So funktioniert der autonome Bus in Regensburg: „Das System muss alles erkennen und steuern“

Von Benedikt Baumgartner · 21. Januar 2026 um 11:00

Ab Ende 2026 will das Stadtwerk einen autonomen Bus durch ein Regensburger Stadtviertel fahren lassen. Technisch umsetzen soll das die AVL Software and Functions GmbH. Im Standort im Gewerbepark erläutert Geschäftsführer Georg Schwab, welche Herausforderungen der Stadtverkehr für autonome Systeme bereithält, welche Sicherheitsnetze es gibt und wie autonome Fahrzeuge eingesetzt werden können.

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Herr Schwab, ab Ende dieses, Anfang nächsten Jahres soll ein selbstfahrender Bus auf dem sogenannten Level 4, ohne menschlichen Fahrer, in einem Stadtteil unterwegs sein.

Georg Schwab: Man muss da ein bisschen relativieren. Level vier bedeutet erst mal, dass das Fahrzeug von der Technik her eigenständig fährt. Momentan ist die Situation in Deutschland und Europa so, dass man für eine gewisse Zeit schon noch einen Sicherheitsfahrer dabei hat – und das macht aus meiner Sicht auch sehr viel Sinn. Die Passagiere müssen sich an so ein autonomes System auch erst gewöhnen. Wenn das funktioniert, installiert man eine Fernüberwachung.

Mit der man immer noch in Echtzeit eingreifen könnte?

Schwab: Man könnte sehen, wo der Bus ist. Der letzte Sicherheitsfaktor ist immer, dass der Bus stehenbleibt. Da könnte die Fernüberwachung eingreifen. Sie verfolgt über Kameras, wie das Fahrzeug fährt.

Lesen Sie den Artikel zum Interview: Maschine übernimmt das Steuer: Selbstfahrender Bus fährt 2026 in Regensburg

Was ist der Unterschied der neuen Stufe vier zum im Gewerbepark zwei Jahre lang getesteten Level drei?

Schwab: Damals hat bei schwierigen Verkehrssituationen der Fahrer übernommen. Bei Level vier muss das System wirklich alles erkennen und auch alles steuern.

Auf der einen Seite muss man flüssigen Verkehr gewährleisten. Auf der anderen Seite muss man jede mögliche Gefahrenquelle erkennen und darauf reagieren.Georg Schwab, Geschäftsführer der AVL Software and Functions GmbH

Welche Schwierigkeit stellt der Stadtverkehr für autonome Systeme dar?

Schwab: Auf der einen Seite muss man flüssigen Verkehr gewährleisten. Auf der anderen Seite muss man jede mögliche Gefahrenquelle erkennen und darauf reagieren. Ein Fußgänger kommt von der Seite, ein Ball rollt auf die Straße. Auch die Wetterbedingungen sind eine riesige Herausforderung, Sonne, starker Regen, Schnee. Deswegen haben wir bei der AVL in Roding eine Wetterhalle aufgebaut, um diese Bedingungen zu testen. Das technische System muss all das abgreifen können.

Georg Schwab ist Geschäftsführer der AVL Software and Functions GmbH. Die Firma kümmert sich um die technische Ausstattung des autonomen Busses, der in Regensburg im nächsten Winter auf die Straße kommen soll. - Foto: Benedikt Baumgartner

Was braucht ein Bus, um autonom fahren zu können?

Schwab: Sie haben unterschiedliche Sensorsysteme im Fahrzeug installiert, Lidarsensoren, Radarsensoren, Kameras. Gerade die Kameras sind schwierig bei Gegenlicht. Sie sollen natürlich nicht auf ein Scheinphänomen reagieren. Die Sensorsignale müssen abgeglichen werden, welches das richtige ist – und das muss in Echtzeit passieren. Über festgelegte Strecken kommen noch Satellitensignale. Man hat eine ganz genaue Karte, die aber nicht beispielsweise bei unerlaubt geparkten Fahrzeugen hilft. Der Bus muss im Nahbereich automatisch vorbeifahren, muss aber auch nach vorne blicken: Kommt Gegenverkehr, geht’s oder nicht?

Diese Scheinsignale würden den flüssigen Verkehr stören.

Schwab: Bei der Testphase im Gewerbepark ist der Bus bei jedem Reiz, ob richtig oder falsch, stehen geblieben. Das kann man auf einer Rundstrecke mit zehn Stundenkilometern schon machen. Das geht bei einem Bus im fließenden Verkehr aber natürlich nicht.

Das System muss die 50 km/h abkönnen.Georg Schwab

Und wo wird der Bus fahren?

Schwab: Das ist eher die Domäne der Stadtwerke, aber man wird den autonomen Bus nicht als erstes durch die Fußgängerzone schicken. Ideal wäre ein Stadtteil, der angeschlossen werden muss an Hauptverkehrslinien, wo permanent Kunden da sind, der mit einem kleineren Bus in höherer Frequenz angefahren werden muss.

Störfaktoren wie enge Straßen oder viele Ausfahrten müssen nicht bedacht werden?

Schwab: Das ist weniger ein Faktor, weil die Technik das beherrschen muss.

Gibt es Einschränkungen bei der Höchstgeschwindigkeit? 30 oder 50 km/h?

Schwab: Das System muss die 50 km/h abkönnen.

Über die Phase, in der man mal einen Pilot macht und dann wieder einstellt und auswertet, ist man hinaus.Georg Schwab

Gibt es vergleichbare Projekte in Deutschland, die schon laufen?

Schwab: Wenn man das startet, ist man vorne mit dabei. Es gibt ein paar Regionen, wo Pilotprojekte gefahren sind: sehr intensiv macht das Hamburg, München hat gestartet. Als Europäer brauchen wir dringend mehr solche Projekte. Sonst besteht die Gefahr, dass es uns geht wie bei den Handys, bei denen man zwischen dem amerikanischen oder asiatischen Modell auswählen kann. Wir müssen Innovationen zügig in breite Anwendung bringen. Eine europäische Stärke ist aber, dass man niemals die Sicherheit außer Acht gelassen hat. Ich glaube nicht, dass man das aufgeben sollte.

Ist der autonome Bus ein weiteres Pilotprojekt oder soll er auf der Straße bleiben?

Schwab: Über die Phase, in der man mal einen Pilot macht und dann wieder einstellt und auswertet, ist man hinaus – auch mit guten Erkenntnissen. Das wird jetzt kein Serienfahrzeug sein, weil es ein solches noch nicht gibt. Da ist viel Ingenieurarbeit nötig und am Anfang Überwachungsarbeit. Und dann muss man das ausweiten.

Herrscht dabei Zeitdruck?

Schwab: Getrieben wird man natürlich durch die Situation der Busfahrer. Haben wir sie in zehn Jahren noch ausreichend? Es kann nicht Ziel einer starken Stadt wie Regensburg sein, dass ich mein Bussystem reduzieren muss.

Ausweitung auf Schiene oder größere Busse dauert noch

Sollte die Idee einer Stadtbahn wieder aufleben, wären Erkenntnisse aus dem autonomen Bus-Probebetrieb übertragbar auf die Schiene?

Schwab: Wenn man die Schiene nicht total räumlich abtrennt von Fußgängern, Radfahrern, Autofahrern, hat man das gleiche System, die Erkennung von unvorhergesehenen Ereignissen über Sensorik. Man hat nicht das Thema, dass man ausweichen und zurück auf Strecke kommen muss. Dafür hat man höhere Geschwindigkeiten, man muss viel weiter nach vorne blicken.

Genauso wäre das System ausweitbar auf größere, vielleicht doppelgelenkige Busse?

Schwab: Das ist die nächste Herausforderung, aber da sage ich: erst mal Erfahrung sammeln mit einem kleineren Bus.