Kirgisen füllen als Azubis in der Oberpfalz die Lücken – Arbeitgeber haben großes Interesse

Von Franziska Mahler · 27. März 2025 um 17:00

Viele Ausbildungsstellen, zu wenig Bewerber: Dieser bitteren Realität blicken Betriebe Jahr für Jahr ins Auge. Deshalb sollen nun Kirgisen rekrutiert werden, um die Lücken in der Oberpfalz zu füllen. Im Landkreis Cham hat man bereits positive Erfahrungen gesammelt.

Erst Ende vergangenes Jahr hat die Seidl Confiserie einen neuen Laden in Regensburg eröffnet. Jetzt sucht das Süßwaren-Unternehmen mit Sitz in Laaber (Lkr. Regensburg) Verstärkung: sechs Auszubildende für die Bereiche Produktion, Logistik und Laden/Service. Diese Stellen allein mit deutschen Bewerbern zu füllen, halten Chef Hans Seidl und Jakob Hilber aber für „nahezu unmöglich“.

Betrachtet man die Ausbildungszahlen, sind diese Zweifel berechtigt: Im vergangenen Jahr gab es für jede zweite Ausbildungsstelle keinen Bewerber. „Das ist für viele Betriebe, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, dramatisch“, sagt Uwe Frömel, Teamleiter Arbeitgeber-Service bei der Bundesagentur für Arbeit Regensburg.

In den nächsten Jahren fallen viele Beschäftige weg

Dazu kommt: Aktuell ist jeder zehnte Beschäftigte im Agenturbezirk – zu dem neben Regensburg auch Neumarkt und Kelheim gehören – über 60 Jahre alt. In den nächsten Monaten und Jahren fallen rund 30.000 Beschäftigte weg. „Diese Stellen nachzubesetzen und gleichzeitig noch zu wachsen als Agenturbezirk, ist eine riesige Herausforderung.“ Auch in der mittleren Oberpfalz – wo die Arbeitsagentur Schwandorf für die Landkreise Amberg-Sulzbach, Cham, Schwandorf sowie die Stadt Amberg zuständig ist – sieht die demografische Lage nicht besser aus. Das bedeutet: Die Region braucht Fachkräfte aus dem Ausland. Aktuell hat bereits jeder fünfte Beschäftigte in Bayern keine deutsche Staatsbürgerschaft, so Frömel.

Die Voraussetzungen in Kirgisistan und Deutschland ergänzen sich optimal: Während es hierzulande zu wenig junge Menschen gibt, beträgt das Durchschnittsalter in der 6000 Kilometer entfernten Republik 24 Jahre. Und: Es gibt kaum berufliche Perspektiven.

„Faire Migration“ ist oberste Priorität

Grundsätzlich gelte: Die Bundesagentur für Arbeit dürfe nur rekrutieren, wenn es sich um „faire Migration“ handelt. Das bedeutet: Es kostet den ausländischen Bewerber nichts. „Es darf dem Land, mit dem wir eine Vermittlungsabsprache haben, kein Schaden entstehen.“ In Frage kommen also nur Länder, die wie Kirgisistan einen Überschuss an Bewerbern haben. Deshalb sieht Frömel auch private Vermittlungsagenturen kritisch.

Im Landkreis Cham hat das Rekrutierungsprojekt bereits 2023 gestartet. 21 Kirgisen zwischen 18 und 26 Jahren haben ihre Ausbildung begonnen. 2024 wurden für den gesamten Agenturbezirk Schwandorf bereits knapp 50 Kirgisen rekrutiert, abgebrochen haben die Ausbildung lediglich zwei. In diesem Jahr weitet sich das Projekt nun auch auf den Agenturbezirk Regensburg und Deggendorf aus – perspektivisch, wenn der Bedarf da ist, sogar auf die gesamte Oberpfalz, sagt Eva Plößner, Pressesprecherin der Bundesagentur für Arbeit in Schwandorf.

100 Kirgisen sollen heuer rekrutiert werden

Ziel ist, für den Ausbildungsstart im September 2025 bis zu 100 Kirgisen für die Region zu gewinnen, sagt Frömel. Regensburg möchte vorerst 12 Arbeitgeber von dem Projekt überzeugen und 24 Azubis unterbringen – am besten mindestens zwei in einem Betrieb. „Wir sind schon gut dabei“, sagt Frömel. Für Arbeitgeber fällt eine Vermittlungsgebühr von 2200 bis 3000 Euro an. Darin enthalten sind unter anderem Sprachkurs, Prüfungsgebühren, Kosten für das Visum sowie die Flugkosten, die alleine schon bei circa 700 Euro liegen. Auch die Unterkunft muss vom Betrieb organisiert werden und zu einem angemessenen Preis – circa 200 bis 300 Euro im Monat – zur Verfügung gestellt werden. Frömel hat in Gesprächen mit Arbeitgebern gemerkt, dass das ein großes Hemmnis ist – gerade im Regensburger Stadtgebiet. Generell sei das Interesse der Arbeitgeber aber groß – und manche stehen bereits auf der Liste für die Rekrutierungen im nächsten Jahr.

Aktuell arbeiten die Kirgisen im Landkreis Cham vor allem in den Bereichen Hotellerie und Gastronomie, Gesundheitswesen, Industrie und im Handwerk. Grundsätzlich sei das Projekt aber branchenoffen, so Frömel.

Kirgisen kommen mit guten Sprachkenntnissen nach Deutschland

Stefan Paa ist Leiter des BRK- Wohn- und Pflegeheims in Waldmünchen (Lkr. Cham). Vier Kirgisen arbeiten aktuell bei ihm – zwei davon sind noch in Ausbildung zum Pflegefachhelfer. Auch in diesem Jahr würde er gerne wieder Kirgisen aufnehmen. Ausschlaggebend für seine Teilnahme war die Garantie, dass sie bereits mit sehr guten Deutschkenntnissen – auf B1- oder B2-Niveau – ins Land kommen. „Inzwischen können sie sogar schon bayerisch“, sagt er.

Seine Azubis seien sehr empathisch, zuverlässig und motiviert. Was er aber besonders hervorhebt, ist die gute Zusammenarbeit der Ämter, Behörden und Kammern. Sei es der Kontakt nach Kirgisistan oder die Ausstellung wichtiger Dokumente wie Visa und Arbeitserlaubnis: All das laufe reibungslos. Außerdem stelle die VHS den Kirgisen im Landkreis Cham einen Kümmerer zur Seite, der sie bei Behördengängen unterstützt, ihnen aber auch den Landkreis zeigt.

Kümmererstruktur wird aufgebaut

Auch Regensburg ist gerade dabei, mit der Wirtschaftsförderung Stadt und Landkreis Regensburg sowie Neumarkt ein solches Kümmerer-Netzwerk aufzubauen. Dieses sei neben einer Willkommenskultur im Betrieb, essenziell für die langfristige Integration der Kirgisen. Denn: Nach der Ausbildung müssen sie nicht zwangsläufig zurück. „Sie sind gekommen, um zu bleiben“, sagt Frömel. „Wir wollen hier eine Community aufbauen.“

Positive Erfahrungen haben auch zwei weitere Firmen gemacht. Die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, ein Kooperationspartner des Ausbildungsprojekts, war kürzlich bei ihnen zu Besuch. Beim Automatisierungsspezialisten F.EE in Neunburg vorm Wald (Lkr. Schwandorf) machen derzeit drei und bei der Bäckerei Kraus in Roding (Lkr. Cham) zwei Kirgisen eine Ausbildung – und alle schlagen sich sehr gut. Konditormeister Ulrich Kraus will deshalb heuer erneut jemanden über das Projekt einstellen.

Weitere Infos zur Demografie in Kirgisistan und zu Arbeitsmigration

Lage: Kirgisistan ist seit 1991 unabhängig und liegt in Zentralasien. Im Norden grenzt die Republik an Kasachstan, im Osten an China. Die Amtssprachen sind Kirgisisch und Russisch.

Einwohner: Kirgisistan hat rund sieben Millionen Einwohner. Über die Hälfte ist unter 25 Jahre alt.

Arbeitsmigration: Circa eine Million Kirgisen arbeiten im Ausland – überwiegend in Russland. Politisch hat Kirgisistan ein großes Interesse daran, die legale Migration nach Westeuropa voranzutreiben.

EU: Auch aus EU-Ländern kommen Menschen zum Arbeiten nach Deutschland. Doch es sei schwieriger geworden, Fachkräfte zu akquirieren, sagt Uwe Frömel, Teamleiter Arbeitgeber-Service bei der Bundesagentur für Arbeit Regensburg. Denn in den meisten Ländern habe sich die wirtschaftliche Situation verbessert.

Ankunft im Landkreis Cham: Im vergangenen Jahr begannen knapp 50 Kirgisen ihre Ausbildung im Agenturbezirk Schwandorf. Foto: Pressestelle Landratsamt Cham