Wie erleben Menschen mit Behinderung den Alltag? Regensburger Reporterin macht den Selbstversuch

Von Marion Neumann · 6. September 2025 um 19:00

Blind, taub oder im Rollstuhl: Wie erleben Menschen mit Behinderung den Alltag in der Stadt Regensburg? Mit dem Verein Phönix wagt Reporterin Marion Neumann den Selbstversuch – und ist nicht nur von den Barrieren, sondern vor allem von den Blicken der Anderen überrascht.

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Auf halber Strecke in Richtung Galgenbergbrücke kapituliere ich. Obwohl es nur ein leichter Anstieg ist, der über den Gehweg an der D.-Martin-Luther-Straße zum Seiteneingang der Arcaden führt, brennen meine Arme. Die kurze Distanz, die ich zu Fuß in weniger als einer Minute zurücklege, wird mit dem Rollstuhl zum Kraftakt. „Das ist noch kein Vergleich zu den gepflasterten Straßen in der Altstadt“, sagt Maria Pirzer. Ihre Assistenz, die ihren Rollstuhl schiebt, packt daraufhin auch bei mir mit an. „Zum Glück ist sie dabei“, denke ich – und kann mir in diesem Moment zumindest ansatzweise vorstellen, wie anstrengend es sein muss, ganz ohne Hilfe längere Strecken mit dem Rollstuhl zurückzulegen.

Die Idee zu dieser Route stammt von Maria Pirzer – sie hat auch organisiert, dass ich an diesem Tag im Rollstuhl sitze. Pirzer ist Tetraspastikerin. Bei ihrer Geburt hatte sie einen Sauerstoffmangel erlitten. Als Koordinatorin des Projektes „Perspektivwechsel“ beim Verein Phönix bietet die Rollstuhlfahrerin an, den Alltag von Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe zu erleben. Unterstützung bekommt Pirzer dabei von Pia Helml von der Kontaktgruppe Schwerhörige Regensburg und Rudolf Pichlmeier von der Oberpfälzer Beratungsstelle des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbunds.

Organisieren das Projekt „Perspektivwechsel“: (v. l.) Rudolf Pichlmeier, Maria Pirzer und Pia Helml - Foto: Marion Neumann

In der Umkleide ist mit Rollstuhl kein Platz

An dem Projekt teilzunehmen heißt für mich, dass ich einen Vormittag jeweils eine Stunde in die Rolle einer gehbehinderten, sehbehinderten sowie einer schwerhörigen Person schlüpfe. Zusammen mit Studierenden der Staatlichen Fachakademie für Sozialpädagogik – einer Gruppe angehender Erzieher, die von Lehrkraft Sonja Weinberger begleitet wird – bekomme ich dafür nicht nur den Rollstuhl, sondern auch eine spezielle Brille und Kopfhörer zur Verfügung gestellt.

Wie komme ich da ran? Im Rollstuhl soll Reporterin Marion Neumann ein Kleidungsstück anprobieren und an der Selbstbedienungskasse bezahlen. - Foto: Verena Römmelt

Dass es nicht nur die Rollstuhl-Fahrt bergauf in sich hat, merke ich schnell. Auch im Inneren der Arcaden gibt es für gehbehinderte Menschen Hürden, die ich zuvor nie wahrgenommen habe – etwa wenn es darum geht, Kleidung einzukaufen. Als Pirzer unserer kleinen Gruppe den Auftrag gibt, etwas in einem Modegeschäft anzuprobieren und an der Selbstbedienungskasse zu bezahlen, klappt das alles andere als reibungslos. Die Bluse, die ich mir ausgesucht habe, vom Kleiderständer herunterzuholen, bekomme ich noch irgendwie hin. Mit dem Rollstuhl in die Umkleidekabine zu fahren und Platz für einen Kleiderwechsel zu haben, wird allerdings zum Problem – und an das Display der Kasse komme ich gar nicht heran.

Mit Kopfhörern und Alters-Simulations-Anzug in den Arcaden

Weitaus unangenehmer als meine Verrenkungen empfinde ich jedoch die Blicke der anderen. Hilfe bietet niemand an – stattdessen fühle ich mich oft im Weg. Ein klein wenig besser wird das Starren, als ich den Rollstuhl gegen große schwarze Kopfhörer tausche, die eine Schwerhörigkeit simulieren sollen. Zusätzlich dazu reicht mir Pia Helml, die selbst hörgeschädigt ist, Manschetten sowie eine Weste mit Gewichten – ein spezieller Alters-Simulations-Anzug, mit dem ich nachfühlen soll, wie eine 75- bis 85-jährige Person den Gang ins Einkaufszentrum erlebt. „Gerade ältere Menschen leiden häufig unter Schwerhörigkeit und ignorieren das Problem lange“, erklärt sie mir.

Obwohl ich mit den klobigen Kopfhörern zwar noch eine gewisse Geräuschkulisse wahrnehme, fühle ich mich sofort ausgegrenzt. Ich muss mich stark auf den Weg und die Menschen um mich herum konzentrieren und überlege daher zweimal, ob ich ein Gespräch beginnen soll. Dass schlechtes Hören einsam macht, erscheint mir nach diesem Erlebnis sehr gut nachvollziehbar.

Mit Kopfhörern und Alters-Simulations-Anzug unterwegs in den Regensburger Arcaden: Ich fühle mich ausgeschlossen. - Foto: Pia Helml

Vom Umfeld heillos überfordert

Respekt habe ich dann auch vor dem letzten Teil des Selbstversuchs: Mit Rudolf Pichlmeier geht es mit Blindenstock und abgedunkelter Brille nicht nur in das volle Bahnhofsgebäude, sondern auch über den Vorplatz in Richtung Bushaltestellen. Obwohl ich mit meinem Brillenmodell noch einen Rest Sehvermögen habe – es simuliert die Augenerkrankung Grauer Star, bei der die Linse eingetrübt ist – ist meine Unsicherheit schon beim Treppensteigen riesig.

Bevor ich nach unten trete, klopfe ich mit dem Langstock gegen die nächste Stufe. Als ich die Treppe geschafft habe, geht es nach draußen. Die Gespräche der Fußgänger, die Radfahrer, die ich nur schemenhaft erkenne und der Autoverkehr, den ich aus der Ferne wahrnehme: Trotz der Leitlinien auf dem Boden überfordert mich mein Umfeld heillos.

Alltag mit vielen Hürden

Überrascht ist Pichlmeier, der auf dem rechten Auge noch einen kleinen Punkt mit zweieinhalb Prozent Sehkraft besitzt, nicht. „Erst, wenn man nicht richtig sieht, stellt man fest, wie wichtig das Auge ist. Es heißt, dass 80 Prozent unserer Umwelt zuerst mit dem Auge wahrgenommen wird“, sagt er.

Ohne Sicht wird auch die Treppe zur Herausforderung. - Foto: Lilli Linthaler

Letztendlich bin ich froh, die Brille wieder abnehmen zu können – aber auch dankbar über die Einblicke in die Lebensrealität von Rollstuhlfahrern, Schwerhörigen und Sehbehinderten, die in ihrem Alltag viele Hürden überwinden müssen. Im Kopf bleiben werden mir auch die Worte von Pia Helml, die sie am Ende des Versuchs an die Gruppe richtet: „Fragt, ob ihr helfen könnt – das bringt uns am meisten.“

Der Regensburger Verein Phönix

• Miteinander: Ein selbstverständliches Miteinander von behinderten und nichtbehinderten Menschen sowie ein selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung: Dafür setzt sich der Regensburger Verein Phönix ein.

• Kontakt: Das Interesse am Projekt „Perspektivwechsel“ ist groß, sagt Koordinatorin Maria Pirzer. Viele Anfragen würden von Kindergärten, Schulen oder Firmen kommen. Alle Infos gibt es unter www. phoenix-regensburg.de.