So finden sich Menschen mit Sehbehinderung am und um den Regensburger Hauptbahnhof zurecht

Von Antonia Herzinger · 17. August 2025 um 05:00

Bahnhöfe können laut, wuselig und unübersichtlich werden – auch für Reisende, die alles sehen können. Menschen mit Sehbehinderung muss es noch schwerer fallen. Oder? Rudolf Pichlmeier von der Beratungsstelle Blickpunkt Auge ist blind und zeigt, welche versteckten Helfer die Orientierung erleichtern und welche Hürden es noch am und um den Regensburger Hauptbahnhof gibt.

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Lücken im Leitliniensystem am Regensburger Hauptbahnhof

Leitlinien sind die wohl bekannteste und offensichtlichste Orientierungshilfe für Menschen mit einer Sehbehinderung. Auch in der Bahnhofsvorhalle führen die Rillen am Boden in mehrere Richtungen – aber nicht in alle. Weder zu einer der drei Automatiktüren am Haupteingang, noch zu den Rolltreppen, die zu den Gleisen führen. Pichlmeier erklärt: „Für Sehbehinderte sind die Seiteneingänge vorgesehen, weil es dort eine Rampe gibt. Deshalb führen die Leitlinien nur dorthin.“ Für ihn ist Treppensteigen allerdings „kein Problem“ also fände er Leitlinien zum Haupteingang sinnvoll.

Ähnlich läuft es in Richtung der Gleise: Die Markierungen am Boden führen zum Aufzug, aber nicht zu den Rolltreppen, obwohl auch Menschen mit einer Sehbehinderung diese nutzen könnten. Eine Etage weiter oben sieht es noch magerer aus. Hier enden die Leitlinien am Anfang des Übergangs zu den Arcaden. „Ich verstehe nicht, warum“, sagt Pichlmeier.

Spiegelglatt ist der Boden des Übergangs vom Bahnhofsgebäude zu den Regensburger Arcaden. Leitlinien wären hier laut Pichlmeier sinvoll. - Foto: Marius Göhl

Laut einer Sprecherin der Bahn werden hier alle offiziellen Vorgaben befolgt. Übergänge wie der Steg in Regensburg benötigen demnach keine Bodenindikatoren. Bei den Treppenab- und -aufgängen sind jeweils wieder Aufmerksamkeitsfelder installiert.

Pichlmeiers Sehvermögen nimmt seit seiner Kindheit ab

Rudolf Pichlmeier hatte schon als Kind eine sehr starke Brille. Sein Sehvermögen hat im Laufe seines Lebens immer weiter abgenommen. Heute, mit 68 Jahren, gilt er als „blind“. Blindenschrift kann er nicht entziffern. „Menschen, die erst im Alter erblinden, lernen das oft nicht mehr. Ich komme aber auch ohne zurecht. Mit dem Handy kann man sich mittlerweile ja fast jeden Text vorlesen lassen.“

Im Übergang zwischen Bahnhof und Arcaden hilft ihm das allerdings nicht weiter. Also tastet er sich mit seinem Stock am Rand entlang. Er lässt ihn etwas weiter nach links und rechts schweifen und merkt so, an welcher Stelle es zu den Gleisen hinuntergeht. Am Geländer sind zur Orientierung in erhabener Druck- und in Blindenschrift die Nummern der Gleise markiert.

Erhabene Druck- und Blindenschrift am Geländer hilft, das richtige Gleis zu finden. - Foto: Marius Göhl

DB bietet Service für Menschen mit einer Sehbehinderung

„Um zu wissen, zu welchem Gleis ich gehen muss, informiere ich mich vorab. Die Anzeigetafeln kann ich ja nicht lesen.“ Für Menschen mit Sehbehinderung, die sich am Bahnhof nicht auskennen, biete die Deutsche Bahn extra einen Service an: „Man kann sich dort drei Tage vorher anmelden und ein Bahnmitarbeiter begleitet einen dann bis ans Gleis oder vom Gleis bis zum Ausgang.“

Als Ortskundiger braucht Pichlmeier diese Hilfe in Regensburg nicht. Auch ohne Leitlinien findet er zum Aufzug, der durch erhabene Symbole und Blindenschrift leicht zu bedienen ist. Unten am Gleis angekommen führen Leitlinien in alle Richtungen und sogenannte Noppenfelder deuten Abzweigungen, den Aufzug und die Treppen an. Noch mehr als Sehende, achtet Rudolf Pichlmeier hier auf Durchsagen. „Wenn man sich konzentriert, kann man die gut verstehen.“ Die Möglichkeit, Ansagen individuell per Knopfdruck anzufragen, gibt es bereits an einigen Gleisen an deutschen Bahnhöfen. In Regensburg konnten wir keine finden.

Wir nennen sie die schlimmste Kreuzung der Stadt.

Rudolf Pichlmeier von Blickpunkt Auge über die Kreuzung beim Cinemaxx

Insgesamt befindet Pichlmeier die Situation an den Gleisen für gut. Eine absolute Baustelle liegt dafür einige hundert Meter weiter südlich: Die große Kreuzung an der Ecke des Cinemaxx gehört zwar nicht direkt zum Bahnhof, ist aber ein wichtiger Knotenpunkt, auch für Bahnreisende. „Wir nennen sie die schlimmste Kreuzung der Stadt.“ Eine Aktion von Blickpunkt Auge vor über einem Jahr hat darauf aufmerksam gemacht, dass es hier keinen Signalton gibt, der anzeigt, ob die Ampel gerade grün oder rot ist.

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„Ich muss mich auf die anderen Menschen verlassen. Aber wenn jemand über rot geht, mache ich das dann unbewusst vielleicht auch.“ Außerdem ist die Grünphase für Fußgänger sehr kurz. Einige schaffen es nur bis zur Hälfte auf die nächste Verkehrsinsel. „Wir hatten damals eine Aktion mit Stadtrat, Polizei und Presse. Alle waren da. Und bis jetzt ist nichts passiert.“

Stadt plant Besserung der „schlimmsten Kreuzung“ in Regensburg

Beim Überqueren der "schlimmsten Kreuzung Regensburgs" gibt es keinen Signalton. Menschen mit Sehbehinderung müssen sich auf andere Fußgänger verlassen. - Foto: Marius Göhl

Tatsächlich gibt es mittlerweile Pläne der Stadt, den Bereich um die Bushaltestelle am südlichen Ende der Galgenbergbrücke und in dem Zuge auch die Kreuzung barrierefrei zu gestalten. Neben dem Ausbau des Leitlinien- und Noppenfeldsystems soll dann auch die Ampel mit einer akustischen Signalanlage für blinde und sehbehinderte Menschen ausgestattet werden. Wann der Umbau vorgenommen wird, ist allerdings noch nicht bekannt.

Neue Bushaltestellen sind bereits barrierearm gestaltet

Sehr zufrieden ist Rudolf Pichelmeier mit den neuen Haltestellen am Busbahnhof. „Wir waren mit dem Inklusionsbeirat bei der Gestaltung dabei.“ Im Gegensatz zu den älteren Haltestellen sind die neuen mit Leitlinien ausgestattet, die sogar anzeigen, wo genau der Bus hält und wo sich die vordere Tür befindet. Außerdem wurden an jeder Haltestelle Knöpfe angebracht, mit denen Durchsagen abgerufen werden können, die genau über die Abfahrtszeiten von Bussen informieren. Auch in Zukunft plant die Stadt im Rahmen der Neugestaltung des nördlichen Bahnhofsumfelds das Areal noch barriereärmer zu gestalten. Das Projekt wurde 2022 „aus finanziellen Gründen jedoch verschoben“.

Mit dem gelben Knopf kann man eine individuelle Durchsage an jeder Bushaltestelle am Busbahnhof anfordern. - Foto: Marius Göhl

Das Fazit: Der Hauptbahnhof ist weitgehend barrierefrei gestaltet, an einigen Stellen fehlen allerdings Leitlinien. Der neuere Teil des Busbahnhofs ist fortschrittlich gestaltet, die alten Haltestellen entsprechen den Standards allerdings nicht. Und die größte Baustelle ist nach wie vor die Ampel an der „schlimmsten Kreuzung der Stadt“.