Neumarkterin kämpft bayernweit gegen Hürden für Menschen mit Behinderung

Von Heidi Bauer · 4. Januar 2026 um 11:00

Claudia Franke kennt Neumarkt wie wenige andere – und Neumarkt kennt sie. Sie kämpft seit Jahren für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Nicht laut, nicht spektakulär – aber hartnäckig. Und sie weiß genau, wo Inklusion in Neumarkt an ihre Grenzen stößt. Was sie plant, lässt aufhorchen.

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Wirkliche Inklusion beginnt dort, wo sie am meisten weh tut, sagt Franke. Denn es gibt einen Punkt, an dem Geduld zur Zumutung wird.

Was Claudia Franke antreibt, lässt sich nicht auf ein einzelnes Schlüsselerlebnis reduzieren. „Ich bin da reingerutscht“, sagt sie. Begonnen hat alles im Werkstattrat der Lebenshilfe, hier in Neumarkt. Aus einem Ehrenamt wurden viele: Landesausschuss der Selbstvertreter, Bundesebene im Rat behinderter Menschen, Präsidium der Lebenshilfe Neumarkt, heute Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Bayern. Was nach Karriere klingt, ist für sie etwas anderes: Verantwortung.

An der Sprache scheitert es in vielen Fällen

Franke lebt selbst mit Einschränkungen, unter anderem durch eine Epilepsie. Was sie dabei am meisten geprägt hat, war weniger die Krankheit als der Umgang damit. „Nicht verstanden werden“, sagt sie. Dieses Gefühl kennt sie gut – und genau das möchte sie anderen ersparen. Ganz verhindern könne man es nicht, weiß sie ehrlich. Aber man könne Wege ebnen. Vereinfachen. Übersetzen – nicht nur sprachlich, sondern auch gesellschaftlich.

Ein großes Wort in Frankes Arbeit heißt: Sprache. Behördenbriefe, Anträge, Bescheide – oft verfasst in einer Amts- und Fachsprache, die selbst für geübte Leser kaum zugänglich ist. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen werden sie zur unüberwindbaren Hürde.

„Viele sehen völlig fit aus“, erläutert Franke. „Man merkt ihnen nicht an, dass sie Unterstützung brauchen.“ Genau darin liege das Problem: Wer nicht offensichtlich hilfsbedürftig ist, wird schnell übersehen.

Sprachbarrieren bleiben unsichtbar

Besonders hart treffe es jene, die sich nicht selbst wehren können: Menschen mit mehrfachen oder sogenannten geistigen Behinderungen. Während bauliche Barrieren für Rollstuhlfahrer sichtbarer und politisch greifbarer seien, bleibe diese Gruppe häufig unsichtbar – auch hier im Landkreis Neumarkt.

„Je fitter jemand ist, desto eher kommt er durch“, sagt Franke. „Die Schwächsten zahlen den Preis.“ Entscheidungen würden zu oft ohne sie getroffen, nicht mit ihnen.

Gegen ein pauschales Negativbild der Werkstätten

Ein Thema, das ihr besonders wichtig ist, sind die Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie ärgert sich über das pauschale Negativbild, das ihnen oft entgegengebracht wird. Ja, die Bezahlung sei niedrig. Aber selten werde erklärt, wie Werkstätten funktionieren, dass sie sich selbst finanzieren müssen – und dass viele Beschäftigte bewusst dort bleiben wollen. Wegen der Gemeinschaft. Wegen des geringeren Leistungsdrucks. Wegen der Freunde. Auch in Neumarkt, wo hunderte Menschen in den Werkstätten arbeiten.

Gleichzeitig warnt Franke davor, Inklusion gegen Schutzräume auszuspielen. Nicht jeder könne oder wolle auf den ersten Arbeitsmarkt. Und der sei längst nicht so offen, wie es auf dem Papier stehe. Viele Arbeitgeber zahlten lieber Ausgleichsabgaben, als Menschen mit Behinderung einzustellen. Wer langsamer ist, häufiger erklärt bekommen muss oder mehr Unterstützung braucht, fällt schnell durchs Raster, unterstreicht Franke.

Solange wir über Inklusion reden müssen, haben wir keine.Claudia Franke, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Bayern

Dass Inklusion kein nationales Randthema ist, zeigt auch Frankes Blick über Neumarkt hinaus. Erst vor Kurzem nahm sie in Berlin an einem internationalen Kongress zur Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung teil. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern sprach sie dort über Mitbestimmung, Bevormundung und echte Teilhabe. Erfahrungen, die sie mit nach Neumarkt bringt – und die ihren Blick schärfen für das, was hier noch fehlt.

Dass Inklusion mehr ist als Rampen und Aufzüge, zeigt sich auch im Gesundheitswesen. Franke nennt ein Beispiel, das sie wütend macht: Vorsorgeuntersuchungen wie die Mammographie, die für Rollstuhlfahrerinnen faktisch nicht zugänglich sind. „Dann verzichtet man halt“, sagt sie nüchtern. Ein Satz, der zeigt, wie selbstverständlich Ausschluss immer noch hingenommen wird – oft aus Mangel an Alternativen.

Großer Frust wegen vager politischer Antworten

Inklusion, sagt Claudia Franke, sei kein schönes Wort für Sonntagsreden. „Solange wir über Inklusion reden müssen, haben wir keine.“ Solange eine Gesellschaft nur auf „höher, schneller, weiter“ setze, bleibe für Menschlichkeit wenig Raum. Und solange politische Antworten vage blieben, solange Termine, Zuständigkeiten und Versprechen verschwimmen, bleibe der Frust groß.

Was sie trotzdem weitermachen lässt? Die Gemeinschaft. Andere Engagierte. Gremien, in denen man sich gegenseitig stärkt. Musik und Sport, die ihr Kraft geben. Und das Wissen, nicht allein zu sein. Geduld müsse man haben, sagt sie. Sehr viel Geduld. Doch genau diese Geduld sei endlich – vor allem dann, wenn selbst grundlegende Dinge fehlen: verständliche Informationen, ausreichend Personal, echte Mitbestimmung auf Augenhöhe.

Claudia Franke ist keine, die sich in den Vordergrund drängt. Aber sie ist eine, die bleibt. Eine, die nachfragt, wenn Antworten ausweichen. Und eine, die unbequem wird, wenn Menschlichkeit unter die Räder gerät. Denn, so sagt Claudia Franke, Inklusion entscheidet sich nicht in Konzepten und Papieren – sondern im Alltag.

Zahlen und Fakten zur Person und zur Inklusion in Deutschland

• Claudia Franke: Die 53-Jährige Neumarkterin ist nach einer scheren Sepsis seit mehr als 20 Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Sie engagiert sich seit 2013 als Werkstatträtin, seit 2018 auch als Präsidiumsmitglied der Lebenshilfe Neumarkt. Seit 2017 ist sie im Rat für behinderte Menschen der Lebenshilfe und seit 2025 auch im Vorstand der Lebenshilfe Bayern.

• Teilhabe: Rund 13?Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung. Ziel ist gleichberechtigte Teilhabe in allen Lebensbereichen – von Schule bis Arbeit.

• Arbeitsmarkt: Etwa 300 000 Menschen arbeiten in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), mit sehr seltenem Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Behinderung lag laut Aktion Mensch 2024 deutlich über dem Durchschnitt (etwa elf bis zwölf Prozent. Viele Unternehmen erfüllen Aktion Mensch zufolge die gesetzliche fünf Beschäftigungsquote nicht.

• Eingliederungshilfe: Laut Bezirk erhalten in der Oberpfalz knapp 11 200 Personen in der Oberpfalz Leistungen im Rahmen der Eingliederungshilfe. Im Landkreis Neumarkt unterstützt der Bezirk Oberpfalz derzeit (Stand November) circa 830 Menschen mit geistiger, körperlicher und/oder seelischer Behinderung in ambulanten, teilstationären und stationären Einrichtungen.