dem „Pinktober“ – der Oktober gilt weltweit als Aktionsmonat für Brustkrebs – und ist bei Kampagnen von „Pink Ribbon“ – die rosa Schleife gilt international als Symbol für den Kampf gegen Brustkrebs – aktiv. Für den guten Zweck spendet Müller Kunstwerke und unterstützt damit auch weitere Organisationen wie den Verein LebensHeldin oder das Projekt „Look Good Feel Better“ der DKMS.

Offener Umgang mit der Erkrankung

Entworfen hat Müller außerdem Aufkleber und Buttons, die sie zum Beispiel in den Praxen von Gynäkologen und Onkologen verteilt. Zu sehen ist darauf eine weibliche Comicfigur oben ohne , zusammen mit der Aufschrift „Check your boobs – Mine tried to kill me!“ – zu Deutsch: „Untersuche deine Brüste – meine haben versucht, mich umzubringen“ – ist darauf zu lesen.

Dass sie so offen mit ihrer Krankheit umgehe, würde aber nicht allen gefallen. In der Stadt und in der Region um Regensburg – mit ihrer Familie lebt Müller mittlerweile in Sinzing – gebe es wenig Möglichkeiten für Betroffene, sich auszutauschen. „Ich finde es furchtbar, wenn so ein Thema mit einem Tabu versehen ist“, sagt sie. „Aber meist kommt erst ein Gespräch darüber auf, wenn man selbst oder jemand aus dem engen Umfeld betroffen ist.“

Fokus auf Nachhaltigkeit

Denn auch, wenn es Müller heute wieder weitestgehend gut geht und man ihr die Erkrankung nicht mehr ansieht: Der Krebs habe seine Spuren hinterlassen. Mental habe sich bei ihr ebenfalls viel verändert. Müller ist wieder in ihren beruflichen Alltag als Ingenieurin zurückgekehrt, arbeitet nun jedoch im Management im Bereich Nachhaltigkeit. „Wenn ich sage, man solle das Leben genießen, meine ich damit nicht auf Kosten anderer“, sagt sie. „Man muss auch auf die Umwelt schauen.“

Nicht nur im Beruf, auch in ihrer Kunst achtet Müller auf Nachhaltigkeit. In vielen ihrer mit Kreide, Acryl- und Sprühfarben gemalten Bilder, die in ihrem Atelier im Haus in Sinzing entstehen, baut sie Alltagsgegenstände mit ein – von alten T-Shirts über Verpackungsmaterial bis zum ausrangierten Rolladen-Gurt. „Meine Kunst ist Upcycling“, sagt sie.

Info: Sandra Müllers Bilder als „roter Faden“

• Geschichte: Als „Zettess Art“ – Müllers Geburtsname ist Zapf – zeigt die 50-Jährige schon seit längerer Zeit ihre Kunst in den sozialen Medien. „Anfangs habe ich immer nur Bilder gepostet und gar nicht viel über mich erzählt. Ich wollte nicht, dass man eine Parallele zwischen der Künstlerin und Sandra Müller als Ingenieurin ziehen konnte“, sagt sie. Mittlerweile teilt sie die Geschichte dahinter und präsentiert ihre Werke regional und deutschlandweit auf Ausstellungen. Ihre Bilder seien „ein roter Faden“ und würden viel von ihr Preis geben.

• Bewusstsein: Auch in Regensburg sollte es Projekte geben, die Bewusstsein für die Krankheit Brustkrebs schaffen, findet Müller. Beispielsweise würden beim „Pink Bowl“ , organisiert von Pink Ribon, Spieler bei Football-Spielen in pinken Trikots antreten, um auf Brustkrebsvorsorge aufmerksam zu machen. „Das wäre doch auch etwas für die Regensburg Phoenix.“