328 blutrote Schuhpaare stehen für 328 getötete Frauen: Aktion in Cham beleuchtet Femizide

Von Ferdinand Schönberger · 25. November 2025 um 17:00

Der gefährlichste Ort für eine Frau ist nicht der dunkle Park, sondern ihr eigenes Zuhause. Häusliche und sexualisierte Gewalt ist ein Thema, das jede dritte Frau im Lauf ihres Lebens betrifft. Eben waren darüber zwei aktuelle deutsche Studien für 2024 über Gewalt gegen Frauen veröffentlicht worden: Laut jener von zwei Instituten für Kriminologie kamen die Täter aus allen Milieus.

In den Lageberichten des Bundeskriminalamts sowie des Familien- und Innenministeriums zu häuslicher Gewalt steht, dass im letzten Jahr 859 Frauen und Mädchen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten wurden und davon 328 starben.

Aktionen in vielen Städten

Seit 1981 setzen Menschenrechtsorganisationen am 25. November, dem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“, ein Zeichen gegen Diskriminierung, Gewalt und Unterdrückung von Frauen und Mädchen. Zurück geht er auf die drei Schwestern Mirabal, die sich in der Dominikanischen Republik gegen die Trujillo-Diktatur auflehnten und nach monatelanger Folter am 25. November 1960 brutal ermordet wurden. In vielen Städten und Gemeinden werden seither Aktionen durchgeführt.

Eine davon ist das Projekt „Zapatos Rojos“ – „Rote Schuhe“. Es geht auf die mexikanische Künstlerin Elina Chauvet zurück, die 2009 in der Stadt Ciudad Juárez, die durch die hohe Zahl ermordeter Frauen Bekanntheit erlangte, hunderte roter Schuhpaare auf einem öffentlichen Platz installierte. In diesem Jahr beteiligte sich auch das Netzwerk „gegen häusliche und geschlechterspezifische Gewalt“ im Landkreis daran.

Ein Paar roter Schuhe und ein Blumengesteck zum Gedenken für den Femizid im letzten Jahr an einer 19-Jährigen aus dem Landkreis Cham. - Foto: Ferdinand Schönberger
Eröffnung der Kundgebung mit der Begrüßung durch Mitorganisatorin Tanja Schmidbauer, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt (Mitte) - Foto: Ferdinand Schönberger
Swetlana Nett (links) von der Fachberatungsstelle für von Gewalt betroffene Frauen erläutert die Aktion, die Info-Tafeln und ihre soziale Einrichtung. Rechts: Petra Hierl Jugendsozialarbeiterin in Schulen - Foto: Ferdinand Schönberger
Hermann Gammer, Außenstellenleiter "WEISSER RING", informierte über häusliche Gewalt im Landkreis und appellierte zu Wachsamkeit und Beratung. - Foto: Ferdinand Schönberger
Im Netzwerk verbunden: der Arbeitskreis mit Gleichstellungsbeauftragter Tanja Schmidbauer (2.v.rechts), Petra Hierl (Jugendsozialarbeit an Schulen), Hermann Gammer (Weißer Ring) und Swetlana Nett von der Fachberatungsstelle (4. bis 6. v. links) sowie weiteren Mitgliedern - Foto: Ferdinand Schönberger

Mit 328 Paaren blutrot gefärbter Schuhe wurde am Dienstag von 10 bis 15 Uhr auf dem Chamer Marktplatz auf dieses gesellschaftliche Problem hingewiesen. Jedes Paar stand für einen Femizid in Deutschland 2024 und war von den Lackierereien Herrnberger und Gietl sowie vom Malereibetrieb Buschek lackiert worden. Laminierte Infotafeln, zur Verfügung gestellt von der Gruppe „Femizide stoppen!“, die ehrenamtlich in den Medien erwähnte Infos sammelt, zeigten exemplarisch die Geschichten der Ermordung von 101 Frauen. Darunter ist auch der Fall einer 19-Jährigen aus dem Landkreis Cham.

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Für die Interessierten – Schüler verschiedener Schularten, auch Kindergartenkinder und eine große Anzahl aufmerksam gewordener Passanten – rückten so die einzelnen Femizide ins Blickfeld. An Infoständen der Gleichstellungsstelle des Landratsamtes und der Caritas, des VdK-Kreisverbands und des Weißen Rings konnte man sich mit Material rund ums Thema versorgen.

328 Paar blutrote Schuhe

Zur Kundgebung um 11.30 Uhr begrüßte Mitorganisatorin Tanja Schmidbauer, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt, alle Anwesenden und die Mitglieder des Arbeitskreises, die schon seit 8 Uhr im Regen die Schuhe aufgestellt hatten.

Swetlana Nett von der Fachberatungsstelle betonte: „Hinter jedem dieser Schuhpaare steckt das Schicksal einer Frau, die im letzten Jahr getötet wurde, weil sie eine Frau ist – und eine Tochter.“ Die Geschichten auf den Tafeln würden sich oft stark ähneln. Viele der Täter seien über 60, der jüngste sei 15, der älteste 88 Jahre alt.

Femizide, so Hermann Gammer, Leiter der Weißer Ring- Außenstelle, seien davon nur die (Delikt-)Spitze: Zurück blieben trauernde Angehörige, Mütter, Väter, Kinder, Geschwister und Freunde. Gammer bat: „Halten Sie in Ihrem Umfeld Ihre Augen offen und trauen Sie sich, bei Verdacht die Frauen anzusprechen! Holen Sie sich als direkt Betroffene Hilfe bei den Beratungsstellen!“

Für die Gestaltung des „Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ 2026 gebe es, so Schmidbauer, schon Pläne. Die „roten Schuhe“ von heuer würden im Sinne der Nachhaltigkeit an eine andere Stadt für die Aktion weitergegeben.

Gut zu wissen

■ Femizid: So bezeichnet man die Tötung von Frauen oder Mädchen als extreme Form geschlechtsbezogener Gewalt, verübt im Kontext patriarchaler, von Vätern und Männern geprägten, kontrollierten und repräsentierten Geschlechterdifferenzen. (Quelle: Wikipedia)