Zu wenig bezahlbare und barrierefreie Wohnungen im Landkreis Neumarkt

Eine Wohnung im Landkreis Neumarkt zu finden, ist schwer. Für Menschen mit kleinem Geldbeutel und körperlichen Einschränkungen fast aussichtslos. Das Projekt „WohnGewinn“ stand drei Jahre lang an der Seite von Senioren, Alleinerziehenden und Menschen mit Behinderung. Jetzt wird das Projekt nicht weiter finanziert.
„Man kann die Welt doch ein bisschen besser machen“, sagt Martina Wild, wenn sie auf diese drei Jahre zurückblickt. 17 Klienten haben sie und ihre Kollegin Alica Lachmann geholfen, eine Wohnung zu finden. Was auf den ersten Blick nach wenig klingt, war ein zeitlicher Aufwand von jeweils mehreren Monat voller Gespräche, Anträge und Schriftverkehr.
„Jetzt haben wir immer noch 56 offene Wohnungssuchen.“ Ihnen können die beiden nicht mehr helfen. Denn nach drei Jahren läuft die Förderung über Aktion Mensch Ende März aus. Regens Wagner könne die Kosten allein nicht stemmen, ein anderer Träger habe sich nicht gefunden, der die zehn Wochenstunden von Martina Wild bzw. die 19 von Alica Lachmann finanziert. Auch Stadt und Landkreis Neumarkt hätten keine Möglichkeit gesehen, sagen die beiden.
„WohnGewinn“ erstellte Konzept für Mietführerschein
Doch sie haben einiges erreicht: Zum Beispiel haben sie den „Mietführerschein“ ins Leben gerufen. Das Pilot-Seminar mit fünf mal vier Stunden hat sich zwar als zu umfassend herausgestellt, die einzelnen Module und die Broschüren in einfacher Sprache können jedoch als Basis von Informationsveranstaltungen für unterschiedliche Zielgruppen verwendet werden, sagt Lachmann – nicht nur für Menschen mit Behinderung.
„Auch junge Menschen, die von zuhause ausziehen, wissen oft nicht, wie der Wohnungsmarkt funktioniert und was es zu beachten gilt“, sagt Wild. Vielleicht finde sich in Zukunft jemand, der immer mal wieder einen Vortrag oder Workshop dazu anbiete.
Es lohnt sich, der Stein im Schuh von manchen Personen zu sein und immer wieder auf Themen aufmerksam zu machen, bei denen sich etwas ändern muss.Alica Lachmann (26), Sozialpädagogin, Regens Wagner, Offene Behindertenarbeit
Eine wichtige Aufgabe der beiden war es, Netzwerke im Landkreis Neumarkt mit sozialen Dienstleistern und Einrichtungen sowie gewerblichen Vermietern zu knüpfen. Außerdem haben sie ihre Arbeit unter anderem auf der Nürnberger Messe ConSozial vorgestellt sowie auf dem Kongress von Aktion Mensch in Erfurt.
„So konnten wir laut werden und Sprachrohr für die Menschen werden, die kaum eine Chance auf dem Wohnungsmarkt haben“, sagt Lachmann und freut sich über zahlreiche Gespräche mit lokalen und überregionalen Politikern. „Wir konnten ihnen mitgeben, was es braucht, dass alle Menschen gut leben können.“

Was Martina Wild angestoßen hat, möchte sie mit dem Know-how von Regens Wagner im Rücken auch in Zukunft zusammen mit Bezirksrätin Heidi Rackl weiter unterstützen: die Zusammenarbeit und den Austausch der Behindertenbeauftragten in den Landkreisgemeinden. Das sei vor allem wichtig, weil zwar ein breites Beratungsangebot im Landkreis existiere, „aber es ist unübersichtlich“. Menschen mit Behinderung können sich grundsätzlich an die Offene Behindertenarbeit (OBA) wenden. „Aber es gibt keine offizielle Stelle, die sich nur um das Thema Wohnen kümmert, und an die sich jeder wenden kann“, sagt Lachmann.
Es ist eine erfüllende Arbeit, auch wenn es manchmal nur eine Kleinigkeit war, mit der man einem anderen Menschen helfen konnte,Martina Wild (52), MTA, Regens Wagner
Doch ihrer Erfahrung nach bräuchte es genau so ein Angebot für den Landkreis Neumarkt. Denn es gebe auch ältere Menschen, die aus ihrem Haus ausziehen wollten, sich jedoch von der modernen digitalisierten Wohnungssuche überfordert fühlten. „Alle sprechen immer von Erleichterungen durch die Digitalisierung. Aber nicht jeder kommt damit zurecht“, pflichtet Wild ihrer Kollegin bei. Ideal wäre ihrer Ansicht nach eine regelmäßige Sprechstunde im Landratsamt als Erstanlaufstelle, in der Bürger Hilfe bekommen und erfahren, wo sie den richtigen Ansprechpartner für ihr Anliegen finden. „Es ist schwierig herauszufinden, welche Beratung für welche Zielgruppe zuständig ist. Und die Leute haben oft nicht die Kraft dafür.“
Was sich die beiden nach drei Jahren noch wünschen: Mehr bezahlbare Wohnungen, die nicht nur barrierefrei, sondern rollstuhlgerecht sind. „Warum kann man nicht in jede Wohnung ausreichend breite Türrahmen einbauen?“, fragt Wild.
Vermieter im Landkreis Neumarkt haben oft Vorurteile
Und: weniger Vorurteile und Berührungsängste gegenüber Mietern mit einer Behinderung, psychischen Erkrankung oder grundsätzlich Menschen, die staatliche Leistungen beziehen. „Auch eine Person mit einer Behinderung kann sehr gut alleine leben,“ sagt Lachmann. Außerdem kämen die Betreuer regelmäßig vorbei. Trotzdem antworteten Vermieter oft nicht einmal auf die Mietanfrage eines Menschen mit Handicap.
Zumindest dieser letzte Wunsch ist in Berching schon in Erfüllung gegangen: Vielleicht wegen der Nähe zu Regens Wagner in Holnstein, vielleicht, weil Berching noch ländlicher strukturiert ist als Neumarkt, mutmaßt Lachmann und ihre Kollegin bestätigt: „In Berching ist ein tolles Netzwerk entstanden, so dass Vermieter auch Menschen mit Handicap eine Chance geben. Das macht mir Hoffnung.“