Warum in dieser Kelheimer Firma der Chef nicht ausflippt, wenn der Arbeitnehmer mal nicht kommt

Flexibilität, Empathie und Perspektiven: Das bietet seit 20 Jahren die Carida in Kelheim. Beschäftigte verraten, was ihnen ihre Jobs bedeuten.
In dieser Kelheimer Firma flippt der Chef nicht gleich aus, wenn sich bei Arbeitnehmern Fehltage häufen oder sie ohne Begründung fernbleiben. Aus gutem Grund – denn die Carida ist eine Firma mit besonderem Auftrag. Seit 20 Jahren.
Bei der Carida zu sein, ist für Thomas Stein „der Jackpot“, sagt der 56-Jährige. Er war viele Jahre als Brauer tätig. Bis Depression und eine Suchterkrankung den sogenannten „normalen“ Arbeitsalltag unmöglich machten. Nach Entzug und Co. arbeitet der Kelheimer seit einem halben Jahr in der Holz-Werkstatt des Sozialunternehmens der Caritas. „Holz ist mein Ding“, sagt er. „Die Arbeit hier ist genau das, was ich gebraucht habe. Ich bin glücklich und zufrieden.“
Stärken und Schwächen
Thomas Stein ist einer von etwa 90 Frauen und Männern, die bei der Carida beschäftigt sind. Die Holz-Werkstatt ist ein Arbeitsfeld von vielen. Denn die Carida will möglichst vielen Stärken und Schwächen seiner Arbeitnehmer gerecht werden, sagt Caritas-Vorständin Tina Rosenhammer. Hauptsächlich richte sich das Angebot an Menschen mit psychischer Erkrankung. Aber nicht nur. Es gibt auch Mitarbeitende ohne Handicap.

Vor 20 Jahren hatte Rosenhammer mit einer Kollegin in Teilzeit und an einem Schreibtisch, den sie sich teilten, begonnen, das Projekt zu realisieren. Denn damals gab es zwar Beratungs- und auch Wohnangebote, aber nichts, dass Betroffenen eine feste Tagesstruktur bot.
Mittlerweile gibt es neben der Holzwerkstatt in dem inklusiven Unternehmen einen Montage- wie auch einen Gartenservice. Carla, den Kleiderladen. Einen Hauswirtschaftszweig, der Senioren zuhause unterstützt. Manche Beschäftigte arbeiten nur ein paar Stunden, andere Vollzeit.
Der wohl bekannteste Zweig dürfte der Altstadt-Supermarkt „Nahkauf“ sein. Er belebte 2005 die Räume des früheren Netto-Markts. Seither hat hier so mancher junge Mensch seine Ausbildung gemacht und anschließend eine Stelle erhalten.
Mit Lire und Schilling fing alles an
Tanja Hackl ist eine Mitarbeiterin der ersten Stunde. Die 44-Jährige hat schon vieles bei der Carida gemacht. Angefangen hatte es in den Jahren nach der Euro-Umstellung mit dem Sortieren von europäischem Münzgeld. Da landeten säckeweise Lire, Schilling oder Francs in Kelheim. Heute arbeitet Hackl in der Wäscherei, aber auch wenn sie im Carimarkt gebraucht wird, springt sie ein. Beim Einräumen der Regale oder wie vergangenen Samstag als Rewe-Maskottchen.

Für die alleinerziehende Mutter ist die Arbeit wie für sie gemacht, sagt sie. Die Arbeitszeit lasse sich flexibel gestalten. Zudem kann sie Überstunden aufbauen und sie – wenn nötig, etwa in den Ferien – wieder abbauen. Flexibilität kann aber auch ganz anders aussehen. „Wer nach einer Stunde nicht mehr kann, geht heim. Ohne, dass das ein Problem ist“, sagt Betriebsleiterin Annika Möhring.
Im Hinterhof der Donaustraße 12 liegt die Holzwerkstatt. Hier baut Thomas Stein Holz-Spielzeug, das sie beim Kunsthandwerkermarkt im September verkaufen wollen. Auch viele Schilder fertigen sie dieser Tage. Mit dem Lötkolben brennt der 56-Jährige launige Sprüche ein oder Worte wie „Lieblingsplatz“.
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„Der Druck ist nicht da“
Zu seinem persönlichen Lieblingsplatz ist diese Werkstatt geworden. Weil mit dem „Chef“ alles passt. Aber auch, weil er nicht „hierher muss“, wenn es ihm mal nicht gut geht. Das sei das Gute an der Carida. „Der Druck ist nicht da.“
Der „Chef“ ist in Steins Fall Stefan Oßner. Der sagt über seinen Job als stellvertretender Carida-Betriebs- und Teamleiter: „Flexibel muss man sein. Es braucht immer einen Plan B oder C.“ Diese Einschätzung teilt Nahkauf-Marktleiterin Ludmila Weber. Sie ist schon lange im Einzelhandel. Seit 2021 arbeitet sie als Anleiterin und Ausbilderin bei der Carida. Zum einen sei ihr Alltag gar nicht so viel anders, als beim früheren Arbeitgeber, sagt sie. Auch hier muss sie „auf das Wirtschaftliche schauen“.

Andererseits ist es aber doch anders. Man müsse viel individueller auf die Mitarbeiter eingehen und oft geht es über den Job hinaus. „Wir helfen auch bei Behördenkram, springen bei Notfällen mal als Fahrdienst ein oder füttern die Katze, wenn jemand auf Reha ist“, sagen Möhring und Oßner. „Wir sind wie eine Familie, wir können über alle Themen reden“.
Manchmal allerdings muss Tina Rosenhammer ihre Kollegen beim Helfen einbremsen. „Wir können nicht 24 Stunden für die Leute da sein.“ Für Stefan Oßner lohnt sich sein Job, weil er „mit der Zeit merkt, wie sich die Leute verändern, welche Entwicklung sie machen“. „Und dass sie gerne herkommen und Wertschätzung erfahren“, sagt Annika Möhring. Bei der Carida können sie den Menschen die Zeit geben, die sie brauchen. „Ein regulärer Betrieb kann das meist nicht.“
Bei Carida steht der „Mensch im Fokus“
• Am 16. Juli feiert die gemeinnützige Carida GmbH 20-Jähriges, das Tageszentrum CaTze wird 15. An die 90 Frauen und Männer sind heute bei der Carida beschäftigt.
• Das Sozialunternehmen der Caritas gibt vor allem Menschen mit psychischer Erkrankung Beschäftigungsmöglichkeiten. Per Gesetz gehört das inklusive Unternehmen zum „1. Arbeitsmarkt“. Dennoch läuft bei der Carida vieles anders. Denn der Fokus liegt „auf dem Menschen“, so Tina Rosenhammer.
• Der bekannteste Zweig dürfte der 2005 eröffnete Carimarkt (Nahkauf) in der Altmühlstraße sein. Zum Team gehören neben der Marktleiterin acht Beschäftigte. Zudem gibt es einen Montage- oder Gartenservice, Carla, den Kleiderladen und einiges mehr.
• Cantina & Co. zählte von 2014 bis 2018 ebenfalls dazu. Doch auch bei der inklusiven Firma spielt Rentabilität eine Rolle. Weil sie nicht gegeben war, wurde der Gastro-/Geschenkeladen wieder aufgegeben.