Weniger Lohn, mehr Bürokratie: Schmeißen Regensburgs Hebammen jetzt hin?

Von Benedikt Baumgartner · 23. Dezember 2025 um 19:00

Noch lässt sich nicht endgültig beziffern, wie viel weniger Geburtshelferinnen unter den seit November gültigen Bedingungen verdienen. Der Aufwand steigt aber bereits, die Stimmung ist angespannt. Aus den Regensburger Geburtskliniken St. Hedwig und St. Josef heißt es, die Versorgung sei gewährleistet – doch beide Häuser verzeichnen bereits Kündigungen wegen dem neuen Hebammenhilfevertrag. Entscheidend wird der Frühling.

Bis zum Bundeskanzler scheinen die Existenzsorgen der Beleghebammen nicht durchgedrungen zu sein. Als eine Geburtshelferin Friedrich Merz Mitte Dezember in der Sendung „ARD-Arena“ auf die Schlechterstellung durch den seit 1. November geltenden Hebammenhilfevertrag anspricht, antwortet er: „Das Problem kenne ich bisher nicht.“ Es folgen warme Worten für den „extrem anspruchsvollen Beruf“, Merz wolle sich „gerne einmal damit befassen“.

Dem System droht der Kollaps

Dabei protestieren Beleghebammen, also freiberuflich in Kliniken arbeitende Geburtshelferinnen, seit dem Frühjahr bundesweit gegen den neuen Hebammenhilfevertrag. Berechnungen haben im Vorfeld ergeben, dass ihr Verdienst sinken und die Abrechnung zeitaufwendiger werden.

In Bayern ist das Belegsystem besonders verbreitet – und beliebt. In den beiden Regensburger Geburtskliniken St. Hedwig und St. Josef wird jedes einzelne Kind mit Hilfe einer Beleghebamme zur Welt gebracht. Nun droht dem System der Kollaps. Seit acht Wochen ist der neue Vertrag in Kraft, erste Folgen sind spürbar.

Bürokratie rauf, Lohn runter?

Wie viel weniger Lohn es tatsächlich wird, sei noch nicht so recht absehbar, erzählt Beleghebamme Melanie Auerswald. Um die sechs Wochen Verzug seien normal, bis sie nach Einreichen der Abrechnungszettel ihr Geld bekommt. Die Abrechnungszentrale prüft die Angaben und schickt eine Rechnung an die Krankenkasse. Die erstattet die geleistete Arbeit.

Diesmal seien fast alle Abrechnungszettel wegen Formalien – der Datumsangabe mit sechs statt acht Ziffern oder eines falschen Kreuzerls – zurückgekommen, berichtet Auerswald. „Das macht es uns am schwersten, dass so viel Zeit draufgeht.“ Sie berichtet von „allgemein angespannter Stimmung“ unter den Beleghebammen.

Das ist so frustrierend. Du tust rum mit den Abrechnungen. Du trägst die Verantwortung für die Frauen. Und du weißt, am Ende gehst du mit 20 bis 30 Prozent weniger raus.Melanie Auerswald, Beleghebamme

Um den Bonus für Eins-zu-eins-Betreuung zu bekommen, muss eine Hebamme zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach der Geburt an der Seite einer Gebärenden sein. Was wenn eine andere Frau mit Blasensprung kommt? Beleghebammen müssen genau ein- und austragen, wann sie bei welcher werdenden Mutter sind.

„Das ist so frustrierend“, beklagt Auerswald das Mehr an Bürokratie. „Du tust rum mit den Abrechnungen. Du trägst die Verantwortung für die Frauen. Und du weißt, am Ende gehst du mit 20 bis 30 Prozent weniger raus.“ Das sei im Schnitt der Lohnverlust durch die umgestellte Vergütung, besagen Hochrechnungen.

So werden Beleghebammen schlechter gestellt

• Idee: Der neue Hebammenhilfevertrag vergütet die Betreuung einer Schwangeren mit 80 Prozent und Bonus. Für die zweite und dritte Frau gibt es 30, ab der vierten null Prozent der Stunden-Vergütung.

• Praxis: Beleghebammen kritisieren das als praxisfern. Geburten seien nicht planbar, auch bei Parallelbetreuung tragen sie die volle Verantwortung. Die Notfallversorgung durch Geburtshelferinnen werde geschwächt.

Je eine Kündigung in St. Hedwig und in St. Josef

Das hat Folgen: „Leider verlässt eine Hebamme aufgrund des neuen Hebammenhilfevertrag unser Haus“, vermeldet Julia Gergovich-Klein, Sprecherin der Barmherzigen Brüder für die Klinik St. Hedwig. „Dies bedauern wir sehr. Wir liegen damit jedoch erfreulicherweise weit unter dem Durchschnitt, der zum Teil in anderen Krankenhäusern zu verzeichnen ist.“

Auch im Caritas-Krankenhaus St. Josef habe eine der Beleghebammen „aufgrund des neuen Hebammenhilfevertrags“ gekündigt, teilt Sprecherin Katja Vogel auf MZ-Anfrage mit. Beide Kliniken beteuern die Unterstützung der Beleghebammen und fordern Nachbesserungen im Vertrag. In St. Josef sei aber wie in St. Hedwig nach wie vor ausreichende Versorgung ohne Einschränkungen gewährleistet.

Man hat viel mehr außen rum zu tun, dabei möchte man bei der Betreuung der Frauen sein.Tanja Lehner, Beleghebamme

„Wir halten durch für die Frauen“, sagt Tanja Lehner, seit bald 32 Jahren Beleghebamme. Das neue Vergütungssystem sei auf Dauer aber ein unhaltbarer Zustand. „Man hat viel mehr außen rum zu tun, dabei möchte man bei der Betreuung der Frauen sein.“ Ausgerechnet die angestrebte Förderung der Eins-zu-eins-Betreuung werde dadurch unterlaufen. Mittelfristig würden viele Beleghebammen ins Angestelltenverhältnis gedrängt. „Da wird es in Eins-zu-vier-, Eins-zu-fünf-Betreuung münden“, sagt Lehner. „Das spricht bloß keiner aus.“

Entscheidung fällt bei vielen im Frühjahr

Die Beleghebammen-Teams seien noch enger zusammengerückt, doch wenn sich die Situation nicht ändert, werde es schwierig. „Da geht eine Art von Geburtshilfe verloren, um die die Frauen kämpfen sollten“, sagt Lehner. Wenn das einmal weg sei, komme es auch nicht wieder. Dabei führe das Belegsystem zu einer flexiblen, individuellen Betreuung der Gebärenden dank freier Organisation der Geburtshelferinnen-Teams. Das halte Beleghebammen viele Jahre im Beruf – trotz Arbeit in den Nächten, an Wochenenden und Feiertagen. Nun wurde auch der Nachtzuschlag gekürzt.

Und an Heiligabend arbeitet die Hebamme

Im Frühjahr würden viele Beleghebammen entscheiden, wie es für sie weitergeht, sagt Auerswald. „Es überlegen schon einige. Ich gehöre auch dazu.“ Ende März will sie überschlagen, wie sich die Vergütungsumstellung bei ihr auf dem Gehaltszettel ausgewirkt hat. Sie sei Hebamme mit Leib und Seele, aber leben müsse sie schon noch können von ihrem Beruf.

Lehner hofft, dass mit Unterstützung aus Gesellschaft und Politik ein gerechterer Schiedsspruch erreicht werden kann. An Heiligabend arbeitet sie in Bereitschaft. „Schauen wir mal, wie viele Christkinder kommen.“

Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes war die Vergütung nach dem neuen Hebammenhilfevertrag mit 100 Prozent für die Betreuung einer Frau, 80 Prozent für die zweite und 30 Prozent für die dritte angegeben. Dieser Fehler wurde korrigiert.