Regensburger Volkswirt Jürgen Jerger: „Keine Perspektive für Erholung“

Von Christian Eckl · 28. Dezember 2025 um 18:10

Professor Jürgen Jerger aus Regensburg gibt eine Einschätzung zur Lage der Wirtschaft in Deutschland und der Welt. Für eine Erholung der deutschen Wirtschaft sieht er aufgrund der Entwicklungen in den USA und in Russland derzeit keine Perspektive. Hoffnung machen dem Volkswirt dagegen die voraussichtliche Entlastung bei den Energiekosten.

Video ansehen

Welche Trends nehmen Sie derzeit weltweit wahr und welche Auswirkungen haben sie?

Prof. Jürgen Jerger: Der wohl wichtigste und zugleich sehr beunruhigende Trend weltweit ist die Hinwendung zu autokratischen Regierungen und deren Akzeptanz, jedenfalls in Teilen der Bevölkerung. Viele können sich offenbar überhaupt nicht vorstellen, wie heftig die Konsequenzen einer Abkehr von rechtsstaatlichen und demokratischen Strukturen für jeden Einzelnen sein können.

Sie sagen das auch mit Blick auf Deutschland?

Jerger: Gerade Deutschland sollte diese Lektion eigentlich gelernt haben. Leider trifft das nicht für alle zu. Die Vereinigten Staaten von Amerika machen derzeit vor, wie schnell eine kleine, aber hinreichend skrupellose Machtelite selbstverständlich geglaubte Grundrechte und individuelle Freiheiten de facto abschaffen kann.

Oft wird das mit nationalen Interessen begründet. Trägt dieses Argument?

Jerger: Die rücksichtslose Durchsetzung von Interessen findet in Autokratien nicht auf der Ebene des ganzen Staates statt, wie es Schlagworte wie „America first“ suggerieren, sondern auf der Ebene der Interessen der herrschenden Elite. Ganz offensichtlich können sich derzeit in den Vereinigten Staaten von Amerika insbesondere die Interessen der Digitalindustrie in ähnlicher Weise durchsetzen, wie dies in Russland schon lange für die Öl- und Gasindustrie der Fall ist. Rechtsstaatliche und demokratische Kontroll- und Ausgleichsmechanismen sind die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern.

Sind diese Mechanismen noch wirksam?

Jerger: Wir werden sehen, ob das in den Vereinigten Staaten von Amerika noch gelingt. Und wir werden auch sehen, wie weit hierzulande die Abkehr von Parteien, die einen klaren rechtsstaatlichen Kompass haben, noch voranschreitet.

Europäischer Markt ist besonders wichtig

Wovon profitiert die deutsche Wirtschaft im Moment, wenn überhaupt?

Jerger: Sehr wichtig für die deutsche Wirtschaft ist der europäische Markt. Dort gibt es innerhalb der Europäischen Union keine großen Handelsbarrieren und ein stabiles institutionelles Umfeld.

Sehen Sie dort noch Entwicklungspotenzial?

Jerger: Ja, durchaus. Sowohl mit Blick auf den europäischen Binnenmarkt als auch, und noch stärker, auf den nach wie vor stark fragmentierten Kapitalmarkt gibt es Potenzial nach oben. Darauf hat kürzlich auch der Jahresbericht des Sachverständigenrates hingewiesen.

Gibt es weitere Ansatzpunkte außerhalb Europas?

Jerger: Weiterhin gibt es ein wenngleich begrenzteres Potenzial für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Ländern etwa in Asien und Südamerika. Profitieren dürfte die Wirtschaft außerdem von der angekündigten Entlastung bei den im internationalen Vergleich sehr hohen Energiekosten.

Was behindert die deutsche Wirtschaft im Wachstum?

Jerger: Man kann zwar über eine stagnierende Wirtschaft klagen, man sollte sich aber auch vor Augen halten, dass dies angesichts der Wirtschaftsleistung pro Kopf ein Jammern auf hohem Niveau ist. Die Zahl der in Deutschland geleisteten Arbeitsstunden ist seit der Wiedervereinigung vor fünfunddreißig Jahren mit nur geringen Schwankungen in etwa konstant geblieben.

Geringe Wachstumsraten reflektieren Konjunkturabschwung

Das heißt, vom Arbeitsmarkt kommen kaum Impulse?

Jerger: Genau. Vom Arbeitsmarkt kam kein Wachstumsimpuls, und ohne Zuwanderung von außen wird das Arbeitsvolumen in Zukunft eher abnehmen. Zentral für die Wachstumsschwäche ist aber der in den letzten Jahren deutlich gesunkene Produktivitätsfortschritt, der unter anderem durch eine nachlassende Innovationskraft erklärbar ist.

Wie groß ist das Problem aus volkswirtschaftlicher Sicht?

Jerger: Schätzungen für das Wachstum des Produktionspotenzials in Deutschland liegen aktuell etwas unterhalb der Marke von null Komma fünf Prozent. Eine Stagnation ist damit gar nicht so weit entfernt von diesem Potenzialwachstum. Anders gesagt: Die äußerst geringen Wachstumsraten, die derzeit prognostiziert werden, reflektieren keinen klassischen Konjunkturabschwung.

Gibt es Unterschiede zwischen Industrie und anderen Branchen?

Jerger: Der Strukturwandel, konkret die zunehmende Bedeutung der Dienstleistungen relativ zur Industrie, läuft seit vielen Jahrzehnten und wird auch weiter anhalten. Das ist weder gut noch schlecht, sondern wird einerseits durch technische Entwicklungen und andererseits durch die Nachfrage getrieben.

Profitieren dürfte die Wirtschaft von der angekündigten Entlastung bei den (...) sehr hohen Energiekosten.Prof. Dr. Jürgen Jerger, Volkswirt Universität Regensburg

Welche Bereiche gewinnen dabei besonders an Bedeutung?

Jerger: Dienstleistungen in den Bereichen Gesundheit und Pflege haben an Bedeutung gewonnen und werden dies nicht zuletzt aufgrund der demographischen Entwicklung auch weiterhin tun.

Welche Rolle spielt staatliche Förderung?

Jerger: Von den Mitteln aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität gehen für diese Bereiche positive Impulse aus. Die Energiewende ist keine Veranstaltung zur Vernichtung von Wertschöpfung. Gerade hier liegt noch viel Potenzial, sowohl für Wertschöpfung als auch für letztlich billigere Energie, was zunehmend erkannt wird.

Gibt es weitere Branchen mit Wachstumsperspektiven?

Jerger: Da die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs realisierte Friedensdividende leider nicht mehr ausgeschüttet wird, befindet sich auch die Rüstungsindustrie in einem deutlichen Aufschwung. Ein weiterer Sektor mit großem Potenzial ist der Wohnungsbau. Die Nachfrage ist bekanntlich hoch, insbesondere in Städten. Seit Langem wird etwa über eine Vereinfachung der Genehmigungsverfahren oder eine Reduktion von Standards gesprochen, ohne dass bisher sehr viel passiert wäre.

Was erwarten Sie für 2026 für die deutsche Wirtschaft?

Jerger: Perspektiven für eine rasche wirtschaftliche Erholung und ein wieder deutlich anziehendes Wachstum gibt es leider nicht. Es ist weder absehbar, dass die Vereinigten Staaten von Amerika zu einer regelbasierten und verlässlichen Handelspolitik zurückkehren, noch dass die Expansionsbestrebungen der russischen Machthaber nachlassen. Die großen Probleme bleiben also bestehen.

Gibt es dennoch Hoffnung auf politische Impulse?

Jerger: Zu hoffen bleibt, dass sich die derzeitigen Koalitionsparteien in ihrem zweiten Jahr weniger gegenseitig blockieren und angekündigte Reformvorhaben tatsächlich angehen.

Was wünschen Sie sich für 2026 von der Politik?

Jerger: Von der Politik wünsche ich mir mehr Mut zur offenen Benennung von Problemen und Zielkonflikten. Nur darauf können Lösungen aufbauen, ebenso wie auf dem Verständnis, dass nicht alles, was wünschenswert erscheint, auch leistbar oder finanzierbar ist.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Jerger: In der Rentenversicherung kann man angesichts einer glücklicherweise steigenden Lebenserwartung nicht zugleich Beitragssätze, Leistungen und Altersgrenze festschreiben. Um das festzustellen, braucht es keine neue Kommission, sondern eine klare Kommunikation.

Eigeninitiative sollte an erster Stelle stehen

Gilt Ähnliches auch für andere Politikfelder?

Jerger: Ja. Das gilt auch für die gestiegenen Anforderungen an die Landesverteidigung. Mehrausgaben lassen sich nicht schultern, ohne an anderer Stelle Abstriche zu machen oder die Steuern deutlich anzuheben. Die Spielräume dafür sind in Deutschland allerdings eher eng. Auch zusätzliche Schulden können Zielkonflikte nur kurzfristig verdecken, lösen sie aber nicht.

Und was wünschen Sie sich von der Wirtschaft?

Jerger: Von der Wirtschaft, und damit sind nicht nur Unternehmen gemeint, sondern wir alle in unseren ökonomischen Aktivitäten, wünsche ich mir eine stärkere Rückbesinnung auf das Prinzip der Eigenverantwortung. Nicht der Ruf nach staatlicher Hilfe sollte an erster Stelle stehen, sondern Eigeninitiative und eigene Leistung. Denn der Staat, das sind wir alle, und jeder Anspruch an den Staat muss letztlich auch von uns allen bezahlt werden.

Das Interview führte Christian Eckl.