Dorfleben der 50er-Jahre: BR-Autorin spürt im Landkreis Cham verlorenen Bildern nach

Als der Bayerische Rundfunk 1955 zum ersten Mal nach Sackenried bei Bad Kötzting (Landkreis Cham) kam, war keine der dort gefertigten Aufnahmen als Zeitdokument gedacht. Eine Dorfstraße ohne Teer, ein Hund vor dem Holzwagen, Menschen auf dem Weg zur Kirche Vierzehn Nothelfer – Alltag, festgehalten auf Film. 70 Jahre später sind es genau diese beiläufigen Bilder, die eine besondere Kraft entfalten.
Gefunden hat sie Sandra Wiest eher zufällig. Bei Recherchen zu einem restaurierten Bauernhaus stieß die BR-Autorin im Archiv auf altes Filmmaterial aus den Anfangsjahren des Rundfunks. Vor allem von der frühen Sendereihe „Abendläuten“ sind dort noch zahlreiche Aufnahmen erhalten – darunter auch Filmreste aus Sackenried. Der eigentliche Beitrag von damals gilt als verschollen. Übrig geblieben sind Fragmente: herausgeschnittene Szenen, stumm, unkommentiert.
Zeitreise zurück in die 50er Jahre
„Mich hat gereizt, dass es sich um wahnsinnig seltene Aufnahmen handelt“, sagt Wiest. Bilder aus kleinen Dörfern, in die man sonst kaum kommt, aus einer Zeit, in der das Leben abseits der Städte noch deutlich traditioneller geprägt war. Holzholen mit Hundegespann, Fahrten mit Kuhgespannen, einfache Häuser, enge soziale Strukturen. „Man sieht, wie anders das Leben dort Anfang der 1950er-Jahre war.“
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Gerade die Stille des Materials stellt für die Autorin keine Einschränkung dar, sondern einen Vorteil. „Wir kommentieren diese Bilder nicht von heute aus“, erklärt sie. Stattdessen konfrontiert das Team die Menschen vor Ort mit den Aufnahmen – und lässt ihre Erinnerungen sprechen. So werden die stummen Bilder belebt, ohne überformt zu werden.
Man sieht, wie anders das Leben dort Anfang der 1950er-Jahre war.Sandra Wiest, Autorin beim Bayerischen Rundfunk
Dass dieser Ansatz trägt, zeigte sich bereits früh bei den Dreharbeiten. Gleich einer der ersten Gesprächspartner konnte sich noch an den BR-Besuch in den 1950er-Jahren erinnern. Seine Eltern seien damals eigens nach Bad Kötzting gefahren, um den Beitrag bei einer Familie mit Fernsehgerät anzusehen. Andere erkannten Angehörige auf den Aufnahmen: einen Vater als Vorbeter in der Kirche, eine Großmutter während der Messe. Erstaunlich für das Team war, wie vollständig sich die Spuren wiederfinden ließen – über die Menschen selbst oder über ihre Nachfahren.





Offene Begegnungen mit den Bewohnern vor Ort
Zugleich offenbart der Blick auf Sackenried eine bemerkenswerte Kontinuität. Zwar sind die meisten Häuser von damals verschwunden, doch die Dorfstruktur ist erhalten geblieben. Und noch immer leben dort vielfach dieselben Familien wie in den 1950er-Jahren. Es sind vor allem die heute rund 70-Jährigen, die noch Auskunft geben können über eine Zeit, die gefühlt fern, historisch betrachtet aber nah ist.
Die Begegnungen vor Ort beschreibt Wiest als offen und unmittelbar. Das BR-Team hat die Menschen beim Besuch in Sackenried spontan angesprochen, ohne lange Ankündigung. „Man hat gemerkt: Dieses Dorf ist ein Stück weit das persönliche Familienalbum der Menschen.“ Besonders eindrücklich seien Situationen gewesen, in denen den Bewohnern Bilder von Verwandten gezeigt wurden, die sie selbst nie zuvor gesehen hatten – Aufnahmen aus einer Zeit, in der Kinder kaum fotografiert oder gefilmt wurden.
Man hat gemerkt: Dieses Dorf ist ein Stück weit das persönliche Familienalbum der Menschen.Sandra Wiest, Autorin beim Bayerischen Rundfunk
Der Beitrag über Sackenried ist Teil einer neuen Spurensuche innerhalb des Formats „Abendläuten“. Die ursprüngliche Reihe lief von 1955 bis 1961 in der „Münchner Abendschau“. Kamerateams reisten durch Bayern, fingen das Läuten der Glocken ebenso ein wie alltägliche Szenen aus den Dörfern.
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Heute kehrt der BR mit dem damaligen Material an einige dieser Orte zurück – und fragt, was aus den Menschen und den Dörfern geworden ist. Wiest geht es dabei um mehr als Nostalgie. „Ich wünsche mir, dass der Beitrag dafür sensibilisiert, woher man kommt“, sagt sie. Der große gesellschaftliche Wandel habe vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren eingesetzt. Davor sei das Leben oft hart gewesen – und dennoch geprägt von Genügsamkeit und Zufriedenheit. Den Zuschauern soll das durch den Fernsehbeitrag bewusst werden und folgendes verdeutlichen: „Das ist noch gar nicht so lange her.“