„Das ist eine Katastrophe“: Reaktionen zum gescheiterten Verkauf von Kelheim Fibres

Von Beate Weigert · 25. November 2025 um 17:00

Vier Wochen vor Weihnachten sind die 450 Mitarbeiter des Kelheimer Faserwerks geschockt von der aktuellen Entwicklung. Politik, Gewerkschaft und IHK reagieren betroffen. Die Geschäftsführung schweigt.

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In Wellen breitete sich die Nachricht vom gescheiterten Verkauf der Kelheim Fibres (KF) am Montag aus. 150 Mitarbeiter hörten direkt in der Betriebsversammlung, was Sache ist. Viele weitere erst nach Schichtwechsel. Bis in die Nacht war Betriebsratsvorsitzender Josef Rummel am Handy, so viele Nachrichten und Anrufe gingen ein. Die Hauptfrage, die die 450 Mitarbeiter umtreibt: „Bedeutet das das Ende oder gibt es noch Hoffnung?“

Auch am Dienstag ging ständig die Tür zum Betriebsratsbüro. „Die Leute sind geschockt und verunsichert“, so Rummel. So reagieren Geschäftsleitung, Politik, Gewerkschaft und IHK: Landrat Martin Neumeyer hatte zuletzt schon „Tendenzen gehört“. Er zeigt sich am Dienstag betroffen. Die Nachricht sei „eine Katastrophe“, sagte er. Für die Kreisstadt, aber auch den Landkreis. „Kelheim Fibres gehört zu Kelheim. Ganze Familien und Generationen haben dort gelernt und gearbeitet. Kelheim ohne die Fibres, das geht eigentlich nicht.“

Wirtschaftsminister Aiwanger ist informiert

Viele Gespräche mit Vertretern der bayerischen Politik habe es in der Vergangenheit zu Fibres gegeben. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger wisse Bescheid, so Neumeyer auf unsere Frage, ob nun Krisengespräche anliefen oder ein „Rettungsanker“ von Staat oder Politik in Sicht sei.

Für den Landrat ist der Fall symptomatisch für den Industrie-Standort Deutschland. Die hohen Energiepreise seien nur ein Beispiel, wie schwer es hiesige Unternehmen im Vergleich zur Konkurrenz in China, Indien oder Österreich hätten. So könne man trotz großartiger Produkte, nicht wettbewerbsfähig sein. Zudem hätte er sich vom früheren Miteigner Lenzing aus Österreich gewünscht, „dass er früher anders eingestiegen wäre“.

Blick auf das Kelheimer Industriegelände an der Regensburger Straße. Seit fast 90 Jahren gibt es in Kelheim das Faserwerk. - Foto: Beate Weigert

Im Stadtrat sprach Bürgermeister Christian Schweiger am Montag von einem „denkwürdigen Tag“ für Kelheim. In Gedanken sei man bei der Belegschaft. Am Dienstag sagte er: „Der Standort ist für Kelheim von großer Bedeutung. Wir stehen in engem Austausch mit Geschäftsführung, Betriebsrat und Verantwortlichen auf Landesebene.“

Ziel sei es, „Perspektiven zu schaffen – ob für eine Fortführung, Zwischenlösung oder die geordnete Weiterentwicklung des Areals.“ Die Stadt werde „unterstützen, vernetzen und jede realistische Chance prüfen“. Essentiell sei für Kelheim Fibres aber auch, dass die Kunden mitspielten.

Ein Hauptkunde habe dies aber wohl nicht getan. Bei Preisen und Abnahmegarantien für ein Jahr im Voraus, so klingt es bei Andreas Blaser, dem Bezirksleiter der Gewerkschaft IG BCE durch. Die KF kämpfe seit mehr als einem Jahr. Als nun die Info vom geplatzten Verkauf kam, sei er dennoch „geplättet“ gewesen, so Blaser.

Für den Betriebsratschef stehen nun erst einmal viele Gespräche an. „Wie es weitergeht, kann ich noch nicht sagen.“ Aktuell seien alle Kunden angeschrieben worden, ob sie noch Bestellungen für die Viskose-Spezialfasern aufgeben und KF-Produkte auf Lager legen wollen. Diese kommen in Hygieneartikeln wie Tampons, aber auch Teebeuteln zum Einsatz.

Kurz bevor vor gut zwei Wochen KF die Nachricht vom Verkauf an einen Finanzinvestor öffentlich machte, sei der Belegschaft mitgeteilt worden, dass alle strategischen Investoren abgesprungen seien. Nur ein Finanzinvestor wolle das Unternehmen kaufen. Vorausgesetzt, dass Kunden die Abnahmemengen für ein Jahr zusicherten. Glücke dies nicht, sei die Frage, ob man sofort schließe oder eine „Ausproduktion“ anlaufe. Letztere sei nun das Ziel.

Betriebsrat: Das sind die nächsten Schritte

Beim Rückblick auf die seit Januar angelaufene Restrukturierung in dem insolventen Unternehmen, sagt Rummel: „Wir waren überzeugt, dass das funktioniert.“ Nun geht der Betriebsratschef davon aus, dass es bis Mitte Dezember dauern werde, bis man wisse, wie hoch das Aufkommen an Aufträgen sei und ob die „Ausproduktion“ drei oder sechs Monate dauern werde oder auch länger. Oder ob sich doch noch ein rettender Anker auftue.

Das Unternehmen hatte in seiner Geschichte schon viele Namen. Hoechst AG, Accordis, Kelheim Fibres... Viele Mitarbeiter fragen sich nun, ob noch Hoffnung besteht oder ob es „das war“. - Foto: Beate Weigert

Dafür müssten aber auch die Mitarbeiter bleiben. Doch dafür bräuchte die Belegschaft Sicherheit. Der Betriebsrat will ihnen etwa eine Transfergesellschaft anbieten. „Damit sie möglichst lange Zeit haben, eine neue Arbeit zu finden.“ Dass eine große Kündigungswelle einsetzt, glaubt Rummel nicht. Die Betroffenen müssten dann ihr Weihnachtsgeld zurückzahlen und hätten auf den Jahresbonus im Frühjahr keine Chance. Zudem seien in einer Transfergesellschaft die Konditionen besser, als wenn man Arbeitslosengeld beziehe.

Landtagsabgeordnete Petra Högl erfuhr erst am Dienstag von der akuten Lage. Sie zeigte sich betroffen und wollte am Rande der Plenarsitzung Staatskanzlei-Chef und Wirtschaftsminister darauf ansprechen.

Auch bei der IHK blickt man gebannt nach Kelheim. Die aktuelle Entwicklung sei hart für den Standort, so Manuel Lorenz, Geschäftsführer des IHK-Gremiums im Landkreis Kelheim. Trotz Schieflage sei in den vergangenen Jahren „mit beachtlichen Investitionen und spürbarer politischer Unterstützung“ an der Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet worden. Entscheidend waren zuletzt jedoch externe Faktoren wie massiv gestiegene Energiepreise, mit denen Industriebetriebe bundesweit kämpfen, so Lorenz.

Auszubildende müssten sich keine Sorgen machen. Notfalls würden die Ausbildungen bei anderen Arbeitgebern abgeschlossen werden können. Falls nötig stehe die IHK unterstützend zur Seite.

Die Geschäftsführung von Kelheim Fibres äußerte sich am Dienstag auf unsere Nachfrage nicht.

„Beispiel für Niedergang der (Chemie-)Industrie in Deutschland“

• Betriebsratsvorsitzender Josef Rummel ist seit 42 Jahren „dabei“ im Kelheimer Faserwerk. Seit 32 Jahren ist er im Betriebsrat. Als er anfing, hieß das Unternehmen noch Hoechst AG und beschäftigte 1600 Menschen. Sukzessive wurden Stellen abgebaut.

• Um 2008 ging es mit Carbonfasern wieder aufwärts. Die Mitarbeiterzahl ging wieder hoch auf über 700. Dann folgte 2021 das Aus von Dralon, 2023 musste Dolan abgewickelt werden. Auch hier spielten die hohen Energiepreise in Deutschland eine entscheidende Rolle beim Aus. Die Mitarbeiter hatten teils bei Kelheim Fibres neue Jobs gefunden.

• „Ich habe hier am Standort den Niedergang der (Chemie-)Industrie in Deutschland miterlebt. Was hier passiert, passiert nicht nur bei uns“, sagt Josef Rummel.