„Schlimmste Kreuzung Regensburgs“: Blinden- und Sehbehindertenbund kritisiert Verkehrsknotenpunkt

Von Marion Neumann · 5. Juni 2024 um 05:00

Drei Herzinfarkte hintereinander – so beschreibt Angelika Hierl das Gefühl, wenn sie die große Kreuzung am Cinemaxx ohne Begleitung überqueren soll. „Eigentlich bin ich total gerne in Regensburg“, sagt die Teublitzerin, „aber seit ich nichts mehr sehe, weiß ich nicht, wie ich hier rüberkommen soll.“

Genau aus diesem Grund hat Bettina Pichlmeier, Leiterin der Bezirksgruppe Oberpfalz des Bayerischer Blinden- und

Sehbehindertenbunds, die Stelle, an der Galgenbergstraße, Friedenstraße und Furtmayerstraße aufeinandertreffen, als „schlimmste Kreuzung der Stadt“ ausgewählt. Anlässlich des bundesweiten Sehbehindertentages 2024 am 6. Juni hatte der Dachverband dazu aufgerufen, auf besonders kritischen Verkehrspunkte aufmerksam zu machen.

„Busse, Autos, E-Roller und Fahrräder: An dieser Kreuzung kommt alles zusammen“, sagt Pichlmeier bei dem Vor-Ort-Termin am Nachmittag. Der Lärmpegel sei enorm, eine akustische Ampel und Leitlinien für Blinde und Sehbehinderte gebe es nicht. „Mit unserer Aktion wollen wir Bewusstsein schaffen“, erklärt die Bezirksgruppenleiterin in Richtung der Besucher.

Als blinder Mensch sehr gefährlich

Nicht nur Passanten sollen bei dem Termin in Begleitung mit Simulationsbrille und Blindenstock einen Gang über die Ampel wagen. Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Burger, der städtische Inklusionsbeauftragte Frank Reinel und Wolfgang Schumann, Verkehrssicherheitsbeauftragter der Regensburger Polizei, wurden zur Kreuzung geladen, um sich ein Bild der Lage machen.

Angelika Hierl nutzt die Gelegenheit, die Situation als Betroffene zu schildern. „Ich kenne die Kreuzung noch von früher, als ich noch gesehen habe. Aber jetzt wäre es selbst mit Mobilitätstraining unmöglich, sie ohne Hilfe zu überqueren. Es ist wahnsinnig laut und man müsste so viel beachten“, sagt sie. Schon alleine den Fahrradweg zu überqueren, sei als blinder Mensch gefährlich. „Wenn man nichts sieht, fallen so viele Informationen weg. Für Sehende ist es ganz schwierig, sich das vorzustellen“, fügt Hierl hinzu.

Stadtrat wagt den Selbstversuch

Um zumindest einen kleinen Eindruck davon zu bekommen, wie sich das Überqueren der Straße ohne Augenlicht anfühlen muss, wagt auch Stadtrat Thomas Burger den Selbstversuch. Mit verdunkelter Brille und Stock gelangt er dabei mit einer Begleiterin nur bis zur Mittelinsel, bis die Ampel schon wieder auf Rot umschaltet. Eine „sehr lehrreiche Erfahrung“, wie er im Nachhinein sagt. „Die Geräusche um einen herum nehmen einem jegliche Wahrnehmungen – und selbst sehr kleine Schwellen können schon zur Stolperfalle werden“, schildert er das Erlebnis. Sein Fazit deckt sich mit Hierls Wahrnehmung: „Ohne jemanden an meiner Seite hätte ich mich nicht rüber getraut.“

Burger will das Thema mit in den Stadtrat nehmen. „Als Maßnahmen könnte man überlegen, die Ampelphasen zu verlängern oder zunächst einmal einen Haltestreifen für den Radverkehr anzubringen.“ Andere Verkehrsteilnehmer für die Bedürfnisse Sehbehinderter und Blinder zu sensibilisieren, sei enorm wichtig.

Gelungene Beispiele gibt es

„Ich möchte damit nicht die Botschaft aussenden, dass alle rücksichtslos sind. Vielen ist vielleicht gar nicht bewusst, wie schwierig die Situation für Nicht-Sehende ist“, ergänzt er. Für Pichlmeier sind diese Aussagen schon ein großer Erfolg. „Natürlich wäre es wünschenswert, wenn diese Kreuzung tatsächlich umgebaut werden würde“, sagt sie.

Nach dem Besuch der schlimmsten Kreuzung geht es für die Gruppe deshalb noch zu einem anderen Verkehrsknotenpunkt, der Stadtplanern als Vorbild dienen kann – zur Kumpfmühler Kreuzung. Wo Kumpfmühler Straße, Friedenstraße, Kumpfmühler Brücke, Kirchmeierstraße und Bischof-Wittmann-Straße aufeinandertreffen, helfen sehbehinderten und blinden Fußgängern nach dem Umbau unter anderem lautstärken-gesteuerte Signalampeln und Leitlinien. „Diese Kreuzung kann man wirklich als gelungen betrachten“, sagt Pichlmeier.

Thomas Burger (2. v. l.), Wolfgang Schumann (3. v. l.) und Frank Reinel (vorne) trafen Bettina Pichlmeier (Mitte).
Angelika Hierl möchte die Kreuzung nicht ohne Begleitung überqueren.