Trotz Pleite noch was für die Ärmsten übrig: Café-Chef verteilt Gebäck am Regensburger Bahnhof

Es war ein neues Konzept: Das 24/7-Café Pronta in der Kumpfmühler Straße in Regensburg eröffnete erst im Mai – und wird nun bald seine Pforten schließen. Besitzer Alexander Münch hat Insolvenz angemeldet. Vor dem endgültigen Ende verteilt er, wie jeden Vormittag, noch einmal Pizza, Croissants und Brezen am Bahnhof.
Der Regen schlägt Münch ins Gesicht. Mit seinem Lastenrad weicht er den Pfützen aus. Auf dem Bahnhofsvorplatz macht er kurz Halt und zeigt auf eine Sitzgruppe. „Hier würden sie normalerweise sitzen, aber das machen sie bei Regen natürlich nicht.“ Er steigt noch einmal aufs Rad und fährt ein paar Meter weiter. Die Albertstraße. Streetworker Ben Peter ist auch schon da. Business as usual an einem Brennpunkt.
Münchs Café funktioniert im Grunde so: Es hat rund um die Uhr geöffnet, neben Kaffee gibt es beispielsweise Getränke – und natürlich auch Gebäck. „Bevor wir das wegschmeißen, verschenken wir es lieber“, sagt Münch.
Manchmal kommt die Polizei: Gratis-Croissants am Regensburger Hauptbahnhof
Am Bahnhof sorgt das für strahlende Gesichter im prasselnden Regen. Kaum hat Münch seine Gepäcktasche geöffnet, stehen eine Handvoll Menschen um ihn herum. Ein junger Mann nimmt sich eine Pizza aus der Schachtel. Er möchte lieber nicht fotografiert werden und murmelt etwas von „Mama“ und „Familie“. Während Münch einem Herrn ein Croissant reicht, sagt er, dass er natürlich erst einmal blöd angeschaut worden sei, als er die ersten Male an den Bahnhof kam. „Aber natürlich war jeder hier froh drum.“
Mit einer Schachtel Croissants in der Hand geht Münch über die Straße. Dort sitzen vier Herren auf einer Bank, eine Flasche Wodka steht griffbereit. Zwei Männer sind im Gespräch vertieft, Münch hält ihnen seine Schachtel unter die Nase. Erst winken sie ab, einer sagt: „Wir müssen gerade was regeln.“ Der andere Herr hat ein blaues Auge – und greift dann doch zu. „Warte mal kurz“, sagt er zu seinem Sitznachbarn und fixiert Münch: „Danke.“ Man erlebe schon einiges, sagt Münch. „Teilweise auch Schlägereien, dann wird wieder die Polizei gerufen. Aber das gehört vielleicht dazu, wenn Alkohol im Spiel ist.“
„Man kann einen Euro nicht zweimal ausgeben“: Regensburger Unternehmer spricht über Insolvenz
Die Schachteln sind leer, oft wird Münch nicht mehr zum Bahnhof kommen. In wenigen Wochen schließt er sein Café. Woran hat es gelegen? Der gebürtige Niederbayer zögert kurz. „Es ist schwer zu sagen. Manche haben vielleicht das Konzept nicht begriffen, manche haben sich vielleicht unwohl gefühlt, weil keiner da ist.“ Im Laden läuft zwar eine Videokamera, Personal ist aber tatsächlich meist nicht da. Natürlich sei geklaut worden, sagt Münch. „Manche haben schon gscheid hingelangt.“ Eine Kundschaft, sagt Münch und formt mit seinen Händen Anführungszeichen, sei jede Nacht wiedergekommen und habe sich mit Waren eingedeckt, ohne zu bezahlen. Er musste sich auf die Lauer legen, um den Dieb zu schnappen.

95 Prozent der Leute seien aber ehrlich gewesen – in der Summe seien aber zu wenige Kunden gekommen. 240 Einkäufer am Tag, darauf hatte Münch gehofft. Letztlich kamen allerdings nur 80. „Am Wochenende waren wir stark. Aber das hätte halt durchgehend laufen müssen.“ Irgendwann, sagt Münch, komme man an den Punkt, an dem man die Miete nicht mehr zahlen könne. „Dann muss man halt die Reißleine ziehen. Das gehört zum Risiko dazu. Wer gewinnen will, kann auch verlieren.“ Münch sagt aber auch, dass die wirtschaftliche Gesamtlage ihm zu schaffen machte. „Gerade Studenten schauen auf das Geld.“ Das Café befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnheims. „Einmal hat mir eine junge Frau geschrieben, weil ihr 1,75 Euro am Pfandautomaten nicht gutgeschrieben wurden.“ Sein Laden habe letztlich auch mit dem Bier in der Kneipe konkurriert. „Man kann einen Euro nicht zweimal ausgeben.“
Erst Café, dann Kloster: Regensburger 24/7-Café-Betreiber wagt den Neuanfang
Münch steht am Bussteig in der Albertstraße. Der Regen prasselt. Vor wenigen Tagen hat er offiziell insolvenz angemeldet, Ende November wird er sein Café schließen müssen. Zöge er ein Gesicht, man wäre geneigt, es ihm zuzugestehen. Aber der Niederbayer lacht. Ob er etwas bereut? „Was heißt bereuen?“ Münch schweigt kurz. „Es ist halt schade.“ Was er jetzt vorhat? „Vielleicht arbeite ich in einem Kloster. Mal schauen. Hauptsache etwas Sinnstiftendes.“