Grammer verlagert Jobs nach China: Wie wichtig ist das Land für Zulieferer in der Region?

Wer in der Oberpfalz bei einem der großen Automobilzulieferer arbeitet, hat auch Kolleginnen und Kollegen in China. Schaeffler, Aumovio oder Benteler haben dort Tausende Mitarbeiter. Grammer verlagert sogar Stellen aus der Firmenzentrale im Kreis Amberg-Sulzbach nach Fernost. Was erhoffen sich die Firmen vom chinesischen Markt?
Den Stau auf der A93 einfach überfliegen? Noch klingt das wie Science-Fiction, könnte irgendwann aber Realität werden. Weltweit arbeiten Unternehmen an sogenannten Flugautos. An vorderster Front: der chinesische Hersteller Xpeng, der bis Ende 2030 entsprechende Modelle auf die Straße beziehungsweise eben auch in die Luft bringen will. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der fränkische Zulieferer Schaeffler, der die Antriebsteile für das futuristische Fahrzeug liefert. Das Unternehmen mit großem Werk in Regensburg setzt seit einiger Zeit verstärkt auf den Standort China – eine Strategie, die sich der Konzern mit Wettbewerbern teilt.
Ob der Plan aufgeht, steht allerdings in den Sternen. Aktuell läuft es in China meist so: Autohersteller aus der Volksrepublik setzen überwiegend auch auf dort heimische Zulieferer. Deutsche Unternehmen wollen diesen Wettbewerbsnachteil offenbar mit einer großen Präsenz in Fernost wett machen. Man habe eine „starke Fertigung vor Ort für chinesische und internationale Automobilhersteller“, heißt es von Aumovio, der künftig eigenständigen Zulieferersparte von Continental. Die Präsenz in dem Land habe man in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut, erklärt Sprecher Sebastian Fillenberg auf Anfrage der Mediengruppe Bayern.
Konzerne wie Grammer und Schaeffler setzen auf „Local for Local“
Insgesamt hat der neue Konzern, der am Donnerstag an der Börse starten soll und ein großes Werk in Regensburg betreibt, zwölf Produktionsstandorte und acht Forschungs- und Entwicklungszentren in China. Von den insgesamt 87.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigt Aumovio rund 10.000 in China.
Schaeffler hat dort sogar 17 Werke und sechs Forschungs- und Entwicklungszentren mit 19.000 Angestellten. Weltweit sind es bei dem fränkischen Unternehmen etwa 120.000 Beschäftigte. Von den 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zulieferers Benteler, der ein Werk in Wackersdorf im Landkreis Schwandorf betreibt, arbeiten über 2000 in China.
Diese unmittelbare Präsenz in China ist in den Augen der Zulieferer unabdingbar für ein erfolgreiches Geschäft vor Ort. „Das Prinzip ,Local for Local‘ oder ,in der Region, für die Region‘ ist für Schaeffler sehr wichtig“, betont Matthias Herms, Sprecher des Unternehmens. Ähnlich äußert sich auch der Oberpfälzer Zulieferer Grammer. Direkt in den Regionen der Abnehmer der eigenen Produkte zu entwickeln beziehungsweise zu fertigen „ist ein zentraler Bestandteil unserer Strategie, um Kundennähe, Flexibilität und kurze Lieferketten zu gewährleisten“, sagt Sprecherin Katerina Koch.
Sonderfall Grammer: Oberpfälzer gehören China-Konzern
Bei dem Unternehmen aus Ursensollen im Kreis Amberg-Sulzbach handelt es sich um einen Sonderfall unter den in der Region vertretenen Automobilzulieferern. Grammer ist nicht nur in Fernost aktiv, sondern befindet sich sogar in chinesischer Hand. Mehrheitsaktionär ist der Konzern Ningbo Jifeng.
Im Rahmen des Programms „Fit for Tomorrow“ will Grammer laut Sprecherin Katerina Koch künftig einen „größeren Anteil der Entwicklungsaktivitäten sowie angrenzender, projektrelevanter Aufgaben“ in China durchführen. Dort haben die Oberpfälzer laut eigener Webseite 14 Standorte. Insgesamt seien es in der Region Asien-Pazifik zwölf Produktionsstandorte mit etwa 1600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sagt Koch. Weltweit beschäftigt Grammer ihr zufolge knapp über 12 000 Mitarbeitende.

In der Oberpfalz, wo aktuell ebenfalls rund 1600 Menschen für das Unternehmen tätig sind, sollen nun aber durch „Fit for Tomorrow“ einige Stellen wegfallen. Die Übernahme von Aufgaben durch chinesische Standorte bedeutet laut Koch, dass etwa 100 Jobs aus der Ursensollener Firmenzentrale dorthin verlagert werden. Vertreter des Unternehmens und der Arbeitnehmer seien dazu aktuell im Austausch, sagt die Grammer-Sprecherin. Man werde die Maßnahmen aber „möglichst sozialverträglich“ umsetzen, beispielsweise durch ein Freiwilligenprogramm.
Die Pläne begründet das Unternehmen unter anderem mit dem wachsenden Wettbewerb mit chinesischen Herstellern auf dem europäischen und chinesischen Markt. Deutsche Autobauer stelle das vor die Herausforderung, „ihre Entwicklungs- und Projektkosten noch stärker zu optimieren“, sagt Koch. Das wirkt sich auch auf die Zulieferer aus. „Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, hat Grammer das Projekt ,Fit for Tomorrow‘ ins Leben gerufen“, teilt die Sprecherin mit.
Aumovio-Pressesprecher: Geschwindigkeit ist in China „Trumpf“
Grundsätzlich scheint es nachvollziehbar, dass deutsche Zulieferer in China Fuß fassen wollen. Das Land sei „aktuell einer der wenigen wachsenden Märkte in einem eher stagnierenden Umfeld in der Automobilindustrie“, sagt Schaeffler-Sprecher Herms. Er betont zudem die Innovationskraft des Landes. Zu der äußert sich auch Sebastian Fillenberg: Die technologische Entwicklung in China sei „äußerst dynamisch“. „Die Entwicklungszyklen sind kürzer als anderswo“, sagt der Aumovio-Sprecher. Auch der Zulieferer Benteler nennt die hohe Innovationsgeschwindigkeit in China als einen wesentlichen Unterschied zu den Aktivitäten des Konzerns in Europa.
Genau darin liegt auch die Herausforderung für deutsche Zulieferer: Um in Fernost mitmischen zu können, ist Fillenberg zufolge Geschwindigkeit „Trumpf“. Auch deshalb spaltet Continental seine Autotechniksparte vom Reifengeschäft ab: um ein fokussiertes Unternehmen zu schaffen, mit dem schneller auf Marktanforderungen reagiert werden kann.