„Plötzlich 'ne halbe Tonne Zwiebeln im Auto“: Essensretter-Bewegung in Regensburg wächst

Von Daniel Pfeifer · 23. September 2025 um 19:00

350 Kilo Lebensmittel landen in Deutschland im Müll – pro Sekunde. Dieser Verschwendung hat die Foodsharing-Bewegung den Kampf angesagt. In und um Regensburg ist die Zahl der Lebensmittelretter auf über 1000 Aktive angewachsen. In Tegernheim feiert nun der Essens-Verteilerkasten Einjähriges. Längst ist er Teil der Gesellschaft geworden.

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Mit seinem schnittigen hellblauen Fahrrad düst Leopold um die Ecke, streift noch ein Gebüsch und bleibt vor einem großen Holzschrank stehen. Zielstrebig zieht er eine graue Box heraus, begutachtet den Inhalt. „Na, ist was dabei?“ fragt seine Mutter Claudia Zange. Leopold zögert, deutet dann auf eine Zwieback-Packung. Seine Mutter nimmt sie heraus, reicht sie ihrem Sohn und wirft noch einen Blick in den Kühlschrank. „Ziemlich leergeräumt heute“, sagt sie und signalisiert Leopold: Auf geht's nach Hause. Sie werden wiederkommen, vielleicht schon am nächsten Tag. Auf der Straße treffen sie eine junge Familie, die auch gleich einen Abstecher zum großen hölzernen Schrank macht.

Vor genau einem Jahr, am 23. September 2024, eröffnete der Fairteiler in Tegernheim. Dieser Holzschrank mit Lagerboxen sowie Kühl- und Gefriereinheit ist einer von vier Lebensmittel-Verteilern in und um Regensburg. Täglich findet man dort Nahrungsmittel, die sonst im Müll landen würden – und zwar nicht, weil sie verdorben sind, sondern weil sie überschüssig sind. Solche sogenannten „Fairteiler“ sind ein Baustein in einer Bewegung, die im Bezirk (Stadt und Landkreis) Regensburg ein außerordentliches Wachstum verzeichnet: Foodsharing, das Retten von Lebensmitteln.

Die Tegernheimerin Claudia Zange und ihr Sohn Leopold schauen nach, was es gerade so im Fairteiler gibt. - Foto: Daniel Pfeifer

Über 1000 aktive Ehrenamtliche und noch viel mehr Teilnehmer sowie 100 kooperierende Betriebe wie Supermärkte, Gaststätten oder Landwirte, sind im Bezirk dabei, berichtet Anne Wurzbacher vom Foodsharing-Netzwerk. „Seit der erste Betrieb 2015 eingetragen wurde, hat sich das alles sehr, sehr gut entwickelt.“ Wo es am Anfang in der Stadt besonders gut anlief, habe zuletzt vor allem der Landkreis Zuwachs verzeichnen können. Die häufigste Reaktion neuer Mitglieder laut Wurzbacher: Entsetzen. „Wenn sie sehen, dass hier keine schrumpeligen Äpfel gerettet werden sondern Lebensmittel, die sie genau so im Supermarkt kaufen würden.“

Wie funktioniert Foodsharing?

• Prinzip: Ehrenamtliche Essensretter holen auf Zuruf die einwandfreie Überschussware von Betrieben ab und verteilen sie in die Verteilerschränke sowie direkt an Menschen im Foodsharing-Netzwerk oder Mitglieder öffentlicher Whatsappgruppen.

• Schränke: Die aktuell drei (mit Bad Abbach vier) Schränke werden mehrmals täglich von Ehrenamtlichen oder Bürgern bestückt und gereinigt. Aus Hygienegründen sind verdorbene Lebensmittel ebenso untersagt wie Alkohol, rohes Fleisch, gesammelte Pilze oder selbstgemachte Marmelade.

• Tafel: „Unser oberstes Prinzip ist, dass wir sozialen Einrichtungen nichts wegnehmen“, sagt Anna Wurzbacher von Foodsharing. Tafel oder Rengschburger Herzen hätten stets Vorrang, doch auch dort sei viel überschüssig – man stehe in engem Kontakt.

• Mitmachen: Die Ehrenamtlichen freuen sich immer über Helfer. Melden kann man sich per Mail an regensburg@foodsharing.network. Am Fairteiler Tegernheim ist zudem ein QR-Code für die Whatsapp-Gruppe. Dort erfährt man sofort von gerettetem Essen.

Vor einem Jahr entstand in Tegernheim der erste Fairteiler des Landkreises. Von der Idee war die Gemeinde damals sofort begeistert und stellte den Standort am leerstehenden ehemaligen Lehrer-Haus, zentral zwischen Kirche, Bibliothek und Kindergarten zur Verfügung. Jetzt, ein Jahr später, habe sich der Schrank bewährt, sagt Bürgermeister Max Kollmannsberger. „Für Tegernheim ist es eine Bereicherung, nicht nur weil Lebensmittel vernünftig verwendet werden, sondern weil sich am Schrank auch Menschen treffen und miteinander in Kontakt kommen.“

Europaletten voller Zwiebeln und Knödelteig

Hinter dem Schrank in Tegernheim steckt ein Team von 70 Ehrenamtlichen, darunter Bernd Riedel und Stefanie Eichinger. Beide sind seit zwei Jahren überzeugte Essens-Retter. „Es ist erschreckend, was an Lebensmitteln weggeschmissen würde, wenn wir sie nicht abholen würden“, sagt Eichinger. Riedel nickt und erzählt von seinem „Aha-Moment“. Der hauptberufliche Seniorendienst-Betreiber half in der Weihnachtszeit einmal für eine Abholung aus. Daraufhin meldeten sich Studenten, die das Essen in ihrer Freizeit an Senioren weiterverteilen. Riedel war von dem Engagement tief beeindruckt und ab dem Moment überzeugt: Für diese gute Sache will auch er einstehen.

Und was rettet man so im Landkreis Regensburg? Da haben die beiden Ehrenamtlichen so ihre Anekdoten. So meldete sich eines Tages ein Betrieb mit einer ungeplanten Ladung Überschussware – Bernd Riedel sprang als Spontanretter ein. „Tja, und dann hatte ich plötzlich 'ne halbe Tonne frische Zwiebeln im Auto“, erzählt er und lacht. Direkt gab er seinem Verteilerkreis Bescheid und brachte tatsächlich alle Zwiebeln los.

Ähnliches erlebte Stefanie Eichinger. Bei ihr war es eine Europalette Knödelteig. Damals, so erzählte sie, war sie noch nicht so lange dabei und musste erst einmal schlucken. Doch dann entbrannte ihr Ehrgeiz. „Ich dachte, wenn ich das verteilt krieg, dann krieg ich alles hin“, erinnert sie sich. Das Ergebnis: Einen ganzen Transporter voll Knödelteig brachte sie in ihrem Abnehmerkreis unter. „Die letzten übrigen Packungen habe ich am Ende sogar einfach unter Leuten auf der Straße verteilt“, sagt sie und lacht.

Ein Querschnitt der Gesellschaft

Man lerne viele tolle Menschen kennen, erzählen Eichinger und Riedel. „Du schreibst in die Gruppe, es gäbe was abzuholen und schon stehen 15 Leute da und helfen mit – alte Leute, Kinder, Studenten, Ausländer, Einheimische ...“, sagt Riedel. Doch nicht nur die Helfer seien ein kunterbunter Querschnitt der Gesellschaft, sondern auch die Abnehmer. Vom Doktor bis zur bedürftigen Familie sei alles dabei. Für manche seien die kostenlosen Lebensmittel eine Erleichterung im Alltag, sehr viele würden aber Essen auch aus Nachhaltigkeitsgründen retten. Auch die nächste Generation ist eingebunden: Im Juli verschönerte der Jugendtreff Tegernheim den Schrank mit selbstgebastelten Stickern, im Kindergarten wird am Beispiel des Schranks auf den Wert von Essen aufmerksam gemacht.

Und wie sieht die Zukunft der Essens-Retter aus? Regensburg ist seit einem Monat offizielle „Foodsharing-Stadt“ und verpflichtet sich, die Bewegung aktiv zu fördern. „Wie diese Zusammenarbeit konkret aussehen wird, erarbeiten wir in den kommenden Monaten“, erklärt Bürgermeister Ludwig Artinger. „Aber erst einmal wollen wir ein Zeichen setzen. Es ist Wahnsinn, wie viele Leute sich hier engagieren.“ Für Bernd Riedel und Stefanie Eichinger ist klar: Sie werden weitermachen, sagt Eichinger. „Es ist eine Herzenssache.“