Mit 26 Jahren in die Selbständigkeit: Das denkt diese Steuerberaterin über die Gen-Z

Lisa Kalleder fand ihren Traumjob – heute ist sie Partnerin in einer Regensburger Steuerberater-Kanzlei. Doch wie geht das, wie kann man mit 26 Jahren schon Chef von 60 Mitarbeitern werden? Im Gespräch verrät die Abensbergin, was sie von Vorurteilen über die Generation Z hält – und wo sie ihren deutlich älteren Partnern voraus ist.
Wie wird man mit 26 Jahren Partnerin einer Steuerkanzlei, selbständig und befindet sich dort, wo viele beruflich erst nach Jahren stehen?
Lisa Kalleder: Ich konnte durch das damalig noch gültige G8-System bereits mit 17 mein Abitur abschließen. Anschließend habe ich ein duales Studium begonnen, bei dem ich ganz viel in der Praxis arbeiten konnte. Schon während des dualen Studiums fiel mir auf, dass ich nicht der typische Akademiker bin. Mir macht es viel mehr Spaß, zu arbeiten und direkt Ergebnisse zu sehen, statt nur theoretisch etwas auf Papier zu diskutieren. Deshalb stand die Entscheidung schnell fest: kein Master. Außerdem war mir nach dem Bachelor wichtig, Zeit zu Reisen und Zeit für mich zu haben – ohne schlechtes Gewissen, nach Feierabend noch lernen zu müssen. Gleichzeitig war mir wichtig, in den Beruf einzusteigen, Vollzeit zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mich dann für den direkten Einstieg in die Praxis entschieden und dabei unglaublich viel gelernt, auch durch Überstunden und intensives Einarbeiten. Das war für mich der richtige Weg.
Wie sind Sie nach dem Studium zu Ihrer heutigen Kanzlei gekommen?
Kalleder: Im August 2020 habe ich dort als Steuer- und Prüfungsassistentin angefangen. Relativ schnell habe ich aber insbesondere mit meinem heutigen Kanzleipartner Florian an Umwandlungsprojekten gearbeitet – also zum Beispiel, wenn ein Einzelunternehmer seine Firma in eine GmbH überführen möchte. Parallel habe ich die Vorbereitungen fürs Examen gestartet, das man frühestens drei Jahre nach dem Abschluss machen darf. Ich denke, meine heutigen Partner haben früh erkannt, dass die Arbeit in der Steuerberatung genau das ist, was ich gut kann und ich mir ansonsten auch außerhalb dieser Kanzlei neue Perspektiven gesucht hätte. Und so kam es, dass sie mich fragten, ob ich selbst Partner in der Kanzlei werden will.
Ich glaube, dass es in jeder Generation Leute gibt, die sehr leistungsbereit sind, und andere, die sich schwerer tun.
Lisa Kalleder, Partnerin bei wibatax
Was können Sie als heute 27-Jährige beitragen?
Kalleder: Ich bringe frische Impulse, neue Ideen und einen Blick auf die Erwartungen der jüngeren Generation mit, sei es bei Mitarbeitenden, Mandanten oder beim Thema Digitalisierung und Prozesse. Gleichzeitig habe ich mit Sabine, Markus und Florian erfahrene Partner an meiner Seite, mit denen ich mich austauschen kann und von deren Wissen und Erfahrung ich profitiere.
Wie blicken Sie auf die sogenannte Generation Z?
Kalleder: Ich glaube, dass es in jeder Generation Leute gibt, die sehr leistungsbereit sind, und andere, die sich schwerer tun. Früher hat man das weniger thematisiert, da war Arbeiten einfach selbstverständlich. Heute denken viele mehr darüber nach, was sie tun und welchen Sinn es hat. Wenn junge Leute die richtigen Aufgaben und Menschen treffen, ziehen sie von selbst los. Aber ich finde, es wird oft nur von den Jungen erwartet, dass sie sich anpassen. Umgekehrt könnten auch ältere Kolleginnen und Kollegen mal sagen: Der geht anders an die Sache ran, aber das kann trotzdem richtig sein.
Und wie nehmen Sie Ihre Altersgenossen wahr?
Kalleder: Viele sind noch im Master oder auf dem Weg zu ihrem Traumjob. Einige, die ein bisschen älter sind, haben schon ähnliche Rollen wie ich. Ich weiß, dass ich sehr schnell dran bin – auch, weil ich direkt das für mich passende Studium finden durfte und es mir leichtfiel. Wenn man etwas macht, das man gut kann, macht es mehr Spaß und man bekommt positives Feedback. Muss man ständig gegen sich selbst ankämpfen, wird es dagegen schwierig. Genau da spielt auch der Sinn eine Rolle, den viele in meiner Generation einfordern: Wir wollen verstehen, warum wir etwas tun und ob wir dafür die richtigen Fähigkeiten mitbringen.
Ist das Unternehmertum für Sie ein zusätzlicher Bereich neben der Steuerberatung?
Kalleder: Beides gehört für mich zusammen. Steuerberatung heißt oft, Vorschriften einzuhalten und Compliance sicherzustellen. Unternehmertum bedeutet, Neues zu wagen, mutig zu sein, auch mal ein Nein zu kassieren – und gleichzeitig Stabilität zu geben, für Mitarbeitende wie für Mandanten. Das geht Hand in Hand.
Und die Verantwortung als Unternehmerin – schreckt die nicht ab?
Kalleder: Nein. Klar ist ein Anstellungsverhältnis „bequemer“, aber mich würde es einengen, keine Entscheidungsfreiheit zu haben. Natürlich tragen wir auch Risiken, aber dafür gestalten wir. Und ich bin überzeugt, dass wir mit unserem Team auch durch schwierige Zeiten kommen.
Fragen Sie manchmal Gleichaltrige um Rat – oder fragen die eher Sie?
Kalleder: Beides. Viele junge Leute, vor allem über LinkedIn, suchen meinen Rat zum Steuerberaterexamen oder zur Karriere. Ich versuche, offen zu sein, Ratschläge zu geben, und gehe auch mit Kolleginnen mal essen, um Erfahrungen zu teilen. Mir ist wichtig, dass junge Leute ausprobieren, Netzwerke nutzen und mutig Fragen stellen.
Sie sind jung, Frau und Partnerin in einer Kanzlei – erleben Sie Vorbehalte?
Kalleder: Ja, manchmal. Vor allem ältere Kollegen begegnen mir skeptisch. Ein Notar wollte mal mit meinem Chef reden – da sagte ich: Ich bin der Chef. Inzwischen nehme ich das gelassen. Manche Mandanten passen besser zu meinen Partnern, andere schätzen meinen direkten, verständlichen Stil. Unterschätzt zu werden kann auch eine Stärke sein.
Welchen Rat geben Sie jungen Leuten, die noch unsicher sind?
Kalleder: Viel ausprobieren, Praktika machen, mit Menschen reden und sich fragen: Was kann ich gut? Und nie Angst haben, Fragen zu stellen. Mir hilft die Frage: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Meistens ist die ehrliche Antwort darauf nicht so schlimm. Und damit kann man leben.
Und wie steht es um die berühmte Work-Life-Balance?
Kalleder: Für mich passt es. Manchmal arbeite ich 60 Stunden, manchmal 30. Ich nutze die Freiheit, auch mal am Abend produktiv zu sein oder am Freitagnachmittag frei zu nehmen. Wichtig ist, dass Arbeit und Leben zusammenpassen – nicht, dass beides gegeneinander steht.
Das Interview führte Christian Eckl.
Zur Person
Frühstarterin: Mit heute 27 Jahren ist Lisa Kalleder eine der jüngsten Partnerinnen einer mittelständischen Steuerkanzlei in Deutschland. Bereits mit 25 absolvierte sie das Steuerberaterexamen, ein Jahr später folgte der Schritt in die Partnerschaft bei wibatax.
Unternehmen: Die Regensburger Kanzlei wibatax setzt auf eine moderne Unternehmenskultur, die Teamgeist und Personalführung neu denkt – etwa mit wöchentlichen Kanzleiessen, Hunden im Büro und engen Kooperationen mit Hochschulen. Neben ihrer Arbeit in der Kanzlei ist Lisa Kalleder als Dozentin an der DHBW Villingen-Schwenningen tätig und hält Vorträge, unter anderem 2025 beim Steuerberaterkongress in Dresden und 2026 bei der talents4tax in Hamburg. Im Oktober startet sie zudem den eigenen Kanzlei-Podcast „wiba.talks“.