Spritzen im Blumenbeet und Kot im Eck: Regensburger Gasse laut Anliegern „Brennpunkt“

Vandalismus, Drogendeals und Raufereien: Anlieger der Straße „Am Königshof“ zwischen Maxstraße und Dachauplatz sorgen sich hier um einen neuen Brennpunkt in Regensburgs Innenstadt. Suchthelfer sehen eine Verlagerung vom Bahnhofsumfeld hierher, Gastronomen, Händler und die IHK hoffen auf Besserung – und installieren selbst schon Sicherheitsvorkehrungen.
Es ist der 18. August um 15.15 Uhr: Simone Heuberger geht zu ihrem Anwohnerparkplatz und bekommt einen Schreck. Halb versteckt hinter einem Roller sitzen zwei junge Leute am Boden, einer davon hat noch eine Nadel im Arm stecken. Eine Woche später stellt Simone Heuberger zwei Mädchen bei einem Drogendeal zur Rede. Zuvor hatte sie schon Dealer verjagt, die auf ihrem Fensterbrett mitten am Tag ein Buffet an Päckchen und eine Waage aufgebaut haben. Wenn es auch so klingen mag: Simone Heuberger ist keine Berlinerin und das hier sind keine Szenen aus dem Görlitzer Park – nein, Heuberger ist Wirtin und die Vorfälle, von denen sie erzählt, sind alle heuer passiert in einer idyllischen Regensburger Gasse. Nun schlagen die Anlieger Alarm.
„Seit letztem Jahr ist es schlimm geworden, wirklich ein Brennpunkt“, sagt Simone Heuberger, Wirtin der Alten Kuchl, einem urigen Wirtshaus mit Garten mitten in der schmalen Straße „Am Königshof“. Wenige Bürger nutzen den kleinen Schleichweg zwischen Maximilianstraße und Dachauplatz (über die dortige Drogen-Situation berichteten wir bereits am Freitag), doch ein gewisses Klientel sorgt laut Anwohnern zunehmend für Probleme. Von lautstarken Schlägereien ebenso wie offenen Drogendeals hört man von den Mitarbeitern der dortigen Arztpraxis ebenso wie vom Afro-Shop, der IHK, dem indischen Lokal Ganesha und eben Simone Heuberger. Lange ist es nicht her, dass ihrem Mann beim Schneiden des Efeus ein Messer und eine Spritze entgegengekommen sind. Ein Einzelfall war das nicht.

„Es ist eine Katastrophe“, sagt Patience Schmidt vom Afro-Shop neben der Alten Kuchl. Ihr Mann kramt sein Handy heraus und zeigt ein Foto her, das er vor zwei Wochen vier Meter neben dem Ladeneingang gemacht hat. Zu sehen ist ein brauner Klecks am Boden – auf eine bildlichere Beschreibung soll an diesem Punkt verzichtet werden. „Einfach hingekackt“, sagt er, schüttelt den Kopf und ergänzt, dass es nicht das erste Mal war. „Wir sind hier seit 16 Jahren. Früher war das nicht so“, sagt Patience Schmidt. Seit Anfang dieses Jahres sei es besonders schlimm, sagt sie und zählt Vorfälle auf. Abgeplatztes Holz an der Ladentür zeugt noch von einem (zum Glück fehlgeschlagenen) Einbruchsversuch vor rund zwei Monaten. An einem Pfosten angekettet steht das Kinderfahrrad von Patience Schmidts Sohn. Seit einem Monat hat es kein Vorderrad mehr. Die Liste geht weiter und weiter.
„Spritzen direkt im Blumenbeet“: IHK baut Sicherheitstor
Für die IHK, deren Zentrale hier liegt, sorgte die Lage für Sicherheitsbedenken für Mitarbeiter und Besucher, teilt ein Sprecher mit. „Es kam im Bereich der Römermauer, die direkt an unser Grundstück angrenzt, gehäuft, teils mehrmals die Woche zu Drogenvorfällen, mitunter wurden Spritzen direkt in einem Blumenbeet bei uns entsorgt. Auch Schmierereien und andere Sachbeschädigungen waren an der Tagesordnung.“ Im Dezember wurde schließlich ein Zugang, der oft als öffentlicher Fußweg genutzt wurde, mit einer Toranlage verschlossen. „Gerne würden wir den Durchgang wieder freigeben, um zum Beispiel Schulklassen einen Spaziergang an der historischen Römermauer zu ermöglichen – leider ist das bei der derzeitigen Lage nicht möglich, was wir zutiefst bedauern.“
Nachfrage bei der Stadt Regensburg: „Dem Kommunalen Ordnungsservice ist die Lage im Bereich Am Königshof hinlänglich bekannt“, teilt Sprecherin Juliane von Roenne-Styra mit. Daraus würden „die notwendigen, einsatztaktischen Konsequenzen gezogen“. So werde der Bereich „intensiv bestreift“, eine dauerhafte Überwachung oder eine Intensivierung der Kontrollen seien aber personell nicht umsetzbar. Die Polizeiinspektion Regensburg Süd wiederum teilt mit, die Örtlichkeit „im Blick“ zu haben, jedoch keinen expliziten Brennpunkt zu sehen. Dennoch sei die Polizeipräsenz Ende 2024 erhöht worden, wodurch sich seitdem die Zahl der Kontrolldelikte verdoppelt habe. Drogenutensilien würden immer wieder gefunden, heißt es weiter.
Die Stadt baue laut Sprecherin zudem auf die Caritas-Streetworker. Denen ist der neue Brennpunkt bekannt als scheinbarer Alternativort für das stärker kontrollierte Bahnhofsumfeld und den nun mit Kameras ausgestatteten Schwammerl-Park. Bereits früher hatten Drogenhelfer zu bedenken gegeben, dass stärkere Kontrollen am einen Ort nur eine Verlagerung an einen anderen nach sich ziehen würden.
Ganesha-Gastronomen: Ort entwickelt sich negativ

Apropos Kameras: Auf Überwachungstechnik für ihren Privatgrund wollen nun auch die Inhaber des Restaurants Ganesha setzen. „Seit einem Jahr ist es schlimm geworden. Ich habe zwei Kinder, da hat man einfach Angst“, sagt Betreiberin Shivani Pathania. Ihrem zwölfjährigen Sohn seien schon harte Drogen angeboten worden, sagt sie. Vor einem Monat wurde eine Scheibe ihres Auslieferfahrzeugs, das Am Königshof parkt, eingeschlagen – Schaden: 1200 Euro. Erst Ende Juli hatte der Mann von Simone Heuberger jemanden bei einem mutmaßlichen Einbruchsversuch in das Auto ertappt und so Schlimmeres verhindert. Als wiederum vor einem Jahr ein Mann am Gatter der Kuchl randalierte, holte sich die Wirtin Hilfe vom Afro-Shop. „Wir halten hier zusammen“, sagt sie.
So viel wie die Anlieger mitbekommen, so wenig wissen Passanten davon. Sie nutzen die eigentlich wunderschön idyllische Gasse am Altstadtrand, junge und alte Menschen, Familien, Fahrradtouristen auf dem Weg zum nächsten Biergarten. „Unsere Gäste kriegen davon eigentlich fast nie etwas mit“, sagt Simone Heuberger. Allerhöchstens höre man mal lautstarke Streits oder es ziehe mal Marihuana-Geruch in den Biergarten. „Dann gehe ich raus und schicke die Leute ein Stück weiter. Die Kiffer sind ok, die sind eigentlich immer nett oder entschuldigen sich sogar“, sagt Heuberger. Probleme habe sie aber mit Vandalismus und harten Drogen. Am Anfang habe sie noch lachen können über unbeholfene Drogendeals oder Leute, die Büsche als Tote Briefkästen für Drogen nutzen. „Aber irgendwann denkst du nur noch, du bist in einem schlechten US-Film, ehrlich.“