Regensburgs Zukunft kommt aus Vietnam: Zahl ausländischer Azubis explodiert seit 2023

Von Daniel Pfeifer · 17. Dezember 2025 um 15:00

Phuong Hoang Anh (23) ist mitten in seiner Ausbildung zum Koch im Regensburger Brauhaus am Schloss – für die er extra aus Vietnam nach Deutschland kam. Längst sind ausländische Azubis wie er hier nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. „Wir haben viele Nationalitäten. Die einzige, die wir nicht haben, sind Deutsche“, sagt Brauhaus-Chef Quirin Erber.

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Seit der 31-Jährige Quirin Erber vor fünf Jahren den Betrieb übernommen hat, habe es quasi keine Bewerbungen von jungen Deutschen gegeben. Anwärter aus dem Ausland würden hingegen bei der Bewerbung Initiative und dann bei der Ausbildung „Fleiß, Ehrgeiz und Ambitionen“ zeigen. „Sie sind heute nimmer wegzudenken, wirklich.“

Die Zahl der Auszubildenden aus Drittstaaten außerhalb der EU hat sich seit 2023 vervierfacht, zeigen Daten der Agentur für Arbeit Regensburg, zuständig für Stadt und Landkreis sowie Kelheim und Neumarkt (siehe Grafik). Über die Hälfte kommen aus Südostasien, mit Abstand das beliebteste Land ist Vietnam mit heuer 237 Azubis. Auch die Ziele sind klar: 27 Prozent gehen in die Gastro, 15 Prozent ins Nahrungsmittelhandwerk (Bäcker oder Metzger) und 36 Prozent in Gesundheit und Pflege.

Dort sind sie längst unverzichtbar: Gut ein Drittel aller Pflege-Azubis bei der Caritas in der Diözese Regensburg stammen aus Vietnam. Im Regenstaufer Heim sind es gar zehn von 13 Azubis. „Sie sind für uns unerlässlich“, sagt Ausbildungsreferentin Silvia Haseneder. Seit Jahren sei bekannt, welche Personalprobleme auf die Pflege zukämen, vor allem durch den demografischen Wandel. Aber die Politik habe lange Zeit versäumt, zu handeln. „Jeder hat es gewusst, aber keiner was getan.“

Immer mehr Azubis in der Pflege in Regensburg

Dass nun mit der Rekrutierung aus dem Ausland Lücken geschlossen werden, ist Erleichterung und Herausforderung zugleich. Unzählige Stunden ihrer Freizeit investiert Silvia Haseneder in die jungen Immigranten: Sie hilft ihnen bei der Bürokratie, nimmt sie auf Stadtführungen oder ins Sportstudio mit. Auch einen Kalender mit Veranstaltungen, Badeorten oder Infos zu Bustickets hat sie gebastelt. „Ich fühle mich da verpflichtet. Wenn man Integration machen will, muss man sich auch einsetzen“, sagt sie. „Wir können sie nicht herholen und dann allein lassen.“ Seit dem Start des Vermittlungsprogramms mit den Döpfer Schulen 2021 steige die Zahl der Azubis jedes Jahr an. „Es läuft sehr gut. Bislang sind alle da geblieben.“ Die Freundlichkeit und der Fleiß stechen heraus, sagt sie begeistert. „Der bayerische Dialekt ist für sie schwierig, aber sogar das lernen sie.“

Gleichzeitig erzählen viele Azubis, dass ihnen auch ihre vietnamesische Wurzeln wichtig sind. Das Neujahrsfest zum Beispiel feierten Caritas-Azubis gemeinsam. Koch-Azubi Le Trung Hieu nahm Pfingsten an einer Feier für katholische Vietnamesen teil, gelegentlich ist er beim Karaoke im Jugendzentrum Fantasy im Stadtnorden. Dort trifft sich die vietnamesische Community regelmäßig, organisiert von Nhu Nguyen-Thien, der seit fast 60 Jahren in Deutschland lebt. Das Gemeinschaftsgefühl in der „Fremde“ sei wichtig – er plant Pagodenbesuche und Feste wie Vu Lan, das Fest der wandernden Seelen.

Vier Auszubildende, vier Geschichten

Nguyen Le Binh An: Die 23-Jährige aus Ho-Chi-Minh-Stadt kam nach Regensburg, nachdem ihre Mutter für sie im Internet eine Ausbildung gefunden hatte. In Vietnam kümmerte sie sich um ihren schwer kranken Bruder – nun lernt sie bei der Caritas Pflegerin. Sie merke in Deutschland so manche Vorurteile, schätze aber die Mentalität: „Deutsche sind sehr direkt. Und sehr, sehr freundlich, auch wenn das Gesicht nicht so aussieht“, sagt sie. - Foto: Daniel Pfeifer
Le Trung Hieu: Der 27-Jährige kam im Sommer 2024. Er lernt Koch im Weltenburger am Dom und in der Brezeria – am liebsten bereitet er Schweinebraten und Nockerlpfanne zu. Eigentlich liebt er das Nähen, träumte in Vietnam von einer Kleidungsfirma. Doch der Traum rückte mit Corona in weite Ferne. Er nahm sich Deutschland als Ziel, weil sein Zwilling ein Jahr zuvor nach Eisenach zog. Mit seinem Job und neuen Leben ist er glücklich. - Foto: Daniel Pfeifer
Pham Thi Lan: Die 30-Jährige arbeitete in Vietnam als Büroangestellte. „Ich fand mein Leben langweilig, habe mit meiner Mutter gesprochen und die Entscheidung getroffen, im Ausland etwas Neues zu machen“, sagt sie, auch entgegen gesellschaftlicher Normen für Frauen ihres Alters in Vietnam. „Heiraten wäre meinen Eltern lieber gewesen“, sagt sie und lacht. Phan Thi Lan macht in Regensburg eine Ausbildung zur Pflegerin. - Foto: Daniel Pfeifer
Bui Thi Thu Hang: Wie Pham Thi Lan lernte die 25-Jährige in Vietnam Buchhaltung, in einer Bank, wollte aber noch in die Welt hinaus. „Ich fand es so langweilig!“ Auch bei ihr waren die Eltern skeptisch: „In Vietnam, mit 28, sollte man heiraten“, sagt sie. Doch ihr großer Traum ist, nach Abschluss ihrer jetzigen Pflegeausbildung eines Tages Ärztin zu werden – und zwar in Deutschland. „Ich will bleiben“, sagt die junge Frau aus Hanoi. - Foto: Daniel Pfeifer

„Es ist erstaunlich, wie viele Azubis seit einigen Jahren in Regensburg sind“, sagt er. Oft spreche er mit ihnen. Positiv wie negativ. „Es kann sehr hart sein“, sagt Nhu Nguyen-Thien. Viele arbeiten neben der Ausbildung, denn teils nähmen Familien Schulden auf, um ihr Kind nach Deutschland zu schicken.

Manchmal laufe die Vermittlung zwielichtig über vietnamesische Privatleute, ohne Verträge und mit gefälschten Sprachzertifikaten. Junge Menschen landeten dann ohne Bleibe, Unterstützung und Sprachkenntnis in Deutschland – in manchen Fällen werde gar von Menschenhandel gesprochen.

Was verdienen Vermittler?

Es gibt aber auch seriöse Wege, wie die Regensburger Agentur V-Unite, die heuer den Deutschen Fachkräftepreis der Bundesregierung erhielt. Seit der heute 33-jährige Son Pham sie vor fast vier Jahren gründete, hat sie, vor allem in Bayern, über 850 Azubis vermittelt. Einer davon: Phuong Hoang Anh im Brauhaus am Schloss.

Nhu Nguyen-Thien ist eine Art Grandseigneur der vietnamesischen Community in Regensburg und Umgebung. - Foto: Daniel Pfeifer

Ausgangspunkt sind sogenannte Sprachschulen in Vietnam. Sie werben Jugendliche in regulären Schulen an und bilden sie und in Fremdsprachen aus, kümmern sich um Behördenkram und Flüge – für umgerechnet meist rund 6000 bis 8000 Euro, rechnet Son Pham vor. Dort wiederum werben dann Vermittler für Ausbildungsplätze in Deutschland.

V-Unite, bestehend aus vier Angestellten sowie freiberuflichen Lehrern, betreut die Azubis nach der Ankunft und gibt Sprachkurse. 950 bis 1500 Euro zahlen Betriebe für all das. Reich werde er nicht, sagt Pham und lacht: „Ich fahre keinen Ferrari, ich fahre einen Seat.“

Wohnungen stellen die Betriebe zur Verfügung, die Agentur prüfe, ob sie adäquat sind. „Wir haben auch schon Betriebe abgelehnt“, sagt Son Pham. Auch er kenne Fälle von Ausbeutung – er verstehe, wenn Betriebe bei extremer Personalnot auf betrügerische Vermittler reinfallen können. „Die Nachfrage ist dermaßen groß“, sagt er, doch die Azubis dürften nie unter die Räder kommen.

Am Ende sind es schließlich nicht nur Arbeitskräfte, die Lücken füllen, sondern Menschen.