Pölling als zweite Heimat: Tamam Alrawi hat sich eine neue Existenz in Deutschland aufgebaut

Es ist ein Teufelskreis: ohne Arbeit keine Wohnung und umgekehrt. Viele Geflüchtete möchten sich gerne in Neumarkt eine Existenz aufbauen. Doch sie scheitern oft an Bürokratie und Vorurteilen. Tamam Alrawi nicht: Er hat es geschafft und berichtet, welche Hürden er überwinden musste.
„Der neue Vorhang fehlt noch“, entschuldigt sich Tamam Alrawi, als er ins Wohnzimmer seiner Familie bittet. Mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt der aus Syrien stammende 38-Jährige in Pölling. Der Neumarkter Stadtteil sei ihm eine neue Heimat geworden, freut er sich: „Ich wollte das unbedingt, deswegen habe ich es geschafft.“
Zum arabischem Kaffee serviert seine Frau Enaam Maamoul köstliche gefüllte Plätzchen, die sie selbst gebacken hat. Die Wohnung ist modern und geschmackvoll eingerichtet – traditionelles Geschirr und Bilder erinnern an die „alte“ Heimat der Alrawis.
Seit 2023 hat Tamam die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit 2021 arbeitet er als Gesundheits- und Krankenpfleger im Senioren- und Pflegeheim Sankt Therese in Mühlhausen. Gertrud Rupp, Leiterin der Einrichtung, ist voll des Lobes über ihn.
„Er ist unglaublich fleißig“
Tamam habe sich durch sein eigenes Engagement bestens integriert, sagen zwei Frauen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren und ihn über Jahre begleitet haben. Birgit Albersdörfer hat ihn über den Neumarkter Verein „Chancen statt Grenzen“ kennengelernt: „Er ist nicht nur sympathisch, sondern auch unglaublich fleißig“, betont sie. Die andere Neumarkterin, die nicht namentlich genannt werden will, verweist darauf, dass er die Prüfungen für seine Ausbildung mit hervorragenden Ergebnissen abgeschlossen hat.
Doch war es ein langer und oft entbehrungsreicher Weg, den Tamam mit viel Ehrgeiz und großer Disziplin gegangen ist. Das lässt sich aus seinen Erzählungen schließen. Aufgewachsen ist er in der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens. Dort unterrichtete nach seinem Master-Studium von 2008 bis 2015 als Lehrer Arabisch an weiterführenden Schulen.
Am ersten Tag mit dem Deutsch-Lernen begonnen
Als die Situation wegen des Krieges immer bedrohlicher geworden sei, habe er sich schweren Herzens entschieden, seine Heimat zu verlassen: „Ich musste gehen – die Willkür und Gefahren waren allgegenwärtig.“ Seine Frau war zu dem Zeitpunkt schwanger, berichtet Tamam.
Über die Balkanroute kam er Anfang 2016 nach Deutschland. Bereits am ersten Tag seiner Ankunft in Regensburg habe er sich Block und Stift gekauft und begonnen Deutsch zu lernen. Vom Ankerzentrum führte ihn sein Weg nach Neumarkt, weiter nach Wissing und dann nach Loderbach, wo er zwei Jahre in einer Unterkunft lebte. 2017 erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre.
Schicksal selbst in die Hand genommen
Während des Integrationskurses habe er als Zeitungszusteller und in einem Freizeitpark gearbeitet, um dem Staat nicht zur Last zu fallen, erzählt Tamam in fließendem fehlerfreiem Deutsch. „Es war mir wichtig, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.“
Nach einem Praktikum am Neumarkter Klinikum begann er im Oktober 2018 eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, die er 2021 erfolgreich abschloss. Nach einem Jahr auf der Kardiologie am Klinikum wechselte er 2021 nach Mühlhausen. 2023 absolvierte er eine Weiterbildung im Bereich Hygiene- und Arbeitsschutz. „Ich mag diesen Beruf persönlich, weil da die Menschlichkeit im Vordergrund steht“, unterstreicht Tamam.
Verschiedene Nationalitäten arbeiten Hand in Hand
Sein Elan und seine Begeisterung für seinen Job sind ansteckend – inzwischen hat er dafür weitere Geflüchtete „geworben“, freut er sich und das tut auch Heimleiterin Rupp: Ein Drittel der Pflege- und Pflegefachkräfte des Seniorenheims St. Therese stammen aus dem Ausland. Die Vermittlung laufe inzwischen über Empfehlung der Mitarbeiter an Bekannte.
Verschiedenste Nationalitäten arbeiteten hier Hand in Hand. Das sei für alle Seiten eine Win-Win-Situation: Sie selbst spare sich dadurch Zeitarbeitsfirmen, die Mitarbeiter hätten einen sicheren Job und seien auch bei den Bewohnern gern gesehen.
Zudem bereicherten die verschiedenen Kulturen die Einrichtung. Einmal in der Woche gebe ein typisches Essen mit Spezialitäten aus einem anderen Land. Rupp hat ein Integrationskonzept geschrieben, hilft bei Behördengängen und Wohnungssuche.
Wohnungssuche gestaltet sich als Herausforderung
Denn letztere gestaltet sich für viele Geflüchtete als Herausforderung: Ohne Wohnung sei es für sie problematisch, eine Arbeit zu finden und ohne Arbeit sei es schwierig, eine Wohnung zu bekommen. Hinzu komme, dass die Mieten in der Region oft sehr hoch sind, weiß auch Birgit Albersdörfer. Sie half Tamam bei diesem komplizierten Unterfangen. Gerade die Wohnungssuche habe sich schwierig gestaltet, insbesondere etwas bezahlbares zu finden. Kein Wunder dass Taman über sie sagt: „Sie ist wie eine große Schwester für mich.“
Wenn Flüchtlinge nicht von Deutschen unterstützt würden, hätten sie „keine Chance“. „Dabei wäre es für viele Vermieter eine „Win-Win-Situation“, ergänzt die weitere Flüchtlingshelferin. Die Migranten seien in der Regel sehr hilfsbereit und gerade ältere Vermieter könnte das zugute kommen.
Mithilfe von Birgit Albersdörfer – „sie ist wie eine Schwester für mich“, sagt Tamam – fand er 2018 eine Wohnung in Pölling. Drei Jahre, bis 2019, dauerte es , bis seine Frau Enaam und sein Sohn im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland kommen durften.
Die Alrawis haben sich in dem Neumarkter Stadtteil ein hübsches Zuhause geschaffen. Der Sohn besucht die zweite Klasse in der Grundschule, die Tochter ist drei Jahre alt. Enaam ist Bauingenieurin spricht fließend Deutsch und möchte gerne bald wieder in ihrem Beruf arbeiten.
Familie pflegt deutsche und syrische Kultur
Die Familie pflege sowohl die deutsche Kultur, als auch ihre Traditionen: „Wir leben beides: So haben wir Ostern gefeiert und auch das Zuckerfest“, sagt Tamam. Wenngleich sie in der Regel syrisch kochen, so kommt inzwischen auch schon mal das ein oder andere deutsche Gericht auf den Tisch, wie die Apfelpfannkuchen, für die die Tochter das Rezept aus der Kita lieferte.
„Pölling ist für uns zur zweiten Heimat geworden. Wir sind in Sicherheit, aber trotzdem fehlt uns was“, sagt Tamam traurig: die Familie in der alten Heimat. Seine Geschwister wollten nicht weg aus Syrien. Kontakt gebe es nur per Whats-App und es bedrücke ihn sehr, zu sehen, wie schwierig dort die Situation aktuell sei und dass es oft nicht genügend zu essen gebe.
Hilfe leistet der 38-Jährige dafür aber im Neumarkter Bürgerhaus: Seit 2018 engagiert er sich als „Brückenbauer“ bei den Maltesern, unterstützt andere Migranten, sich in Deutschland zu integrieren: „Wenn Sie meine Hilfe brauchen, bin ich da.“