Wenig Platz auf dem Seelen-Sessel: Chamer Psychotherapeut über lange Wartelisten

Zwei graue Sessel stehen sich im Sprechzimmer von Psychotherapeut Andreas Merkle gegenüber. Freie Platzwahl. Will man die Tür im Blick haben oder aus dem Fenster in den Innenhof des Altbaues schauen? Es ist den Patienten überlassen.
Solch eine freie Platzwahl gibt es leider nur im Sprechzimmer, nicht aber, wenn es um die Therapieplätze bei Merkle geht. Denn zwischen einem halben und einem dreiviertel Jahr wartet man derzeit auf einen festen Therapieplatz – bei anderen Therapeuten sieht das ähnlich aus.
Merkle erklärt: Der Grund dafür liegt zum einen an der Dauer der Sitzungen. Diese betragen pro Patient 50 Minuten. Auch der Zeitraum der Behandlung ist bei einer Psychotherapie lang. Diese kann sich über mehrere Monate hinweg ziehen.
Im Landkreis Cham sind rund 20 Psychotherapeuten im Einsatz, so Merkle. Davon füllen manche jedoch nur halbe Therapiestellen. Außerdem müssen Therapeuten mindestens 200 Minuten pro Woche telefonisch erreichbar sein, erklärt er. Das findet der Therapeut auch wichtig: „Der telefonische Erstkontakt ist wichtig, damit die Patienten schauen können, wie komme ich zurecht mit dem Therapeuten?“
„Wir sind die, die auffangen, was nicht so gut läuft in der Gesellschaft.“ – Andreas Merkle
Wer sich anhand dieser Zahlen die maximale Kapazität der Psychotherapeuten im Landkreis ausrechnet, merkt schnell, warum Wartelisten gebraucht werden. Die sind bei akuten Fällen allerdings nicht notwendig. „Manche Fälle sind dringlicher“, sagt Merkle. Dafür gebe es dann eine Akutbehandlung. Dabei gehe es um die Stabilisierung der psychisch kranken Menschen. Das könne in Form einer stationären Behandlung gegeben sein. Für Patienten mit Suizidimpulsen ist zum Beispiel die medbo in Regensburg zuständig.
Ersttermine schnell zu haben
Auf einen Ersttermin bei Merkle muss man nicht ganz so lange warten, wie auf einen festen Therapieplatz. Dort gebe es nur eine kleine Warteliste erklärt der Therapeut. Krankheitsbedingte Ausfälle von Sitzungen fülle er meist mit solchen Terminen. Der Tipp des Therapeuten für Leute, die einen Therapieplatz suchen: sich auf so viele Wartelisten wie möglich setzen lassen.
Ein Krankheitsbild, das immer mehr auftritt, sind laut Merkle arbeitsbedingte Depressionen und Angststörungen sowie Burnout. Den gibt es übrigens auch in der Freizeit. Manche Menschen haben dort ein Übermaß an Input, erklärt Merkle. „Wir sind die, die auffangen, was nicht so gut läuft in der Gesellschaft“, sagt der Therapeut.
Der gesellschaftliche Blick hat sich verändert: Die soziale Akzeptanz für Psychotherapie ist in den letzten Jahren gestiegen, so Merkle. Früher hätte man sich für eine Therapie sehr geschämt. „Es ist eher in Ordnung und wird im ländlichen Raum mehr angenommen“, berichtet er.
Auch medbo ausgelastet
Wer in Cham mit der psychischen Gesundheit kämpft, findet auch bei der medbo Hilfe. Das Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie bietet ambulante Angebote aber auch eine Tagesklinik und einen stationären Bereich an. Hier stößt man ebenfalls bei der kapazität an seine Grenzen. „Das medbo Zentrum ist durchgehend voll ausgelastet“, teilt die Pressestelle auf Nachfrage mit. Zu den häufigsten Diagnosen zählen Depression, Angststörung und Panikstörungen. „Die Nachfrage nach psychiatrischer Versorgung ist hoch – unsere Kapazitäten sind durchgehend ausgelastet. Das zeigt, wie essenziell unser Angebot für den Landkreis Cham ist“, sagt Dr. Alexander Hasmann, Leitender Psychologe der psychiatrischen Institutsambulanzen in Cham. „Seelische Krisen lassen sich nicht planen. Deshalb bieten wir in unserer Institutsambulanz eine Notfallsprechstunde an – ohne Anmeldung und ohne Überweisung. Wer Hilfe braucht, bekommt sie“, so Dr. Hasmann weiter.
Die medbo bietet auch spezielle Hilfe für Kinder und Jugendliche an. „Die Nachfrage nach kinder- und jugendpsychiatrischer Behandlung ist weiterhin hoch und steigt auch nach der Corona-Pandemie kontinuierlich weiter an, wodurch unsere Kapazitäten gefordert werden“, sagt Dr. Christian Rexroth, unter anderem Chefarzt für die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Cham. Auch die Gewinnung von Fachärzten sei besonders herausfordernd geworden. Maßnahmen um Nachwuchs und Fachkräfte zu gewinnen seien deshalb umso wichtiger.
Hilfe bei psychischer Krankheit:
Selbsthilfegruppen: Die Caritas Cham bietet verschiedene Selbsthilfegruppen an, unter anderem für Menschen mit Alkoholproblemen oder Suchtproblemen.
Sozialpsychiatrische Dienst: Der Sozialpsychiatrische Dienst des BRK Cham bietet verschiedene Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen, zum Beispiel Beratungsgespräche, Vermittlung von individuellen Hilfen, eine Angehörigengruppe und Sprechstunden in Bad Kötzting, Furth im Wald, Roding, Rötz und Waldmünchen.
Terminvermittlung: Beim Erstkontakt mit Psychotherapeuten kann der Patientenservice unter der Telefonnummer 116 117 weiterhelfen. Das Angebot gibt es auch online unter www.arztsuche.116117.de
Apps: Verschiedene Apps für die mentale Gesundheit können dabei helfen, die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken.