Ein leises Pfüat Gott: Die Hirtreiters müssen ihren Rosswurststand in Cham aufgeben

Von Tanja Fenzl · 31. Oktober 2025 um 08:00

Am 29. Juni hat sich das Leben der Hirtreiters von einer Minute auf die andere drastisch verändert. Seit Juli steht ihr Rosswurststand in Cham-Janahof verlassen da. Sie müssen ihn aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.

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Eine Routine-Untersuchung bei der Hausärztin resultiert in einer dringenden Überweisung zur Darmspiegelung ein paar Tage später. „Eine Viertelstunde nach der Untersuchung habe ich es dann gewusst“, sagt der 73-Jährige. Der Rosswurstverkäufer aus Viechtach hat Krebs. „Wir konnten uns nicht einmal mehr von unseren treuen Stammkunden verabschieden“, bedauern Hilde und Albert Hirtreiter. Denn umgehend muss sich Albert Behandlungen unterziehen, schon Mitte August kommt noch Bestrahlung dazu.

Am Anfang die Hoffnung

„Wir dachten am Anfang, dass wir vielleicht in ein paar Monaten wieder weitermachen können, Mitte Oktober greifen wir wieder an, dachten wir“, schildert Hilde Hirtreiter die Hoffnungen der ersten Wochen. Doch im September spricht ein Arzt Klartext: Vor Mitte nächsten Jahres wird das nichts werden, Hirtreiter wird noch etliche Behandlungs-Runden benötigen, an Arbeit ist da nicht zu denken.

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Alleine kann Hilde das Geschäft nicht weiterführen. „Allein schon das Aufladen, die Säcke sind schwer“, sagt Albert Hirtreiter. „Und dann weißt du, dass es deinem Mann zu Hause nicht gut geht und hast den Kopf auch nicht dafür“, ergänzt seine Frau.

Rosswurstsemmel für einen Euro: Seit 1999 war Albert Hirtreiter der Rosswurstmann in Cham. - Foto: Martin Tischner

Schweren Herzens sucht das Paar nach einem Nachfolger. „Unsere Tochter und unsere Enkel hätten den Stand schon übernommen, aber unsere Tochter ist krank, und die Enkel haben beide kleine Kinder. Das ist nichts für eine Familie“, wissen die beiden aus Erfahrung.

Manche alten Kunden bestellen eine Bane-Wurst

Trotzdem: „Es gab und gibt nichts Schöneres“, sagen die beiden, als sie am Küchentisch in ihren Haus in Schönau sitzen und auf die Zeit in Cham zurückblicken. „Wir hatten die besten Kunden“, betonen sie: Von den wenigen Alten, die noch eine Bane-Wurst bestellten statt eine Rosswurst, über die Stammkunden, die ihre festen Zeiten hatten, zu denen sie an ihren Rosswurststand kamen, bis hin zu den jungen Eltern, die selbst schon als Kinder bei den Hirtreiters Kunde waren und inzwischen selbst mit ihrem Nachwuchs am Rosswurststand vorbeischauten. „In der Früh hast du dich schon gefreut, weil du gewusst hast, der und der kommt heute wieder vorbei. Und wenn ein Kunde einmal nicht an seinem bestimmten Tag gekommen ist, hast du dir Sorgen gemacht.“ Hilde Hirtreiter kämpft mit den Tränen. „Erst vor einer Weile ist ein Stammkunde zu mir hergekommen und hat gesagt: Gell, jetzt sind wir zusammen alt geworden“ , erzählt Hilde Hirtreiter. Ein anderer hat Albert Hirtreiter vor Kurzem in Schönau besucht. „Wo gibt es denn sowas? Dass die Kunden sich solche Sorgen machen? Er war nicht der Einzige, viele haben auch angerufen und gefragt, was los ist.“ Hilde und ihr Mann Albert sind sichtlich ergriffen, während sie in ihren Erinnerungen schwelgen.

„Jahrzehnte sind wir nicht in Urlaub gefahren“, erzählt Hilde Hirtreiter. Sie hätte das Gefühl gehabt, ihre Kunden im Stich zu lassen. „Ein Mädel hat immer nur eine Rosswurst gegessen, wenn ich selber da war“, erinnert sich Hilde.

Der Standort vor dem Kaufhaus Frey war für Albert Hirtreiter 16 Jahre lang der Arbeitsplatz, ehe er zu seiner Frau nach Cham-Janahof wechselte. - Foto: Martin Tischner

Der Stand ist „nicht nur ein Geschäft“

„Die Leute haben einfach gewusst, dass wir sie mögen, und wir wussten, dass sie uns mögen. Das war nicht nur ein Geschäft, wir haben nicht aufgemacht und gedacht, wie viele Würste wir wohl verkaufen werden“, sagt sie, Tränen in den Augen. „Dass wir so ohne Abschied gehen mussten, keiner weiß, was mit uns ist, das ist schlimm. Wir möchten so gern Danke sagen für die schöne Zeit und Vergelt’s Gott für die jahrzehntelange Treue.“

„Es ist immer noch schwierig, daran zu denken“, sagt Hilde Hirtreiter. Doch die beiden wollen sich jetzt darauf konzentrieren, dass Albert Hirtreiter wieder gesund wird. Mitte November beginnt eine weiter Runde Chemo, Ende Dezember wird entschieden, ob eine Operation erfolgen muss.

Fast 60 Arbeitsjahre ohnen einen Tag lang Stempeln

Albert Hirtreiter versucht den Abschied aus Cham pragmatisch zu verarbeiten: „Jede Ära geht einmal zu Ende.“ Obwohl – zwei, drei Jahre hätte er gern noch weitergemacht. „Zum 70. haben wir uns gesagt, wir sind gesund, hängen wir noch ein Jahr dran, und so ist es seitdem immer weitergegangen“, grinst der Rosswurstverkäufer. Kommendes Jahr im September hätte er 60 Arbeitsjahre beisammen gehabt; ohne einen Tag zu stempeln. „Bis dahin hätte ich schon noch gerne weitergemacht“, fügt er wehmütig hinzu.

Am 6. November öffnet auf dem alten Standplatz der Hirtreiter ihr Nachfolger Horst Nelson seinen Rosswurststand. Und zumindest etwas bleibt gleich: Nelson bezieht die Rosswürste vom selben Metzger wie die Hirtreiters. Und wenn alles gut geht, kommen die Hirtreiters vielleicht irgendwann im kommenden Jahr zurück nach Cham. Nicht als Rosswurstverkäufer, sondern als Kunden.

Jahrzehnte in Cham: Aufstehen um 3.45 Uhr morgens

Der Arbeitstag: Jahrzehnte sind die Hirtreiters um dreiviertel vier Uhr früh aufgestanden, um sich um halb sechs auf den Weg ins 36 Kilometer entfernte Cham zu machen. Würste und Semmeln abholen, den Stand einräumen, von 9 bis 15 Uhr Verkauf, aufräumen, nach Hause fahren. „Dann hast du abends zuhause noch eine Stunde im Büro und eine Stunde Freizeit, bevor du wieder ins Bett gehst“, schildert Hirtreiter seinen Arbeitsalltag.

Der Start in Cham: 1999 hatte der gelernte Schlosser, der damals beim Kunststoffhersteller Linhardt in Regen arbeitete, den Rosswurststand am Chamer Marktplatz von seinem Freund Oskar Konetschny übernommen. Ein Jahr später erwähnt Konetschny einen guten Standplatz in Janahof: „Das wäre doch was für dich, Hilde.“ Nach kurzem Überlegen ergreifen die Hirtreiters die Gelegenheit. „Obwohl das am Anfang mit dem neuen Standort nicht so einfach. Da haben wir Strichlisten geführt, und wenn wir zehn kalte Würste verkauft haben, waren wir happy.“ Doch der Standort bewährt sich, und so beschicken die Hirtreiters bis 2015 zwei Rosswurststände in Cham – bis eine Krankheit Hilde zum Kürzertreten zwingt, und der Standplatz in der Innenstadt sich wegen der Verkehrsberuhigung immer weniger lohnt.

Der Platz vorm Frey am Stadtplatz: wie ein Uhrwerk

Die Zeit am Marktplatz: „Am Anfang musste man am Stadtplatz nicht einmal auf die Uhr schauen, weil man wusste auch so, wie spät es ist“, erinnert sich Albert Hirtreiter. Kurz vor neun stehen die Leute vorm Kaufhaus Frey schon Schlange, ehe sich die Türen pünktlich um neun Uhr jeden Tag öffnen. Um zwölf Uhr kommen die Angestellten und Arbeiter in der Mittagspause, um sich eine Rosswurst zu kaufen, und um 13 Uhr wird die Kundschaft jünger: Schulkinder, die vor dem Frey auf ihren Bus warten. 2015 wechselt Albert zu seiner Frau Hilde und die beiden machen in Janahof fortan gemeinsame Sache. Daneben beliefern sie jahrelang auch Vereine und Firmen und fahren mit ihrem Stand auf Märkte in der Region. Das kann man nur machen, wenn der Beruf zum Lebensinhalt wird. tf