Ohne Ausländer geht es nicht: Migranten sichern Beschäftigungswachstum im Kreis Neumarkt

Von Franziska Mahler · 26. Mai 2024 um 15:00

Zu wenig Fachkräfte, immer weniger Nachwuchs – ohne Mitarbeiter aus dem Ausland wären viele Firmen im Landkreis Neumarkt aufgeschmissen. Doch gerade für kleine Betriebe ist dieser Weg sehr beschwerlich.

„Ohne die Zuwanderung in den Arbeitsmarkt wäre ein Beschäftigungswachstum in Deutschland nicht möglich“, sagt der Pressesprecher der Arbeitsagentur, Robert Brüderlein. Auch im Landkreis Neumarkt zeige sich das deutlich: Die Zahl der ausländischen Beschäftigten ist von 2010 auf 2023 um 446Prozent gestiegen.

Welche Rolle Menschen aus anderen Nationen spielen, zeigt sich ganz eklatant im Jahr 2022: Damals gab es zwar einen Beschäftigungszuwachs von 386 Personen – zu verdanken ist dieser aber allein ausländischen Fachkräften. Ihre Zahl stieg um 498, während die Zahl der deutschen Beschäftigten sogar um 112gesunken ist.

Einstieg ins Berufsleben ist für Ausländer kompliziert

Zuwanderung ist eine wichtige Ressource, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Das sagen auch Silke Auer, Geschäftsstellenleiterin der IHK in Neumarkt, und Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz. Dennoch ist der Berufseinstieg für Ausländer oft kompliziert.

Woran es hakt, zeigt sich am Beispiel der syrischen Geflüchteten Ahmad Aljafal (35) und Khalil Almaamar(38). Beide sind im Dezember 2015 nach Deutschland gekommen. Und sie wollten so schnell wie möglich arbeiten. Doch es vergingen fast zwei Jahre, bis es möglich wurde.

Qualifikation wird nicht anerkannt, langes Warte auf Arbeitserlaubnis

Ein Grund: Ihre Berufsqualifikation wird in Deutschland nicht anerkannt. Aljafal unterrichtete in Syrien Physik und Chemie. Für die Anerkennung seines Studiums bräuchte er ein Zertifikat, sagt er. „ Die Universität in meiner Stadt ist aber komplett zerstört.“ Almaamar arbeitete unter anderem als Verkäufer – auch an diese Erfahrung darf er nicht nahtlos anknüpfen. „Manchmal muss man aufgeben“, sagt er.

Das nächste Hindernis: Bis die beiden ihren Aufenthaltstitel und eine Arbeitserlaubnis erhielten, verging mehr als ein Jahr. Almaamar begann nach mehreren Praktika Ende 2018 eine Ausbildung bei Aldi, die er 2021 mit sehr guten Ergebnissen abschloss. Aljafal hatte im September 2017 über das Berufliche Fortbildungszentrum Neumarkt bfz den ersten Kontakt zum Telekommunikationsunternehmen schmidt|kom. „Ahmad hat einen extrem freundlichen, zuvorkommenden und gewillten Eindruck hinterlassen. Das ist das, was ich immer sehen will“, sagt Geschäftsführer Armin Schmidt.

Sprachbarriere war eine Herausforderung

Der Betrieb beschäftigt rund 20 Mitarbeiter. Aljafal war der erste Migrant. Obwohl der 35-Jährige vor seiner Ausbildung einen Deutschkurs absolviert hatte, sei die Sprachbarriere anfangs herausfordernd gewesen, sagt Schmidt. Das habe bei Terminen manchmal für Probleme gesorgt. Die Kunden seien jedoch größtenteils verständnisvoll gewesen.

Wer Menschen aus anderen Ländern einstellen will, muss sie zu Beginn oft intensiv begleiten. Für kleine Firmen eine Mammutaufgabe. Die Firmengruppe Max Bögl in Sengenthal hingegen beschäftigt nicht weniger als fünf „Kümmerer“, deren Aufgabe es ist, Mitarbeiter mit Migrationshintergrund zu unterstützen.

Sie bekommen Hilfe bei Behördengängen, Kontoeröffnungen und der Wohnungssuche. Auch Englisch sprechen ist laut dem Pressesprecher Jürgen Kotzbauer anfangs erlaubt. Dennoch sei das Lernen der deutschen Sprache „elementar“. Circa 16 Prozent der Bögl-Belegschaft hätten keine deutsche Staatsangehörigkeit.

Ausländische Mitarbeiter sind im Gesundheitswesen sehr wichtig

Auch das Gesundheitswesen ist auf Mitarbeiter aus dem Ausland angewiesen. „Die ausländischen Beschäftigten füllen die Lücken, wo deutsche Kollegen fehlen“, sagt Pressesprecher Oliver Schwindl. Im Klinikum Neumarkt und seinen Tochterunternehmen hätten mehr als 300 der rund 2300 Beschäftigten einen Migrationshintergrund. Auch das Klinikum helfe bei der Wohnungssuche und biete Sprachkurse an. Mitarbeiter im Pflege- und Funktionsbereich bekämen neben einer Integrationsbeauftragten außerdem „Buddys“ zur Seite gestellt. Sie helfen nicht nur bei bürokratischen Angelegenheiten, sondern unternehmen auch etwas gemeinsam – zum Beispiel eine Stadtführung.

Das sind Unterstützungsangebote, die sich kleine und mittelständische Betriebe kaum leisten können. Zwar sagt auch Kreishandwerksmeister Michael Berchtold: „Ohne Ausländer geht es im Handwerk nicht mehr.“ Aber kleine Betriebe täten sich schon schwer, einen Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen, der beim Übersetzen und Einarbeiten hilft. Und dann kann es passieren, dass alle Mühen umsonst sind, denn die Bleibeperspektiven seien oft unsicher.

Androhung einer Abschiebung sei „allgegenwärtig“

Genau damit hat die Firma Fischer Licht und Metall aus Mühlhausen schlechte Erfahrungen gemacht. „Die Androhung einer Abschiebung ist allgegenwärtig. Als Arbeitgeber muss man ständig abwägen, wie viel Arbeit man in einen Mitarbeiter investiert und wie man mit ihm plant“, teilt die Firma auf Nachfrage mit.

Von den 220 Mitarbeitern hätten rund 34 eine ausländische Staatsangehörigkeit, zwei davon seien Asylbewerber. Die Entscheidungswege in der Ausländerbehörde seien oft sehr lang und kompliziert – vor allem mit Asylbewerbern, die arbeiten wollten. Es gebe leider keine klaren Auskünfte. Das kritisiert nahezu jeder Arbeitgeber, mit dem unser Medienhaus gesprochen hat.

Unterschiedliche Mentalitäten als zusätzliche Herausforderung

Eine weitere Herausforderung sind unterschiedliche Mentalitäten. Das Klinikum Neumarkt kann keine Angaben dazu machen, ob es deshalb schon Probleme gab. Fischer Licht und Metall habe sich schon von Mitarbeitern getrennt, die falsche Vorstellungen von der deutschen Arbeitswelt oder Anpassungsschwierigkeiten hatten – zum Beispiel im Umgang mit Frauen oder Führungskräften.

Dem gegenüber stünden aber sehr positive Erfahrungen: Da wäre ein syrischer Geflüchteter, der die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt und nach der Ausbildung den Industriemeister absolviert hat. Oder die bulgarischen Mitarbeiter, die arbeitswillig und motiviert seien.

Dass es eine Integration gelingen kann, zeigen auch Aljafal und Almaamar. Letzterer ist mittlerweile deutscher Staatsbürger, Aljafal wartet noch auf seine Einbürgerung. Beide haben sich für ihre Betriebe unverzichtbar gemacht. Armin Schmidt lobt seinen Angestellten in den höchsten Tönen, denn Aljafal sei mittlerweile ein „Allrounder“ in der Firma und die Leute kämen auf ihn zu, wenn sie etwas wissen wollen.

Weitere Infos zum Arbeitsmarkt

Erlaubnis: EU-Bürger, Staatsangehörige des Europäischen Wirtschaftsraumes oder der Schweiz dürfen in Deutschland uneingeschränkt arbeiten.

Branchen: Der Großteil der Migranten arbeitet im verarbeitenden Gewerbe. Darauf folgt Baugewerbe, Handel, Gesundheits- und Sozialwesen, Gastgewerbe, Verkehr und Lagerei sowie Zeitarbeit.

Positionen: Zwei Drittel der Migranten im Landkreis sind als Fachkräfte angestellt, ein Drittel arbeitet im Helferbereich.