Amokfahrt von Nittenau bis Regensburg: 48-Jähriger hatte Medikamente abgesetzt

Von André Baumgarten · 19. Januar 2026 um 19:00

Ein 48-Jähriger durchbricht an der B16 eine Polizeisperre – zuvor liefert er sich eine kilometerlange Verfolgungsjagd von Nittenau (Landkreis Schwandorf) bis Regensburg. Die Anklage gegen den Mann offenbart eine Vielzahl weiterer Vorfälle. Bedrohung, Körperverletzung, Stalking, Brandstiftung und Hausfriedensbruch. Das Urteil soll im Februar fallen.

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Anfang April vergangenen Jahres liefert sich ein 48-Jähriger eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei. Er rammt sich auf seiner Irrfahrt den Weg durch eine Straßensperre frei und schrottet so eine Zivilstreife – erst ein Crash kann ihn stoppen. Er rasiert im Norden von Regensburg ein Verkehrszeichen weg und rammt eine Uhr samt Werbetafel beim Harley Center. Vor Gericht gibt sich der Mann nun geläutert. Er räumt diese und viele weitere Vorwürfe ein: „Ich war so durch mit den Nerven.“

Die wirre Amokfahrt des Angeklagten begann am frühen Morgen des 9. April im Nachbarlandkreis Schwandorf: Einer aufmerksamen Zeugin fällt ein Mercedes-Bus auf, der an einer Spielhalle in Nittenau immer wieder auf und ab fährt. Sie ruft die Polizei, weil der Mann am Steuer verwirrt wirkt. Eine Streife sichtet ihn und das als gestohlen gemeldete Fahrzeug kurz darauf nahe Kleinramspau (Landkreis Regensburg). Auf eine Kontrolle aber hat der heute 48-Jährige offensichtlich gar keine Lust.

Mit mehr als 100 Sachen durch Ortschaften

Mit Blaulicht, Martinshorn und Lichthupe soll er zum Anhalten bewegt werden, doch er gibt Vollgas. Immer wieder entzieht er sich Überholversuchen, indem er auf die Gegenspur zieht. Mit über 100 Sachen geht es durch Regenstauf und Zeitlarn. Der Mercedes rast über eine rote Ampel, in einer 70er-Zone auf der Landstraße zeigt der Tacho der Verfolger sogar bis zu 140 km/h an. Davon zeugt ein zig Minuten langes Video der Wahnsinnsfahrt, das die Polizeistreife mitschneidet.

Längst sind weitere Streifen und zivile Beamte mit involviert und beziehen am Ortseingang von Regensburg Stellung. Die Straßensperre an den Auffahrten zur B 16 beeindruckt den Fahrer nicht: Er nutzt eine Lücke zwischen den Polizeiautos und rammt sich den Weg frei. Der Bus wird so schwer beschädigt, dass der Angeklagte am Harley-Center, Ecke Amberger Straße/Nordgaustraße, die Kontrolle verliert und gegen eine Werbetafel mit Uhr kracht. Erst danach wird er verhaftet.

Gut 1,4 Kilometer lang führt die Spur eines kaputten Reifens auf dem Asphalt bis zur Unfallstelle – im Zickzack quer über die volle Fahrbahnbreite. - Foto: Baumgarten/Archiv

Im Prozess vor der achten Strafkammer des Regensburger Landgerichts wird klar, was die Hintergründe sind: Der 48-Jährige ist polizeilich kein unbeschriebenes Blatt – bereits 2015 stand er vor Gericht wegen Vorfällen im Zusammenhang mit seiner psychischen Störung, wie sein Anwalt offen erklärt. Ende 2024 sei sein Mandant wieder abgerutscht, habe seine Medikamente abgesetzt und Drogen genommen.

Auch die Selbst-Einweisung in die Psychiatrie habe ihn nicht mehr auffangen können. „Es war zu spät“, erklärte der Nürnberger Strafverteidiger Michael Zahareas. Alles, was die zwölfseitige Anklage umfasst, räumte er im Namen des Mannes im Wesentlichen ein. Summa summarum sind 18 Straftatbestände aufgeführt, die vom 30. Januar bis zu besagter Irrfahrt vom 9. April teils mehrfach begangen worden sein sollen.

Beim Klinikaufenthalt soll er jemanden bedroht haben, später auch den Freund einer Bekannten und die Eltern seiner Ex. Diese hatte wegen zahlloser Anrufe (bis zu 50 pro Tag) und Nachstellungen bei Gericht einen Gewaltschutzbeschluss erwirkt – den der 48-Jährige aber auch ignoriert haben soll. Wenige Tage vor der Irrfahrt in der Oberpfalz soll er zweimal Feuer in einer Gartenanlage gelegt haben. Den mit laufendem Motor geparkten Mercedes-Bus soll er sich davor geschnappt haben.

Erst die massive Stange einer Werbetafel mit Uhr, direkt an der Ecke Amberger Straße/Nordgaustraße stoppt die Irrfahrt des heute 48-Jährigen. - Foto: Baumgarten/Archiv

„Ich war damals manisch“, erklärt der Mann auf der Anklagebank. „Gut ging es mir nicht.“ Tagelang habe er nicht schlafen können, einen Gedanken nach dem anderen gehabt, umreißt er seinen Zustand. „Es kommt ihm eine Idee und dann wird das gemacht“, ergänzt der Anwalt. Das sei das große „Problem seiner Krankheit“. Was er mit dem gestohlenen Mercedes gewollt habe, wisse der Angeklagte selbst nicht, wie er auf Nachfragen beteuert. Auch die Brandstiftungen in Nürnberg seien gar keine Absicht gewesen, sondern ein Versehen.

Medikamente einfach selbst abgesetzt

Als er das vor Gericht schildert, wirkt er klar und strukturiert, wenngleich ihm viele Erinnerungen fehlen würden. Denn „jetzt bin ich richtig eingestellt“, verweist er auf Fehler in der Behandlung. „Jetzt passt alles wieder.“ Zumindest, solange er seine Medikamente auch einnimmt – denn die hatte er zu jener Zeit abgesetzt. Wohl, weil sich Ende 2024 seine Freundin von ihm getrennt hatte und er auf der Straße landete. Dort geriet er wieder an Drogen.

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Vorsitzender Richter Wolfgang Schirmbeck hat in dieser Sache vier weitere Prozesstage angesetzt. Und wenngleich sogar die Staatsanwaltschaft von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit ausgeht, droht dem Mann eine Strafe. Das Urteil des Regensburger Landgerichts soll nach den aktuellen Planungen erst im Februar fallen.

Unabhängig davon wird der 48-Jährige am Ende wohl auch für die Folgen bezahlen müssen: Allein der Schaden am völlig ramponierten Auto der Zivilstreife beläuft sich auf mehr als 40.000 Euro. Ein Beamter, der damals im Fahrzeug saß, wurde beim Aufprall des Mercedes-Busses verletzt. Der Geschädigte hat bereits Schmerzensgeld geltend gemacht. Wie der Angeklagte das jemals ausgleichen will, ist allerdings unklar. Er scheint mittellos zu sein.