Geld ist „extrem wichtig“: Sea-Eye-Chef Gorden Isler über umstrittene Spende aus Regensburg

Im Interview spricht Sea-Eye-Chef Gorden Isler über den Streit um die geplante Regensburger Förderung, Angriffe von rechts, den wachsenden Druck aus Italien – und darüber, warum private Seenotretter noch immer Lücken füllen müssen, die Staaten offenlassen. Außerdem erklärt er, weshalb er die „Festung Europa“ für bittere Realität hält und ob seine Organisation eines Tages überflüssig sein könnte.
Die Stadt Regensburg möchte Ihnen 30 000 Euro spenden. Darum gibt es Debatten. Wie wichtig ist das Geld für Sie?
Gorden Isler: Extrem wichtig. So eine Förderung entscheidet allerdings nicht, ob es Sea-Eye gibt oder nicht, aber sie entscheidet darüber, wie wirksam wir helfen können.
Ist es wirklich Aufgabe der Stadt, eine Seenotrettungsorganisation zu unterstützen?
Isler: Es ist Aufgabe der Kommune, zu entscheiden, was Aufgabe der Kommune ist. Die Zuständigkeit in Frage zu stellen, ist immer ein erster Reflex von Kritikern. Es ist eine politische Frage und keine rechtliche Frage. Man muss politisch diskutieren, ob man das will. Die Debatte ging ja so weit, dass Sea-Eye in Abrede gestellt wurde, eine Organisation aus Regensburg zu sein. Das ist ein Schlag ins Gesicht aller Engagierten.
Sea-Eye wurde vom Regensburger Michael Buschheuer gegründet. Er hat sich allerdings vor geraumer Zeit aus der Organisation zurückgezogen. Wann haben Sie zuletzt gesprochen?
Isler: Michael wird immer unser Gründer bleiben. Daran erinnern wir uns immer, gerade die, die schon länger dabei sind. Wir haben uns das letzte Mal 2020 in Erfurt gesehen, als wir dort entschieden die Sea-Eye 4 zu kaufen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Sea-Eye Vorstand, hatte Michael bereits neue konkrete Ideen und gründete Space-Eye. Was Michael macht, macht er mit 105 Prozent. Space-Eye hilft schnell dort, wo Hilfe gebraucht wird. Ich glaube, Michael weiß, dass Sea-Eye in vielen guten Händen ist. Inzwischen sind wir eine internationale Organisation, die noch immer noch fest mit Regensburg verwurzelt ist.
Warum wurde Sea-Eye gegründet?
Isler: Keine der Seenotrettungsorganisationen ist 2015 mit dem Anliegen gegründet worden, eine professionelle Seenotrettungsorganisation aufzubauen. Bei allen ging es um eine Lücke, die die europäischen Staaten damals gelassen haben. Die Marine-Operation „Mare Nostrum“ wurde nicht verlängert, die hatte Zehntausende Menschen gerettet. Diese Lücke haben private Akteure geschlossen. Die Hoffnung war, dass so lange zu machen, bis die Staaten wieder die Verantwortung übernehmen – das ist bis heute nicht passiert.
Sie haben die Kritik erwähnt. Ihnen wird mitunter vorgeworfen, Sie seien eine Schlepperorganisation. Können Sie das überhaupt noch hören?
Isler: Ehrlich gesagt nicht. Wenn das so wäre, wäre keiner von uns auf freiem Fuß. Dieser Vorwurf ist haltlos, er soll uns diffamieren. Daran beteiligen sich nicht nur Politiker aus dem rechtsextremen Spektrum – das geht bis ins bürgerlich-konservative Milieu. Uns sind keine Ermittlungsverfahren gegen Sea-Eye bekannt.
Seit drei Jahren regiert die Postfaschistin Giorgia Meloni Italien. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?
Isler: Wir waren nicht unvorbereitet. Ich erinnere an die Zeit, als Matteo Salvini (ein rechtspopulistischer Politiker, d. Red.) Innenminister war. Das hat uns sehr zu schaffen gemacht. Geschlossene Häfen, kriminalisierte Kapitäne, festgesetzte Schiffe: Das kannten wir alles schon. Wir gingen davon aus, dass alles auf einmal kommt – und es kam so. Die Regierung hat sofort die Häfen geschlossen. Das Schiff einer französischen NGO ist dann einfach nach Frankreich gefahren, das führte zu lautstarkem Protest aus Paris Richtung Rom.
Wie hat Italien reagiert?
Isler: Wir waren in einem Einsatz und haben Menschen gerettet. Wir bekamen einen Anruf aus Rom, sie haben uns einen Hafen zugewiesen, der allerdings nicht auf Sizilien lag. Das war der Startschuss für die Politik der weit entfernten Häfen. Das ist nur eine Schwierigkeit, mit der wir zu kämpfen haben. Dazu kommt etwa die sogenannte libysche Küstenwache, die uns in internationalen Gewässern bedroht, in denen sie keine Weisungsbefugnisse hat. Wir hören nicht auf bewaffnete Milizen. Wir führen viele Verfahren gegen den italienischen Staat – und gewinnen diese reihenweise. Es muss denen doch peinlich sein, wenn ich auf unserem Konto schon wieder sehe, wie ein italienisches Ministerium Geld überwiesen hat, weil sie vor Gericht gegen uns unterliegen.
„Die Festung Europa“ war ein Schlagwort der Neuen Rechten. In Anbetracht der derzeitigen Lage: Steht diese Festung nicht schon lange?
Isler: Die „Festung Europa“ ist kein Begriff der Neuen Rechten – es ist ein NS-Kampfbegriff. Der Begriff ist auch schon in der bürgerlichen Mitte gefallen. Abgesehen davon ist es Realität, dass Europa ungeheure Summen in den Grenzschutz investiert – wobei das das falsche Wort ist. Es ist Migrationsschutz. Die Grenzen werden gefährlicher gemacht. Das Einzige, was die Politik interessiert, ist, die Zahlen zu senken. Menschliche Schicksale werden zu Statistiken. Wir müssen darüber reden, warum Menschen fliehen, und wir müssen darüber reden, warum die Kommunen überlastet sind.
Ist Migration überhaupt kontrollierbar?
Isler: Ich glaube, man sollte sich nicht einbilden, dass jemand der flieht, erst mal schaut, was da im politischen Tagesgeschäft in Berlin passiert. Die Menschen müssen in hochkomplexen Situationen Entscheidungen treffen. Die Debatte in Deutschland blendet die Selbstwirksamkeit der Menschen völlig aus.
Gibt es eine Welt, in der Ihre Organisation obsolet wird?
Isler: Da gibt es zwei Wege. Erstens, wir werden wegkriminalisiert. Zweitens, dass die EU-Mitgliedstaaten in die Verantwortung zurückkehren und Menschenleben retten mit einer staatlichen Seenotrettung. Ich halte beides aktuell für unrealistisch. Auch wenn im Moment weniger Menschen in Italien ankommen, werden wir weiter jeden Tag dringend gebraucht. Jeden Tag sterben Menschen an unseren Außengrenzen. Ich befürchte, dass die Fluchtgründe zunehmen werden. Was ist denn das für eine Zukunft? Auf der einen Seite ziehen wir Stacheldrähte hoch, auf der anderen Seite beginnt das große Sterben? Wir müssen doch für jeden Menschen dankbar sein, der sicher ankommt, und das als Chance begreifen. Das ist das Traurige: Wir geben uns Narrativen hin, die spalten. Die AfD bekämpft man nicht dadurch, dass man ihre Narrative übernimmt, sondern dadurch, dass man solidarisch miteinander ist. Wir müssen uns Herausforderungen gemeinsam stellen und dafür Lösungen suchen. Denn eine solidarische Gesellschaft ist immun gegen die Angstpolitik der AfD.