Schweigen im Angesicht des Todes: Die harte Realität der Reservisten-Ausbildung in Cham

Von Johannes Schiedermeier · 14. Januar 2026 um 05:00

Brutale Bilder aus dem Ukrainekrieg, tiefe Stille im Ausbildungsraum und Reservisten, die lernen, Leben zu retten. In Cham erleben Soldaten hautnah, was moderne Gefechte bedeuten – und warum Sekunden über Leben und Tod entscheiden. Eine Ausbildung, die weh tut, nachwirkt und den Ernstfall greifbar macht.

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Es herrscht Totenstille im Raum. Eine ukrainische Aufklärungsdrohne filmt ihre Soldaten, während sie aus dem Panzer springen, um zu kämpfen. Dabei geraten sie in ein Feld mit winzigen grünen Butterfly-Minen. Der Drohnenpilot hält gnadenlos drauf, während vier Soldaten des Infanteriezuges angesprengt werden. Ein leises Raunen geht durch die elf Bundeswehr-Reservisten, die an diesem Tag in Cham lernen sollen, solche Situationen zu überleben.

Einem ukrainischen Soldaten wird der Unterschenkel abgerissen. Er greift in eine Seitentasche und bindet sich mit einer Aderpresse selbst den Oberschenkel ab, bevor er sich auf einer breiten Blutspur in den Panzer zurückschleppt. Kurz darauf hält der Ausbildungsleiter den Film an und fragt, ob jemand eine Pause braucht. Keiner. Aber es herrscht noch immer tiefe Stille im Ausbildungsraum der Panzerbrigade 12 in Cham.

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„Jetzt versteht ihr, warum euer Leben und das eurer Kameraden an Ausbildungen wie dieser hängt“, sagt der Sanitäts-Stabsfeldwebel. Kurz darauf liegt die Hälfte der Reservisten am Boden. Das Anlegen eines Tourniquets wird trainiert. Tourniquet bezeichnet eine Aderpresse, ein gurtähnliches Abbindesystem, durch das der Blutfluss in den Venen und Arterien gestaut oder vollständig unterbrochen werden kann. Reguliert wird das durch Drehen eines Alu-Hebels.

Im Gefecht: Hilf dir selbst!

So entspannt, wie es wirkt, ist es gar nicht: Die Ausbilderin hat das Bein mal kurz so abgebunden, wie es nach einer schweren Verletzung sein müsste. Nur mal so zum Fühlen... Beeindruckend – und am nächsten Morgen leicht blau angelaufen – wie angekündigt. - Foto: Bundeswehr

Wer während eines Gefechts an Armen oder Beinen angeschossen wird , der muss in der Lage sein, sich selbst diese Aderpresse anzulegen, solange die anderen kämpfen. Dafür bleibt nur eine kurze Spanne Zeit, in der der Soldat unter Schock steht, den Schmerz nicht spürt und noch nicht blutet – zwei, vielleicht drei Minuten.

Wie straff muss man anziehen, um erfolgreich zu sein? Die Ausbilder bieten an, das Tourniquet so anzulegen, wie es im Ernstfall bei einer schweren Verwundung sein sollte.

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„Das ist freiwillig. Und es kann sein, dass ihr morgen einen blauen Fleck habt“, sagt der Ausbilder. Seine Kollegin, auch Stabsfeldwebel, erfüllt meinen Wunsch. Schon der erste Zug bringt mehr Wucht auf den Oberschenkel, als ich mit zwei Umdrehungen des Hebels hingekriegt habe. Dann noch drei Umdrehungen. Kurz darauf schläft das Bein ein... Am nächsten Morgen schimmert es leicht bläulich am Oberschenkel. Verstanden.

Die Reservisten mit ihren Ausbildern und Organisationsleiter Stabsfeldwebel Thomas Klapper (rechts) nach sieben Stunden Ausbildung zum Einsatz-Ersthelfer A - Foto: Johannes Schiedermeier

Die Sprache der Nato ist Englisch. Die Hilfestellungen sind es auch. Ausgebildet wird nach dem „MARCH-Schema“. Jeder Buchstabe steht für eine Aufgabe: Massive Bleeding (Massive Blutung), Airway (Atemwege), Respiratory (Atmung), Circulation (Blutkreislauf) und Hypothermia (Unterkühlung). Jeder dieser Unterpunkte umfasst Handlungsvorschriften.

Die genaue Untersuchung des Verwundeten ist dabei ein besonderer Schwerpunkt. Ein Sturmgewehr hinterlässt einen nur stecknadelgroßen Einschuss, weil sich die Muskulatur um die kleine Wunde schnell zusammenzieht. Dafür ist der Ausschuss so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. „Das Sturmgewehr schießt auch durch drei Soldaten noch durch. Und vergesst die Idee, dass der Helm euch retten wird. Der hilft vielleicht bei Streifschüssen und Splittern. Ein frontaler Treffer geht hinten wieder raus“, beschreibt der Ausbilder, der seit 20 Jahren bei der Bundeswehr ist und Auslands-Einsätze hinter sich hat.

Sechs Mal gerettet

Er hat Kunststoffblöcke mitgebracht, in die mit der Neun-Millimeter-Pistole der Bundeswehr hineingeschossen wurde, um eine Austrittswunde zu simulieren. Die Truppe lernt das „Packen“. Die Schusswunde wird austamponiert mit einem speziellen Verband, der 3,70 Meter lang ist und mit Kaolin bedampft. So hat er blutstillende Wirkung. Dafür muss er aber so weit wie möglich hart in die Wunde gepfropft werden. „Macht Druck! Der Verwundete wird euch dafür nicht lieben, aber er wird dabei sowieso bewusstlos. Und schneidet das Ding nie ab. Der Rest wird oben drauf gepackt. Der Chirurg wird das später nachmessen, und den Rest sonst in der Wunde suchen“, sagt der Sani.

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Mit Ausnahme einer straffen Mittagspause wird stundenlang geübt. Tourniquet rauf, Tourniquet runter. Sechs Mal rettet mir mein Trainingspartner das Leben, verbindet Schusswunden mit Druckverband, legt die Aderpresse an und einen Verband um meinen Armstumpf. Sieht echt gruslig aus. Dann bin ich dran mit Retten. Man vergisst schnell was. Das Einlegen der Rettungsdecke zum Beispiel. Im Ernstfall würde aber der Verlust von jedem Grad Körpertemperatur die Überlebens-Chance des Verwundeten um zehn Prozent senken.

Gefechtsfelder sind wegen Drohnen heutzutage gläsern

„Es ist wichtig, dass ihr das lernt und immer wieder übt. Heutzutage sind die Gefechtsfelder gläsern wegen der ständigen Drohnen. Da kann es Stunden oder Tage dauern, bis Hilfe kommt. Bis dahin müsst ihr selber für euch und eure Kameraden sorgen“, sagt der Ausbilder. Und er erzählt auch, dass die Sanitäter inzwischen ihre Fahrzeuge und sich selbst im Gefecht nicht mehr mit dem Roten Kreuz kennzeichnen: „Diese Fahrzeuge sind auf den Auslandseinsätzen und auch jetzt in der Ukraine immer wieder als erste beschossen worden, weil es die Soldaten im Gefecht demoralisiert zu wissen, dass es im Ernstfall keinen Sani gibt, der sie versorgt.“

Der Ausbilder rät dringend davon ab, sich bei Hitze der Gefechtskleidung zu entledigen. Sie schützt nicht nur vor der Sonne, sondern auch vor schweren Verbrennungen. Die entsprechenden Wunden sind eindrucksvoll bebildert. Auch offene Brüche werden geschient – und zwar mit allem, was so vorhanden ist: „Klappspaten, Besenstiel, Äste... entfaltet euch frei“, lädt der Ausbilder ein. –Nach rund sieben Stunden raucht der Kopf und wir haben viel gelernt. So mancher hofft nach dieser Ausbildung ganz besonders, dass wir das alles tun, damit wir es nie brauchen.

Kommentar von Johannes Schiedermeier: Vom Widersinn, etwas zu trainieren, um es nie tun zu müssen

Ich erinnere mich noch gut an diesen Freitagmorgen, als meine Katze vor mir geflohen ist. Um 6 Uhr bin ich in Kampfstiefeln und Feldanzug die Treppe zum Frühstück hinuntergepoltert. 40 Jahre nach meinem Wehrdienst. Die Katze wollte lieber raus. Und selbst die beste Ehefrau von allen fand es gewöhnungsbedürftig, mit einem Soldaten in Uniform zu frühstücken. „Kleiderschwimmen“ stand auf dem Ausbildungsplan. Und gemeinsam mit meinen Kameraden von der Reserve habe ich gelernt, dass der Rand der Erschöpfung ganz genau am Beckenrand des Freibades Roding liegt.

Seither ist einige Zeit vergangen. Mehr als ein Jahr. Ich habe mich an die Uniform gewöhnt, an die Ausbildung, an das Schießen. Nur die Bundeswehr ist immer noch nicht sicher, ob ich ein Extremist bin und kämpft mit meiner vielseitigen Sicherheitsüberprüfung.

„Was glaubst du, was die Menschen draußen über uns denken?“, hat mich mein Reservisten-Feldwebel gefragt. Das beschäftigt mich seitdem. In den Sozialen Netzwerken stößt man – wie üblich – nur auf die Extreme. Die einen sehen Kriegstreiberei und glauben, dass Putin nur spielen will. Die andere finden die Aufrüstung gut. Ich habe eine klare Meinung zum Thema Ukrainekrieg und bin davon überzeugt, dass diese Republik gut beraten wäre, 240.000 Berufssoldaten und 200.000 Reservisten zu haben, die bestens ausgerüstet sind.

Und so bin ich zur Truppe zurückgekehrt. Als einer von denen, die damals vor 40 Jahren den Eisernen Vorhang noch erlebt und beim Nato-Alarm den Aufmarsch der Truppen des Warschauer Pakts an der Grenze bei Furth als Soldat des Panzeraufklärungsbataillons 4 in Roding selbst gesehen haben. Deswegen liebe ich Europa. Weil es trotz all seiner Schwächen besser ist, als das, was manche scheinbar vergessen, und andere nie gekannt haben.

Ich habe mich zum Heimatschutz gemeldet, weil ich überzeugt davon bin, dass dieses Land ein gutes Land ist, und diese Demokratie es verdient hat, verteidigt zu werden. Es hat mir – bei aller Kritik – noch niemand etwas Besseres angeboten. Und Deutschland müsste am besten wissen, dass Verhandlungen für einen Diktator am Ende nur die Aufforderung zu weiteren Taten sind, wenn dahinter keine Stärke steht.

Natürlich beschäftigt mich der Widersinn, an der Waffe zu trainieren, damit ich sie nie benutzen muss. Aber Reservist zu sein, bedeutet mehr. Es bedeutet, abrufbereit zu sein, wenn Not am Mann ist. Bei Katastrophen aller Art. Und im Ernstfall werden wir mit der Waffe auch für diejenigen einstehen, die uns jetzt für Idioten halten.

Kürzlich hat einer den Arm um meine Schulter gelegt und gesagt: „Ich hab Zivildienst gemacht, aber ich finde super, was du da machst.“ Ich habe ihm geantwortet, dass ich Leute wie ihn, die für andere da sind, gerne verteidige. – So geht’s auch. Vielleicht liegt das Problem aber ganz wo anders. Vielleicht haben zu viele in dieser Wohlstandsrepublik etwas verlernt, was die Reserve der Bundeswehr sich auf ihre Fahne geschrieben hat: Wir dienen!