Scheidender Aumovio-Personalchef: „Falscher Zeitpunkt für Verbrenner-Aus“

Michael Staab geht in den Ruhestand – er hat die Transformation der Autobranche nicht nur am eigenen Leib gespürt. Von Siemens VDO über Conti bis zum heutigen Aumovio-Standort: Staab war bei Abspaltungen und Umbenennungen dabei. Auch im Stadtrat, wo er einst als SPD-Mitglied saß. Er tritt wieder an - aber nicht mehr für die Regensburger SPD.
Sie haben bis zu Ihrem Ruhestand jetzt bei Conti, heute Aumovio, in einem großen Industriekonzern in Regensburg gearbeitet. Wie sehen Sie die kommenden Jahre?
Staab: Die Automobilindustrie ist ein zentraler Wirtschaftsfaktor – gerade hier in Regensburg. Aber die Herausforderung geht weit darüber hinaus: Es geht um die gesamte industrielle Transformation. Entscheidend wird sein, wie es gelingt, neue Sparten zu entwickeln und gleichzeitig die Wirtschaftskraft in der Region zu halten. Das betrifft nicht nur große Betriebe, sondern auch viele mittelständische Firmen.
Wenn man Zeitungen liest, kann man den Eindruck bekommen, dass Deutschland die industrielle Transformation kaum schafft. Richtig?
Staab: Es wird ein harter Weg werden, keine Frage. Aber wir sind auf dem Weg. Wichtig ist, dass die Politik und die Wirtschaft – egal ob in Deutschland oder auf europäischer Ebene – das Thema gemeinsam angehen.
Schadet das Hin und Her um das Verbrenner-Aus?
Staab: Grundsätzlich sind unsere Produkte bei Aumovio unabhängig von der Antriebstechnologie. Ich glaube aber insgesamt, dass die Hersteller mehr Flexibilität beim Ausstieg brauchen. Der Zeitpunkt 2035 ist aus meiner persönlichen Sicht sehr ambitioniert. Man darf nicht vergessen: Die Automobilindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftszweig. Gerade in Regionen wie Regensburg sichert sie viele Arbeitsplätze.
Sie würden für einen schrittweisen Ausstieg plädieren?
Staab: Ja, unbedingt. Man könnte den Prozess länderbezogen unterschiedlich gestalten. Aktuell sind wir aus meiner persönlichen Sicht noch nicht soweit, dass Elektromobilität den Verbrennungsmotor flächendeckend ersetzen könnte. Aufgrund ihrer Infrastruktur werden verschiedene Länder den Verbrenner zur Mobilität auch über 2035 hinaus nutzen. Wenn dort verbrauchsarme Fahrzeuge aus Deutschland eingesetzt werden, bringt dies den Klimaschutz und die wirtschaftliche Stärke der EU zusammen. Das sichert hier Wertschöpfung – und hilft gleichzeitig, weltweit Emissionen zu senken.
Aktuell sind wir aus meiner persönlichen Sicht noch nicht soweit, dass Elektromobilität den Verbrennungsmotor flächendeckend ersetzen könnte.Michael Staab, scheidender Aumovio-Personalchef
Also weiter deutsche Verbrenner-Autos für internationale Märkte produzieren?
Staab: Wir haben in Deutschland enormes technisches Wissen – und das sollten wir weiter stärken. Es geht nicht nur um Innovation, sondern auch um stabile Arbeitsplätze. Wenn wir unsere Technologie in andere Märkte bringen können, sichern wir gleichzeitig Beschäftigung hier im Land und entwickeln sie weiter.
Wie stabil sind die Arbeitsplätze in Regensburg?
Staab: Regensburg hat einen sehr guten Mix. Neben der Automobilindustrie mit ihren großen Herstellern und zahlreichen Zulieferern gibt es unter anderem Unternehmen aus der Lichttechnik, der Chip-Industrie, der Medizintechnik, der Dienstleistung sowie unterschiedlichste Start-ups. Das macht die Region widerstandsfähig. Dazu kommt: Auch der öffentliche Dienst steht vor einem Generationenwechsel. In den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen rund dreißig Prozent der Beschäftigten deutschlandweit in den Ruhestand. Selbst wenn durch Digitalisierung etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Stellen nicht besetzt werden, bleibt der Bedarf hoch. Aktuell sind allein in Deutschland über 65 000 Positionen im öffentlichen Dienst unbesetzt.
Trotzdem gibt es viele Arbeitslose. Wie passt das zusammen?
Staab: Das ist ein Widerspruch, der sich auch in den politischen Debatten widerspiegelt. Ich hoffe, dass parteiübergreifend Lösungen gefunden werden, um mehr Arbeitssuchende wieder in Arbeit zu bringen. Wer abends in Regensburg unterwegs ist, merkt schnell, dass überall Personal im Dienstleistungssektor gesucht wird. Jobs gibt es – die Herausforderung ist, die Menschen dafür zu gewinnen.
Wenn der Unterschied zwischen einem Arbeitseinkommen und Sozialleistungen zu gering ist, entsteht schnell der Eindruck von Ungerechtigkeit.Michael Staab zur Frage, warum viele Arbeitnehmer das Gefühl haben, Arbeit lohnt sich weniger
Viele Beschäftigte haben das Gefühl, dass sich Arbeiten heute weniger lohnt. Teilen Sie diesen Eindruck?
Staab: Dieses Gefühl spiegelt sich auch in den politischen Strömungen wider, die wir derzeit sehen. Wenn der Unterschied zwischen einem Arbeitseinkommen und Sozialleistungen zu gering ist, entsteht schnell der Eindruck von Ungerechtigkeit. Deshalb hoffe ich persönlich, dass die Politik Wege findet, diese gefühlte Gerechtigkeitslücke zu schließen – etwa durch gezielte Förderung, aber auch durch klare Anreize zur Arbeit.
Sie engagieren sich auch politisch. Früher waren Sie Mitglied der SPD, jetzt treten Sie bei den Freien Wählern ein. Warum?
Staab: Ich bin vor einiger Zeit aus der SPD ausgetreten, weil ich mich übergeordneten Entscheidungen nicht mehr richtig zugehörig gefühlt habe. Jetzt engagiere ich mich kommunalpolitisch bei den Freien Wählern. Dort kann ich eigenverantwortlich handeln, weil der Fokus stark auf der regionalen Ebene liegt. Ich werde auch erneut für den Regensburger Stadtrat kandidieren.
Wenn Sie einem jungen Menschen heute einen Rat für den Berufseinstieg geben müssten – Studium oder Handwerk?
Staab: Ich halte die Frage für zweitrangig. Entscheidend ist, dass man sich weiterqualifiziert. Der deutsche Qualifizierungsrahmen etwa setzt viele Berufsabschlüsse einem Bachelor gleich – das wissen die wenigsten. Wer heute einen Handwerker sucht, merkt schnell, wie gefragt diese Berufe sind. Handwerk hat Zukunft, und die Löhne liegen inzwischen auf einem ordentlichen Niveau. Deshalb: Eine Ausbildung ist ein guter Start, und danach kann man sich persönlich weiterentwickeln – zum Beispiel mit Meister-BAföG, Weiterbildung oder Studium seinen eigenen Weg finden.
Sie haben über Jahrzehnte als Personalchef gearbeitet. Was hat sich in dieser Zeit bei den Erwartungen der jungen Generation verändert?
Staab: Junge Menschen wissen heute viel genauer, was sie wollen. Sie haben klare Vorstellungen – sowohl von ihrem Beruf als auch von ihrer Freizeit. Themen wie Work-Life-Balance, die es schon vor dreißig Jahren gab, sind für sie selbstverständlich. Viele wollen beides: Erfolg im Beruf und Zeit für ihr Privatleben. Ich finde das legitim. Die Unternehmen haben sich inzwischen gut darauf eingestellt – mit flexiblen Arbeitszeiten oder Homeoffice-Regelungen. Jetzt geht es darum, einen Mittelweg zu finden zwischen den Extremen der Corona-Zeit und der Rückkehr zum Büroalltag.
Transformation gehört heute zur Normalität. Schon bei Siemens gab es Abspaltungen und Neuausrichtungen, in Regensburg genauso: Aus Halbleitern wurde Infineon, aus Osram neue Sparten, aus Siemens VDO Continental.Staab über den Wandel der Industrie in Regensburg
Ist die Generation Z also weniger leistungsbereit?
Staab: Nein, das glaube ich nicht. Sie ist selbstbewusster, aber nicht weniger engagiert. Sie weiß nur besser, was ihr wichtig ist. Wer sich bewusst entscheidet, weniger Karriere zu machen, trifft eben eine persönliche Wahl. Und trotzdem wird in Deutschland weiterhin sehr viel gearbeitet – die Zahlen sprechen für sich.
Sie haben viele Transformationen erlebt – von Siemens über Continental bis Aumovio. Was war Ihre wichtigste Erkenntnis?
Staab: Transformation gehört heute zur Normalität. Schon bei Siemens gab es Abspaltungen und Neuausrichtungen, in Regensburg genauso: Aus Halbleitern wurde Infineon, aus Osram neue Sparten, aus Siemens VDO Continental. Jetzt erlebt Continental selbst eine Neuaufstellung – mit Fokus auf Reifen und die Ausgliederung des Zuliefergeschäfts. Wichtig ist, die Chancen zu sehen, die in solchen Veränderungen stecken. Die Industrie wandelt sich, das Auto auch – und keiner weiß genau, welches Verkehrsmittel in zwanzig Jahren das wichtigste sein wird.
Das nächste große Ding dürfte autonomes Fahren sein. Wie weit sind wir davon entfernt?
Staab: Technisch gesehen sind wir schon im teilautonomen Fahren. Viele Fahrzeuge können heute fast selbstständig über die Autobahn fahren. Die Industrie braucht jetzt hier in Europa die Unterstützung etwa bei schnellen und unkomplizierten Genehmigungen sowie bei harmonisierten Zulassungsregeln und Regeln im Straßenverkehr. Persönlich glaube ich noch nicht, dass wir in fünf oder zehn Jahren flächendeckend komplett autonome Autos sehen werden. Bei autonomen Lastwagen stehen wir mit unserem Partner Aurora in den USA auf der anderen Seite schon in der Vorbereitung der Serieneinführung. Hier planen wir den Start bereits 2027.
Und trotzdem: Die Transformation der Mobilität ist nicht aufzuhalten?
Staab: Nein, sie ist beschlossen. Ob das Verbrenner-Aus 2035 oder 2045 kommt, ist zweitrangig – die Zukunft wird elektrisch. Vielleicht spielen Übergangstechnologien irgendwann eine größere Rolle, aber im Moment ist Elektromobilität der Weg.
Das Interview führte Christian Eckl.