Familientradition endet: Kelheim verliert seine letzte Altstadt-Apotheke

Von Beate Weigert · 2. September 2025 um 19:00

Christine und Klaus Schlegl hören demnächst auf. Kelheims letzter Innenstadt-Apotheker hatte noch ein weiteres spannendes Berufsleben – vor der Pharmazie flog er Kampfjets.

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62 Jahre war die Apotheke in der Familie. In Kürze sperren Klaus und Christine Schlegl ihr Geschäft in der Kelheimer Altstadt zu. Damit schließt die letzte Apotheke in der Innenstadt.

Viele Kunden und auch ehemalige Mitarbeiter schauen dieser Tage noch einmal vorbei. Am Samstag stand „die erste Angestellte meines Vaters“ im Geschäft, sagt Christine Schlegl, die als Pharmazeutisch-Technische Assistentin (PTA) mit ihrem Mann die Ludwigs-Apotheke führte. Ihr Metier war vor allem das Labor. Nun muss auch dieses bald aufgelöst werden.

Ein Herrnsaaler offenbarte Schlegls kürzlich seine langjährige Treue zur Ludwigs-Apotheke. „Ich komme schon seit 85 Jahren“, so der Mann. Das geht sich doch gar nicht aus? Doch, das tut es, versicherte der 90-Jährige, der bereits als kleiner Knirps mit den Eltern kam.

Schwiegervater öffnete 1963

1963 hatte Christine Schlegls Vater Dieter Kürzdörfer die Ludwigs-Apotheke übernommen. „Er war eine Institution, bekannt für Homöopathie. Sogar Tiermedizin stellte er her“, sagt Klaus Schlegl. Zuvor hatte Apotheker Bohn die Kelheimer mit Arzneien und Tinkturen versorgt. Und vor ihm soll es an der Ecke Brunngasse/Ludwigstraße die Drogerie Haeffner gegeben haben.

So sah die Apotheke in den 1960ern aus, als sie noch Klaus Schlegls Schwiegervater Dieter Kürzdörfer führte. Nur was es mit dem Underberg-Werbeschild neben dem Schaufenster auf sich hatte, ist dem Kelheimer Apotheker schleierhaft. - Foto: Fotosammlung Familie Schlegl

Klaus Schlegl zeigt eine Schwarz-Weiß-Fotografie des Hauses aus den 1960ern. Die Fensterläden an den oberen Fenstern gibt es heute noch. Nur, was es mit dem Underberg-Werbeschild neben dem Schaufenster auf sich hatte, bleibt ein Rätsel. „Keine Ahnung, was es damit auf sich hatte...“ Manchem möge der Kräuter-Schnaps wie Medizin vorkommen. In der Apotheke gab es den aber auch um 1963 nicht zu kaufen.

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Ab 2001 führte Klaus Schlegl die Apotheke seines Schwiegervaters alleine fort. Eigentlich war eine längere gemeinsame Zeit geplant gewesen. Doch Kürzdörfer musste wegen einer Erkrankung das Arbeiten aufhören. Auch diese Erfahrung ließ Christine und Klaus Schlegl im November 2024 bewusst die Entscheidung zum Aufhören treffen. „Jetzt sind wir noch fit. Bei meinem Schwiegervater haben wir gesehen, wie schnell es sein kann, dass sich Pläne, die man für den Ruhestand hat, nicht mehr realisieren lassen.“

Er flog die Phantom

In der Pharmazie war der Klaus Schlegl ein „Spätberufener“, verrät er. Zunächst hatte der gebürtige Pfälzer bei der Luftwaffe angeheuert. Als Berufsoffizier flog er den Kampfjet Phantom. Obwohl er mit „Leib und Seele“ dabei war, kündigte Schlegl 1992 und schrieb sich für ein Pharmazie-Studium ein. Er wollte auch ein Familienleben und nicht alle paar Jahre umziehen, sagt er. Ab 1998 griff er seinem Schwiegervater in Kelheim unter die Arme.

Kampfjet-Pilot wie Apotheker – beides hatte viel mit Menschen zu tun und das schätzte Klaus Schlegl in seinen Berufen am meisten, sagt er. Nur einmal machte seine Apotheke „Bekanntschaft“ mit ungebetener Kundschaft. Vor zehn Jahren suchten sich Einbrecher die Ludwigs-Apotheke aus. Danach nahm die Polizei Fingerabdrücke, „wie im Krimi“.

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Auch Klaus und Christine Schlegl machten sich mit ihrer Apotheke einen Namen in Homöopathie und Spagyrik. Bei Letzterem ging es um das Herstellen spezieller Essenzen aus Heilpflanzen, die die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren sollen. Bei so manchem Betroffenen hätten die Tropfen gut angeschlagen, etwa gegen Arthrose. „Ich konnte dem Kunden nur vorab nicht versprechen, dass es auch bei ihm wirkt“, so Schlegl zu dem Verfahren der Alternativmedizin. Bei vielen sei es aber so gewesen.

Ob er heute wieder Pharmazie studierte? Nein, auch seinen Kindern habe er davon abgeraten, sagt Schlegl. Die Arbeit mit Patienten und Kunden „ist toll“, aber, was sich inzwischen im Hintergrund abspiele, „macht keinen Spaß mehr“. Bürokratie, Kostendruck, Personalsituation. Seit gut einem Jahr gibt es das E-Rezept. „Wenn es funktioniert, ist es super.“ Aber oft verursache es Mehrarbeit und ältere Kunden seien damit überfordert.

Auch am Standort „Innenstadt“ hat sich seit 2001 vieles verändert. „Ärzte sind Frequenzbringer“, sagt Schlegl. Doch sechs Mediziner kehrten in den vergangenen 24 Jahren der Altstadt den Rücken, nur eine Fachärztin kam hinzu. Andere Geschäfte folgten. Auch keine eigenen Parkplätze seien ein Manko. Immerhin gab es zuletzt 30-Minuten-Parkplätze vor dem Haus.

Vor allem für ältere Kunden, die aktuell teils bis aus dem Mitterfeld noch mit dem Rollator zu Fuß zur Apotheke kommen, bleibe die große Frage, wo gehen sie künftig hin? „Die Kollegen, die verbleiben, werden noch mehr Medikamente ausfahren müssen“, sagt Schlegl.

Am 20. September, 12 Uhr, ist in der Ludwigs-Apotheke Schluss. Zwei Apothekerinnen arbeiteten künftig bei Kollegen. Drei PTAs gehen mit den Chefs in Ruhestand. Die freuen sich auf die „neue Freiheit“ und sind gespannt, wie das Leben zuhause sein wird. 2026 schaffen sie es vielleicht auch mal zum Politischen Gillamoos. Bislang waren sie da immer arbeiten.

So viele Apotheken gibt es künftig noch im Landkreis Kelheim

• Gesamtzahl: Pro Woche schließen in Bayern fast drei Apotheken, sagt Klaus Schlegl. Auch im Kreis Kelheim schreitet das Apotheken-Sterben voran. Am 31. Juli 2020 gab es noch 25 Apotheken, heißt es auf Nachfrage vom Landratsamt. Ende Juli 2025 waren es 20. Ab 21. September werden es noch 19 sein.

• Schließungen: In der Kreisstadt schlossen 2024 zwei Apotheken. Im März gingen in der Staren-Apotheke in der Bauersiedlung die Lichter aus, im Mai in der Stadtapotheke in der Donaustraße. Bereits einige Jahre zuvor hatte die Ratsapotheke zugesperrt.