Brotzeitkarte in Blindenschrift: Der Biergarten in Biburg setzt auf Teilhabe

Von Lucia Pirkl · 21. Juli 2025 um 19:00

Seltenheit in Bayern: Der Klosterbiergarten in Biburg hat jetzt eine besondere Speisekarte für Menschen mit Sehbehinderung. Die Umsetzung indes war nicht ganz einfach.

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Zwei Paar Würstl auf Kraut, ein Wurstsalat oder vielleicht doch lieber ein Brotzeitbrett? Sich einfach inspirieren lassen mit einem Blick in die Speisekarte? Für Franz Buchner unmöglich. Er ist von Geburt an blind. Wenn er ein Lokal besucht, dann muss er sich die Speisekarte entweder vorlesen lassen, charmant den Wirt fragen, was der empfiehlt oder sich mit einem Lesegerät behelfen, und das kann mitunter schon mal schwierig sein, wenn es sehr laut ist.

Im Biergarten in Biburg ist das anders. Denn dort braucht Buchner nur seine Finger und weiß nach wenigen Minuten, was auf der Speisekarte steht. Andere Biergärten haben behindertengerechte Toiletten. In Biburg setzt man noch eins drauf: Seit Kurzem gibt es hier eine Speisekarte in Brailleschrift. Am Eingang und im Biergarten selbst weist nun ein Schild darauf hin, dass es hier auch eine ganz besondere Speisekarte gibt. Und die wurde sogar schon nachgefragt, freut sich Biergartenbetreiber Martin Radspieler.

Klage über zu wenige Biergärten mit Braillekarten

Angestoßen hatten das Ganze Uwe Bopp und Buchner. Radspieler musste nicht lange überzeugt werden, als Bopp, selbst mitunter auf den Rollstuhl angewiesen und seit vielen Jahren mit Buchner befreundet, ihm die Idee unterbreitete.

„Eine Braillekarte, das gibt es fast nirgendwo“, so Buchners Erfahrung. Freilich, nicht jeder Blinde kann Braille lesen. Aber die, die es, wie Buchner, in der Schule gelernt haben, „lesen“ die Schrift, die aus sechs Punkten besteht, blitzschnell mit den Fingern.

So eine für den Biergarten in Biburg wäre eine feine Sache, waren sich also alle einig, aber wie das Ganze umsetzen? Buchner selbst hat zuhause einen speziellen Drucker, der Blätter in Brailleschrift ausdrucken kann, „ein sauteures Ding“. Zuvor muss das jeweilige Dokument, etwa in Word, über ein Umwandlungsprogramm „übersetzt“ werden.

Was als normale Speisekarte vielleicht sehr dünn ist, wäre in Brailleschrift so dick wie ein Katalog. „Du, das Ding wird ellenlang“, mahnte Buchner. Bilder und Grafiken flogen raus. Eurozeichen oder Kennzeichnungen mit hochgestellten Zahlen, wie beispielsweise zu Allergenen, die mussten ebenfalls weichen. Hier mussten die beiden „kreativ“ werden. So steht jetzt in der Braille-Version ganz vorne, dass die angegebenen Preise in Euro zu verstehen sind. Für den Laien ist die Speisekarte nur ein Heft mit weißem Papier und einzelnen Erhebungen. Für Buchner aber ist sie ein Stück mehr Selbstständigkeit. Er würde sich wünschen, dass so mancher Flyer in Apotheken auch in Brailleschrift ist, dass, trotz all guter Vorsätze, Barrierefreiheit noch ein bisschen besser im Alltag realisiert würde.

Speisekarten in Brailleschrift seien beileibe keine Selbstverständlichkeit, weiß auch Gundhild Heigl vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund. „Wir freuen uns natürlich sehr über diese Initiative und würden uns da mehr Nachahmer wünschen.“ Eine Speisekarte, die auch für Blinde geeignet ist, ermögliche denen auch mehr Selbstständigkeit und sei ein tolles Signal.

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Manchmal braucht es gar nicht viel für so ein Signal. Auch für die Radspielers war das alles erst einmal Neuland. Es ist noch gar nicht so lange her, da rüsteten die Radspielers den Biergarten um. Nun gibt es auch direkt im Biergarten Behindertentoiletten, der Weg dorthin wurde gepflastert, teilweise verbreitert. Nun kommt noch die Braille-Speisekarte dazu.

Was der besseren Teilhabe dient, ist freilich auch für die Wirtsleute, für die „Publicity“ allgemein nicht schlecht. Es scheint sich schon herumgesprochen zu haben, dass dieses schöne Fleckerl nun barrierefrei ist: „Es kommen jetzt viel mehr Gäste im Rollstuhl zu uns. Das macht natürlich Freude, wenn die Leute extra von weiter her kommen“, so Radspieler.

Gemeinsames Engagement in Biburg

Der Biburger Bopp ist sowieso Stammgast hier. Für ihn ist das Sensibilisieren für Barrierefreiheit eine Herzensangelegenheit – und zwar über den Biergarten hinaus. Seit vielen Jahren engagiert er sich zusammen mit anderen in einer Spielergemeinschaft mit dem SSV Biburg und dem TSV Offenstetten dafür, dass junge Kicker aus dem Cabrini-Haus mit anderen Kindern spielen und trainieren können, dass sie über Fahrgemeinschaften zum Training gebracht werden, auch, dass sie zusammen eine gute Zeit miteinander haben. „Auch Kinder mit Handicap mögen sporteln, Freundschaften schließen oder an einem Zeltlager teilnehmen“, so seine Erfahrung. Nicht selten aber gibt es Stolpersteine, die genau das verhindern. Und hier setzt ein digitales Tool vom Bayerischen Jugendring an, das Bopp schon getestet hat (siehe weiter unten). Auch Betreibern von Biergärten könnte das Tool im Übrigen wertvolle Hinweise liefern. Und damit die auch ein Stück weit mehr für Menschen wie Buchner oder Bopp öffnen.

Digitales Tool Inklusio-Mat hilft nicht nur der Jugendarbeit in Sachen Barrierefreiheit

Digital: Der Inklusio-Mat ist ein digitales Tool des Bayerischen Jugendrings (BJR), mit dessen Hilfe Einrichtungen, Träger und Jugendgruppen ihre Barrierefreiheit sichtbar machen und gezielt weiterentwickeln können. Das Label wurde vom BJR im Rahmen des bayernweiten Inklusionslabels „Jugendarbeit wird inklusiv“ entwickelt und wird von Aktion Mensch gefördert.

Kostenlos: Träger der Jugendarbeit und auch andere Institutionen oder Einrichtungen können mit dem kostenlosen Tool ihre Angebote auf Barrierefreiheit prüfen. Anhand gezielter Reflexionsfragen – von der Anreise über bauliche Zugänglichkeit bis hin zur pädagogischen Haltung – erstellt das Tool ein individuelles Inklusionslabel mit bis zu 17 Icons.

Barrierefrei: Für das Tool die Werbetrommel zu rühren, das fällt Uwe Bopp nicht schwer. Das neue Tool sei ein weiterer Schritt, um Akteure der Jugendarbeit auf mögliche Barrieren hinzuweisen – und sie ohne erhobenen Zeigefinger zu unterstützen, noch inklusiver zu werden. Genau das brauche es, betonte Bopp beim moderierten Talk im PresseClub in München, wo das Tool vor Kurzem vorgestellt wurde und Bopp über seine Erfahrungen berichten durfte.

Info: Mehr dazu gibt es auf www.bjr.de/handlungsfelder/inklusion/inklusio-mat