Regensburgs Zukunft kommt aus Vietnam: Zahl ausländischer Azubis explodiert seit 2023

Phuong Hoang Anh (23) ist mitten in seiner Ausbildung zum Koch im Regensburger Brauhaus am Schloss – für die er extra aus Vietnam nach Deutschland kam. Längst sind ausländische Azubis wie er hier nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. „Wir haben viele Nationalitäten. Die einzige, die wir nicht haben, sind Deutsche“, sagt Brauhaus-Chef Quirin Erber.
Seit der 31-Jährige Quirin Erber vor fünf Jahren den Betrieb übernommen hat, habe es quasi keine Bewerbungen von jungen Deutschen gegeben. Anwärter aus dem Ausland würden hingegen bei der Bewerbung Initiative und dann bei der Ausbildung „Fleiß, Ehrgeiz und Ambitionen“ zeigen. „Sie sind heute nimmer wegzudenken, wirklich.“
Die Zahl der Auszubildenden aus Drittstaaten außerhalb der EU hat sich seit 2023 vervierfacht, zeigen Daten der Agentur für Arbeit Regensburg, zuständig für Stadt und Landkreis sowie Kelheim und Neumarkt (siehe Grafik). Über die Hälfte kommen aus Südostasien, mit Abstand das beliebteste Land ist Vietnam mit heuer 237 Azubis. Auch die Ziele sind klar: 27 Prozent gehen in die Gastro, 15 Prozent ins Nahrungsmittelhandwerk (Bäcker oder Metzger) und 36 Prozent in Gesundheit und Pflege.
Dort sind sie längst unverzichtbar: Gut ein Drittel aller Pflege-Azubis bei der Caritas in der Diözese Regensburg stammen aus Vietnam. Im Regenstaufer Heim sind es gar zehn von 13 Azubis. „Sie sind für uns unerlässlich“, sagt Ausbildungsreferentin Silvia Haseneder. Seit Jahren sei bekannt, welche Personalprobleme auf die Pflege zukämen, vor allem durch den demografischen Wandel. Aber die Politik habe lange Zeit versäumt, zu handeln. „Jeder hat es gewusst, aber keiner was getan.“
Immer mehr Azubis in der Pflege in Regensburg
Dass nun mit der Rekrutierung aus dem Ausland Lücken geschlossen werden, ist Erleichterung und Herausforderung zugleich. Unzählige Stunden ihrer Freizeit investiert Silvia Haseneder in die jungen Immigranten: Sie hilft ihnen bei der Bürokratie, nimmt sie auf Stadtführungen oder ins Sportstudio mit. Auch einen Kalender mit Veranstaltungen, Badeorten oder Infos zu Bustickets hat sie gebastelt. „Ich fühle mich da verpflichtet. Wenn man Integration machen will, muss man sich auch einsetzen“, sagt sie. „Wir können sie nicht herholen und dann allein lassen.“ Seit dem Start des Vermittlungsprogramms mit den Döpfer Schulen 2021 steige die Zahl der Azubis jedes Jahr an. „Es läuft sehr gut. Bislang sind alle da geblieben.“ Die Freundlichkeit und der Fleiß stechen heraus, sagt sie begeistert. „Der bayerische Dialekt ist für sie schwierig, aber sogar das lernen sie.“
Gleichzeitig erzählen viele Azubis, dass ihnen auch ihre vietnamesische Wurzeln wichtig sind. Das Neujahrsfest zum Beispiel feierten Caritas-Azubis gemeinsam. Koch-Azubi Le Trung Hieu nahm Pfingsten an einer Feier für katholische Vietnamesen teil, gelegentlich ist er beim Karaoke im Jugendzentrum Fantasy im Stadtnorden. Dort trifft sich die vietnamesische Community regelmäßig, organisiert von Nhu Nguyen-Thien, der seit fast 60 Jahren in Deutschland lebt. Das Gemeinschaftsgefühl in der „Fremde“ sei wichtig – er plant Pagodenbesuche und Feste wie Vu Lan, das Fest der wandernden Seelen.
Vier Auszubildende, vier Geschichten




„Es ist erstaunlich, wie viele Azubis seit einigen Jahren in Regensburg sind“, sagt er. Oft spreche er mit ihnen. Positiv wie negativ. „Es kann sehr hart sein“, sagt Nhu Nguyen-Thien. Viele arbeiten neben der Ausbildung, denn teils nähmen Familien Schulden auf, um ihr Kind nach Deutschland zu schicken.
Manchmal laufe die Vermittlung zwielichtig über vietnamesische Privatleute, ohne Verträge und mit gefälschten Sprachzertifikaten. Junge Menschen landeten dann ohne Bleibe, Unterstützung und Sprachkenntnis in Deutschland – in manchen Fällen werde gar von Menschenhandel gesprochen.
Was verdienen Vermittler?
Es gibt aber auch seriöse Wege, wie die Regensburger Agentur V-Unite, die heuer den Deutschen Fachkräftepreis der Bundesregierung erhielt. Seit der heute 33-jährige Son Pham sie vor fast vier Jahren gründete, hat sie, vor allem in Bayern, über 850 Azubis vermittelt. Einer davon: Phuong Hoang Anh im Brauhaus am Schloss.

Ausgangspunkt sind sogenannte Sprachschulen in Vietnam. Sie werben Jugendliche in regulären Schulen an und bilden sie und in Fremdsprachen aus, kümmern sich um Behördenkram und Flüge – für umgerechnet meist rund 6000 bis 8000 Euro, rechnet Son Pham vor. Dort wiederum werben dann Vermittler für Ausbildungsplätze in Deutschland.
V-Unite, bestehend aus vier Angestellten sowie freiberuflichen Lehrern, betreut die Azubis nach der Ankunft und gibt Sprachkurse. 950 bis 1500 Euro zahlen Betriebe für all das. Reich werde er nicht, sagt Pham und lacht: „Ich fahre keinen Ferrari, ich fahre einen Seat.“
Wohnungen stellen die Betriebe zur Verfügung, die Agentur prüfe, ob sie adäquat sind. „Wir haben auch schon Betriebe abgelehnt“, sagt Son Pham. Auch er kenne Fälle von Ausbeutung – er verstehe, wenn Betriebe bei extremer Personalnot auf betrügerische Vermittler reinfallen können. „Die Nachfrage ist dermaßen groß“, sagt er, doch die Azubis dürften nie unter die Räder kommen.
Am Ende sind es schließlich nicht nur Arbeitskräfte, die Lücken füllen, sondern Menschen.