Ersthelfer für die Seele: Der BRK-Dienst „Mona“ kümmert sich um die, die am Einsatzort leicht übersehen werden

Von Martina Hutzler · 4. Juli 2025 um 05:00

Ein tragischer Unfall hat einst zur Gründung geführt – heute feiert der BRK-Kriseninterventionsdienst „Mona“ Geburtstag. Auch nach 30 Jahren wissen ausrückende Mona-Teams: Es wird schlimm werden – aber es wird gut sein, Betroffenen zu helfen.

Für drei Mädchen endete ein Rad-Ausflug in einer Tragödie: Als sie vor 30 Jahren von Ihrlerstein den Herzberg hinabsausten, stürzte eine, prallte gegen eine Betonmauer und verletzte sich so schwer, dass sie trotz aller Bemühungen starb.

Einem der Sanitäter fiel auf, dass die zwei Freundinnen völlig traumatisiert an der Unglücksstelle saßen. Er holte damals den BRK-Innendienst zu Hilfe. Und befand, dass man solch seelische Erste Hilfe doch planvoller organisieren könnte. So wurde Erich Stauber zum Initiator und langjährigen Leiter von „Mona“, der „Mobilen Organisation Notfallseelsorge & Anschlussdienste“.

Kelheim hatte damit die erst dritte Einheit dieser Art in Bayern, schildert Herbert Pügerl, seit 2017 der Fachdienstleiter. Der Kelheimer koordiniert mit seinen Stellvertreterinnen Melanie Pittner (Kelheim), Johanna Wöhrmann (Mühlhausen) und Patricia Röhrl (Ihrlerstein), die Einsätze – an die 140 jährlich! Alles läuft ehrenamtlich.

Angefordert wird „Mona“ durch die Integrierte Leitstelle, via Pager-App am Handy. Von der ILS erfährt Pügerl oder seine Stellvertreterin erste Details, die man den – in der Regel zwei – Team-Mitgliedern weitergibt, die zum Einsatz fahren.

Das sind oft schwere Unfälle, im Verkehr, bei der Arbeit, privat. Für Augenzeugen und Ersthelfer oft traumatisierend anzusehen. Deshalb bietet sich das Mona-Team als Gesprächspartner an; erklärt, was gerade passiert, vermittelt bei Bedarf weitergehende Hilfe. Ähnlich steht man den Angehörigen von Unfallopfern bei.

Zu ihnen nach Hause kommen die Mona-Ehrenamtlichen meist als Begleiter der Polizei. Um mit den Angehörigen zu warten und sie dann ins Krankenhaus zum Verunglückten zu begleiten. Oder um mit ihnen den Schmerz einer Todesnachricht auszuhalten.

Schreien, weinen, völliges In-sich-Kehren – jeder reagiert anders auf den Schock; manche verweigern sich der Nachricht komplett. Auch deshalb „raten wir den Angehörigen, wenn möglich zum Unfallort mitzukommen und bringen sie dort hin“, sagt Johanna Wöhrmann: Zu sehen, dass der Sohn, die Ehefrau, der Papa tot ist, ist schwer – „aber der erste Schritt des Begreifens und Verarbeitens“, bei Erwachsenen wie Kindern. „Es war gut, dortzusein“, hat Melanie Pittner von Angehörigen schon gehört.

Begleiter der Einsatzkräfte

Verstören kann auch ein medizinischer Notfall zuhause: etwa wenn ein Familienmitglied reanimiert werden muss. Dann sind die Rettungskräfte froh, wenn „Mona“ die Angehörigen an der Hand nimmt, stützt.

Manche Einsätze dauern Tage, etwa Vermissten-Suchen oder Katastrophenfälle. Die Flutwelle 2021 im Ahrtal, mit 135 Toten und zig zerstörten Existenzen, sie hat sich dem Kelheimer Mona-Team ins Gedächtnis gebrannt, das mit Teams aus ganz Deutschland den Betroffenen zu Hilfe kam; es wurden eigens Zentren eingerichtet für die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) – so heißt die Arbeit von „Mona“ mittlerweile offiziell.

Sie koordinieren das BRK-"Mona"-Team: Fachdienstleiter Herbert Pügerl und seine Stellvertreterinnen Melanie Pittner (re.), Johanna Wöhrmann und (nicht im Bild) Patricia Röhrl - Foto: Hutzler

Die aktuell 25 Kelheimer Aktiven haben die BRK-Grundausbildung durchlaufen sowie die mehrtägige PSNV-Fachausbildung. Man sei „ein enges Team, in dem die Chemie stimmt“, sagt Melanie Pittner. Monatlich trifft sich die Gruppe und arbeitet dabei auch Einsätze auf. Zwei Mal im Jahr – und wenn nötig „akut“ – gibt es eine Supervision mit einer Psychologin. Beim jährlichen Fachkongress in Innsbruck bildet man sich weiter.

Viele Strategien, ein Ritual

So sei das Team gut gewappnet für die Einsätze, die ja doch auch belasten. „Insbesondere dann, wenn man Parallelen zur eigenen Familie oder Lebenssituation sieht“, sagt Herbert Pügerl. „Jeder hat so seine eigene Bewältigungsstrategie“, schildert Johann Wöhrmann: Gassigehen mit Hund, joggen, aufs Fernseh-Sofa verkrümeln. Ein Ritual pflegen alle: nach Einsatzende die Dienstkleidung abzulegen. Und so das Erlebte allmählich loszulassen, ergänzt Melanie Pittner.

Die Langzeitbetreuung von Betroffenen ist nämlich explizit nicht Aufgabe; da vermittle man bei Bedarf an Anschlussdienste wie Hospizverein, sozialpsychiatrischen Dienst. Aber mancher Einsatz erlebt ein bewegendes „Comeback“.

Mitunter melden sich Betreute nach einiger Zeit, um für die Hilfe zu danken; viele tun dies auch bei der jährlichen „Mona“-Gedenkfeier für ehemalige Betroffene. Und wenn man gar von einem vermeintlich Unbekannten umarmt wird, der für einen Jahre zurückliegenden Mona-Einsatz dankt, dann, so Herbert Pügerl, „ist das ein Lohn, der allen Aufwand aufwiegt!“

Zahlen & Daten zu „Mona“

Das Mona-Team besteht derzeit aus 25 Aktiven, quer über den Landkreis verteilt; es ist auch alters- und berufsmäßig breit aufgestellt. Es gehört als Fachdienst zum BRK-Kreisverband Kelheim. Bei Alarmierung per App meldet sich, wer ausrücken kann, beim Dienstleiter. Er oder sie schickt dann ein Team los.

Die (überwiegend weiblichen) Aktiven sind alle ehrenamtlich tätig. Ausbildung, Dienstkleidung und das Mona-Einsatzfahrzeug, in dem man z.B. am Unfallort Angehörige betreuen kann, werden vom BRK gestellt. Dazu tragen auch viele Spenden bei, z.B. von Firmen, Jubilaren, Firmgruppen etc.

Herbert Pügerl zeigt das Fahrzeug von "Mona", das bei Bedarf an den Einsatzort geschickt wird. Darin können die Ehrenamtlichen zum Beispiel Angehörige am Unfallort betreuen. - Foto: Hutzler