Dieser 91-jährigen Regensburgerin wird nach 55 Jahren Wohnung gekündigt

Von Christian Eckl · 11. September 2025 um 09:01

Seit 1970 wohnt die 91-jährige Berta F. in einer Mietwohnung in Regensburg. Der Baulärm einer Sanierungsmaßnahme, eine Balkonschwelle von fast 18 Zentimetern, die zur Stolperfalle wird und eine Mieterhöhung waren nicht das einzige, was sie erdulden musste. Der Vermieter kündigte fristlos, als sie eine Monatsmiete zurückbehielt. Doch nach einer Anfrage der MZ kommt die Wende.

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Viele Wohngebäude, die in den 50er oder 60er Jahren in Regensburg entstanden sind, haben enormen Sanierungsbedarf. Doch für die oftmals hochbetagten Mieter ist die Sanierung eine Tortur. So auch bei der 91-jährigen Britta F. (Name geändert). Sie wohnt seit 55 Jahren in einer Wohnung, die heute der privatisierten Wohnbaugesellschaft Dawonia gehört.

Zumindest ist ihr nun ein Stein vom Herzen gefallen: Nach Anfrage der Mittelbayerischen Zeitung, wie es sein kann, dass man einer 91-Jährigen nach 55 Jahren Mietverhältnis die Wohnung in der Karl-Esser-Straße fristlos kündigt, räumte die Dawonia kleinlaut ein: „Da ist uns ein Fehler passiert. Sie können schreiben, dass wir durch Ihre Anfrage darauf aufmerksam wurden“, so eine Sprecherin.

Das ist geschehen: Anfang 2024 kündigte die Dawonia an, mehrere Wohnanlagen in Regensburg zu sanieren. Vom Dach bis zu Fassaden und Balkon: Über ein Jahr lang sollten die Bauarbeiten gehen. Für die Zeit sollten die Mieter lediglich wenige Prozent weniger Miete bezahlen. Doch was dann kam, war für die inzwischen 91-Jährige eine Zumutung. „Es war eine furchtbare Zeit. Niemals hätte ich mir den Baulärm dermaßen brutal vorgestellt“, sagt Britta F. Über Monate sei kein Telefonat mehr möglich gewesen, man habe nicht fernsehen und keine Gäste empfangen können. Doch für was?

Von den angekündigten Verbesserungen durch die Sanierung habe sie nichts bemerkt. „Im Gegenteil: Die Sockel der beiden Balkontüren wurden von zwei auf über 17,5 Zentimeter erhöht, was für mich, als leicht gehbehinderte Frau, eine massive Stolperfalle bedeutet.“

„Nur Verschlechterungen“

Auch die Westfenster seien verändert worden. Zuvor seien es schöne große Scheiben gewesen, nun seien sie zweigeteilt. „Das hatte neben der Verschlechterung der Aussicht zur Folge, dass ich keine handelsüblichen Rollos anbringen konnte“, erklärt sie. Wegen eines Lüftungsteils, das oben am mittleren Fensterrahmen angebracht sei und rund zehn Zentimeter in den Raum rage, habe sie Spezialrollos für über 650 Euro anschaffen müssen. „Im siebten Stock, Westseite, ist die Verdunkelungsmöglichkeit der Fenster im Sommer unabdingbar.“ Auch mit der Lüftung auf der Toilette sei sie unzufrieden. Früher habe diese automatisch funktioniert, sobald das Licht eingeschaltet wurde. „Jetzt funktioniert sie nur dann, wenn die Luftfeuchtigkeit entsprechend hoch ist – was nur dann der Fall ist, wenn die Badewanne voll ist. Die Gerüche bleiben folglich viel länger im Raum.“

Besonders belastend sei auch die Zeit ab Mitte September 2024 gewesen. „Nachts war es eiskalt, weil die Isolierung an der Westseite des Gebäudes noch nicht angebracht war und die Heizkörper fehlten.“ Über Wochen hinweg habe sie nur 14 bis 16 Grad in der Wohnung gehabt, trotz einer extra angeschafften Elektroheizung. Erst im Dezember habe die Heizung wieder funktioniert.

Auch im Flur sei nach der Sanierung ein gravierender Mangel zurückgeblieben. „Im Flur wurde, wegen der Badentlüftung, ein ofenrohrdickes Rohr an der Decke verlegt. Um es zu kaschieren, wurde aber ein Koffer von zwei Metern Länge und 90 Zentimetern Breite an die Decke fabriziert. Viel zu groß und dominant hängt das Ding jetzt an der Flurdecke.“ Hinzu komme die massive Mietsteigerung. Seit dem 1. September koste die 56 Quadratmeter große Wohnung über 920 Euro warm. „Das entspricht einem Preis von rund 17 Euro pro Quadratmeter“, sagt die Rentnerin. Angesichts ihrer Rente von knapp 1400 Euro habe sie deshalb Wohngeld beantragen müssen. Für die 91-Jährige, die stets für sich sorgte, eine zusätzliche Belastung. Doch es sollte schlimmer kommen. Auf Empfehlung eines Anwalts zahlte die Rentnerin eine Monatsmiete nicht. Daraufhin kam die fristlose Kündigung ins Haus geflattert. Für die Seniorin war das ein Schock.

Wir fragten an bei der Danowia. Kann es sein, dass man ein Mietverhältnis nach 55 Jahren wegen eines Monats Mietrückstand kündigt? Eine Sprecherin räumt sofort ein: Da ist man zu weit gegangen. Man wolle nun das Gespräch mit der 91-Jährigen suchen, sagt man beim Vermieter Dawonia. „Rein rechtlich gesehen ist die fristlose Kündigung der Mieterin aufgrund der Mietrückstände gerechtfertigt“, sagt Maren Holtermann, Sprecherin der Dawonia. „Üblicherweise ist unser Unternehmen in derartigen Fällen sehr sensibel, manchmal funktioniert es halt nicht.“ Und weiter: „Wir sind bereit, die fristlose Kündigung zurückzunehmen und eine Ratenzahlung anzubieten.“

„Leider Beeinträchtigungen“

Auf die Kritik an den Sanierungsarbeiten in der Karl-Esser-Straße geht Holtermann ebenfalls ein. Jede Modernisierung sei leider mit Beeinträchtigungen verbunden, diese versuche das Unternehmen jedoch so gering wie möglich zu halten. „In der Modernisierung in der Karl-Esser-Straße gab es in den Wohnungen selbst geringe Beeinträchtigungen, so dass der Umzug in Ausweichwohnungen hier nicht nötig war.“ Innerhalb der Wohnungen seien die bisherigen Fenster durch energieeffiziente Modelle ersetzt und Einzellüfter in den Badezimmern eingebaut worden. Und weiter: „Die neuen Energiefenster zeigen nachweislich eine Energieeffizienzverbesserung und weniger Heizkosten. Im Sommer ist diese Verbesserung (noch) nicht spürbar.“ Einen anderen Punkt weist Holtermann deutlich zurück: „Ihrer Aussage, der Balkon wäre vor dem Fenstertausch ebenerdig zu betreten gewesen, müssen wir widersprechen.“ Auch vor Beginn der Modernisierung sei der Zutritt zum Balkon nicht barrierefrei gewesen. Zu dem geschilderten Heizungsausfall erklärt Holtermann, dass Dawonia hierzu keinerlei Meldungen in den Unterlagen gefunden habe. „Die Mieterin hat uns hierüber leider nicht informiert.“

Mit Blick auf die gestiegenen Mietkosten reagierte die Sprecherin so: „Die Dawonia hält sich bei allen Mietanpassungen an die gesetzlichen Vorgaben und ist bereit, im Gespräch eine Lösung zu finden, die spezielle Lebensumstände berücksichtigt.“

Das ist die Dawonia

Privatisierung: Die heutige Dawonia Real Estate hieß bis 2018 GBW Gruppe und verwaltet rund 30 000 Wohnungen in süddeutschen Ballungsräumen. 2007 entstand aus dem Wohnungsbestand der Bayerischen Landesbank die GBW Gruppe, die 2013 an ein Investorenkonsortium um Patrizia für 2,45 Milliarden Euro verkauft wurde. Seit 2019 tritt das Unternehmen unter dem Namen Dawonia auf.

Sozialcharta: Eigentlich sichert eine Sozialcharta Mieter über das gesetzliche Maß hinaus, etwa durch erweiterten Kündigungsschutz für ältere und behinderte Menschen. Auf Nachfrage räumte das Unternehmen auch ein, dass die fristlose Kündigung der Mieterin wegen einer Miete Rückstand unverhältnismäßig sei.