Wenige Wohnungen und teure Mieten: Betroffene berichten über harte Suche in Neumarkt

Von Wolfgang Endlein · 16. Januar 2026 um 19:00

Warum gibt es so wenige günstige Wohnungen in Neumarkt und warum wollen etliche Immobilienbesitzer nicht an Menschen mit Handicap, mit Migrationshintergrund oder Alleinerziehende vermieten? Eine Podiumsdiskussion sprach am Donnerstag über das Thema und suchte nach Lösungen.

Alica Lachmann und Martina Wild hatten die Veranstaltung mit dem Titel „Zusammen mehr beWIRrken. Chancen für alle auf dem Wohnungsmarkt“ organisiert. Die beiden Frauen leiten das Projekt „WohnGewinn“. Dieses unterstützt insbesondere Menschen mit Handicap bei der Wohnungssuche. Im März endet es, weil die Finanzierung ausläuft (wir berichteten).

Die Erkenntnisse aus den drei Jahren fasste Lachmann so zusammen: Es gibt zu wenige Wohnungen für Alleinerziehende, Menschen mit Handicap oder Migrationshintergrund sowie Rentner, die oftmals ein begrenztes Einkommen hätten. Die Konkurrenz um die wenigen Wohnungen sei entsprechend groß, besonders um die noch kleinere Zahl jener, die barrierefrei oder rollstuhlgerecht seien. Hinzu kämen Vorurteile bei Vermietern.

Alleinerziehende Neumarkterin berichtet von der schweren Wohnungssuche

Davon berichtete Verena Kornburger in der Diskussionsrunde, die Tagblatt-Redaktionsleiterin Eva Gaupp moderierte. „Ich habe es mir einfacher vorgestellt“, sagte Kornburger über ihre bereits zwei Jahre andauernde vergebliche Suche nach einer Wohnung für sich und ihre beiden Töchter. Aktuell lebt die berufstätige, alleinerziehende Mutter im zweiten Stock, in den sie zweimal am Tag ihre 35 Kilogramm schwere jüngere Tochter die Treppen hinauf und hinunter tragen muss. Denn die Neunjährige ist mit einem Gendefekt auf die Welt gekommen.

Sichtbar emotional angefasst, schilderte die Neumarkterin, dass ein Vermieter sie mit der Aussage abgelehnt habe: Mit einem gehandicapten Kind bekomme man Kornburger nie mehr aus der Wohnung heraus.

Ist das Projekt „WohnGewinn“ doch noch zu retten?

• Finanzierung: Seit drei Jahren unterstützt das Projekt „WohnGewinn“ Menschen mit Handicap bei der Wohnungssuche im Landkreis Neumarkt. Im März läuft die Finanzierung durch die Aktion Mensch aus. Der Unterstützungsbedarf ist aber nach wie vor da. Wer könnte finanziell einspringe?

• Neumarkt: Landkreis und Stadt Neumarkt haben das abgelehnt. Oberbürgermeister Markus Ochsenkühn erklärte dazu bei der Podiumsdiskussion, es gebe bereits städtische Stellen, die Unterstützung anbieten – wenn auch nicht in der Tiefe wie „WohnGewinn“. Man wolle aber mit Blick auf die städtischen Finanzen keine doppelten Strukturen aufbauen, sagte der Rathauschef.

• Ausblick: Alica Lachmann und Martina Wild von „WohnGewinn“ erklärten, dass das erworbene Wissen des Projekts nicht verloren gehe. Die beiden Frauen werden künftig für die Offenen Hilfen von Regens Wagner arbeiten und dort in reduzierter Form das Thema weiterbearbeiten. Zudem soll der Mietführerschein, der nicht nur Menschen mit Handicap in Seminaren auf die Wohnungssuche vorbereitet, fortgeführt werden – vielleicht auch von anderen Anbietern.

Mit Vorurteilen hatte auch Claudia Franke zu kämpfen. Die 53-Jährige sitzt seit einer Erkrankung im Rollstuhl. „Es haben mir nur wenige Leute zugetraut, dass ich es schaffe, allein in einer Wohnung zu leben.“ Ihr Vermieter habe ebenfalls Befürchtungen gehabt, weil er zuvor noch nie mit Menschen mit Handicap zu tun gehabt habe.

Inzwischen lebt sie seit 13 Jahren in ihrer Wohnung. „Das Risiko für Vermieter mit Menschen mit Handicap ist auch nicht größer als bei anderen Menschen“, sagt Franke, die bemängelt, dass es zu wenige rollstuhlgerechte Wohnungen gebe. Sollte es ihrer Ansicht nach aber. Denn: Die Gesellschaft altere und der Bedarf steige.

120 Bayernheim-Wohnungen in Neumarkt: Nur eine wird rollstuhlgerecht

Dass selbst die staatliche Bayernheim bei ihrem Projekt von 120 geförderten Wohnungen in Neumarkt nur eine rollstuhlgerecht baut, sei für die Stadt nicht zu ändern, erklärte Oberbürgermeister Markus Ochsenkühn. Bauträger achteten auf die Kosten und die Stadt habe keinen Hebel. Zu begehrt seien derartige Projekte. Neumarkt habe kämpfen müssen, es überhaupt in die Stadt zu holen.

Tamam Alrawi gehört einer anderen gesellschaftlichen Gruppe an, die es auf dem Wohnungsmarkt schwer hat. Der Familienvater kam 2016 aus Syrien nach Deutschland. Inzwischen hat er den deutschen Pass, arbeitet als Krankenpfleger und lebt in Pölling. Bei der Wohnungssuche habe es viele Absagen gegeben, erzählt Alrawi. Nur durch die Hilfe von Neumarkter, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, war er letztlich erfolgreich. „Vermieter brauchen oft eine deutsche Vertrauensperson, damit sie Menschen mit Migrationshintergrund nehmen.“

Geschichten wie jene von Kornburger, Franke und Alrawi kennt Hans Werner Gloßner gut. Der Immobilienmakler unterstützt seit Jahren benachteiligte Menschen bei der Wohnungssuche. Er kämpft dabei täglich mit den Bedingungen des Wohnungsmarktes.

Dieser ist vor allem durch steigende Mieten gekennzeichnet. Derzeit koste eine 53 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung in Neumarkt inzwischen warm umgerechnet 800 Euro. Passende Wohnungen zu finden, die beispielsweise Menschen mit staatlicher Grundsicherung bezahlen können, sei extrem schwierig. Vor allem, weil die Obergrenzen, die die Behörden festlegen und bezahlen, seiner Erfahrung nach zwei Jahre hinter der Mietentwicklung herhinkten.

Neumarkter OB hofft durch Bau-Turbo auf mehr bezahlbaren Wohnraum

Er sehe aktuell nur wenig Licht am Ende des Tunnels, sagte Gloßner. Es gebe schlicht zu wenig Wohnungen. Daran könne das beste Netzwerk wenig ändern. Es blieb ihm nur der Appell: „Wir brauchen sozial denkende Vermieter“. Claudia Franke warb ebenfalls für mehr Menschen, die „auch mal an andere denken“.

Aber selbst dann führt kein Weg daran vorbei, dass mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden muss. OB Ochsenkühn sieht darin neben der sozialen Komponente auch einen Standortfaktor. Nur wo es Wohnraum gibt, können sich die von der heimischen Wirtschaft benötigten Mitarbeiter niederlassen.

Das Bayernheim-Projekt „hilft uns als Stadt, aber das wird nicht reichen“, sagte Ochsenkühn. Und weil „der Markt nicht alles regelt“, werde die Stadt, die in der Vergangenheit beispielsweise im Deininger Weg eigene Wohnbauprojekte umgesetzt hat, weiter bauen müssen. Die steigende Zahl an Wohnberechtigungsscheinen sei ein Indiz für den Bedarf.

„Ich bin nicht so pessimistisch gestimmt“, machte der Rathauschef Mut. Er glaubt, dass die als „Bau-Turbo“ bezeichnete Änderung des Baugesetzes den Kommunen mehr Möglichkeiten gibt, den sozialen Wohnungsbau zu forcieren. Er könne ein Hebel sein, auch private Bauherrn dazu zu bewegen, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.