Knochen in der Breite Straße werfen ein neues Licht auf die Geschichte von Schwandorf

Von Johannes Hartl · 28. August 2025 um 19:00

Es war die Überraschung schlechthin: Bei Wasser- und Fernwärmearbeiten in der Breite Straße taten sich im Mai nicht nur Überreste einer historischen Mauer auf, sondern auch zahlreiche Knochenfunde. Rund 70 Gräber, die sich über knapp 80 Meter erstreckten, kamen zum Vorschein. Inzwischen liegen neue archäologische Erkenntnisse vor – und die werfen ein ganz neues Licht auf die Geschichte von Schwandorf.

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Ein Dienstagvormittag in der Breite Straße: Zwischen Neubäckergasse und Rathausstraße laufen die Arbeiten an der Wasser- und Fernwärmeleitung. Nur wenige Meter von der Baustelle entfernt steht Dr. Christoph Steinmann, Gebietsreferent beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Der Archäologe hat neue Erkenntnisse im Gepäck, was die Knochenfunde angeht, die Mitte Mai überraschend freigelegt wurden. Mitarbeiter der Firma ArchDienst waren darauf gestoßen, als sie routinemäßig die Wasser- und Fernwärmearbeiten begleiteten.

Insgesamt kamen in der Breite Straße 70 Gräber zum Vorschein, wie Steinmann berichtete. Sie erstreckten sich über eine beachtliche Länge von etwa 80 Metern. Längst nicht mehr in allen Gräbern sind die Archäologen fündig geworden. Weil der sauere Boden den kalkhaltigen Knochen durchaus zu schaffen machte, haben sich viele Überreste wohl aufgelöst, sagte Steinmann. Doch in 15 Gräbern stießen die Archäologen tatsächlich auf Knochen.

Funde in Schwandorf waren eine große Überraschung

Der Fund war eine große Überraschung. Völlig unerwartet sei das gewesen, sagte Steinmann. Bisher gab es nämlich keine Hinweise, dass sich in der Breite Straße überhaupt Gräber befanden. Und es war längst nicht die einzige Überraschung: Wie sich bald herausstellte, haben die Knochen nämlich ein stolzes Alter. Sie sollen mehr als 1200 Jahre alt sein, hieß es bereits Ende Mai. Nun haben naturwissenschaftliche Analysen diese Annahme bestätigt.

Freut sich über die Funde: Dr. Christoph Steinmann vom Landesamt für Denkmalpflege. - Foto: Johannes Hartl

Eine C14-Datierung habe ergeben, so Steinmann, dass die Knochen wohl aus dem 9. Jahrhundert stammen. Die wahrscheinlichste Zeitspanne sei zwischen den Jahren 821 und 896 nach Christus. „Das passt sehr gut zu den Funden“, sagte Steinmann. Die meisten der Personen, deren Überreste freigelegt wurden, seien zwischen 25 und 40 Jahre alt geworden – nur einer dürfte älter gewesen sein. Zudem wurden die Überreste von einem Kind und zwei Jugendlichen freigelegt. Auch Grabschmuck kam teilweise zum Vorschein.

Mehr zur Vorgeschichte rund um die Skelette lesen Sie hier: Gefundene Skelette in Schwandorf sind gut 1200 Jahre alt - Ist die Stadt älter als gedacht?

Das Besondere daran: Die Funde sind deutlich älter als die erste schriftliche Erwähnung von Schwandorf um das Jahr 1006. Auch für die Archäologen ist dies ein spannender, nicht alltäglicher Fund. Steinmann selbst geht davon aus, dass es bereits früher eine Siedlung gegeben haben muss, die irgendwo zwischen der Breite Straße und der Naab lag. Meistens befanden sich Gräber damals nämlich etwas abseits von Siedlungen.

Es sei jedenfalls nicht unüblich, dass ein Ort bereits länger existiere, bevor dieser erstmals erwähnt werde, so Steinmanns Einschätzung. Ähnlich sieht es die Stadt Schwandorf. „Die Funde bestätigen die Vermutung, dass in Schwandorf schon lange vor der ersten urkundlichen Erwähnung – um das Jahr 1006 – bereits Menschen lebten und die Urzelle der späteren Stadt Schwandorf dem Bereich um die Breite Straße zuzuordnen ist“, sagte der städtische Pressesprecher Andreas Hofmeister.

Historische Mauer diente wohl der Verteidigung von Schwandorf

Auf die Stadtgeschichte werfen die Funde daher durchaus ein neues Licht. Wenig überraschend also, dass die Stadt laut Steinmann bereits Interesse an manchen Fundstücken angemeldet hat. Eines Tages könnten diese vielleicht sogar in der Großen Kreisstadt ausgestellt werden. Allerdings dürfte es dann eher um Fundstücke wie beispielsweise die doppelte Glasperle gehen, die im Boden entdeckt wurde. Die Knochen selbst werden hingegen nicht ausgestellt – sie werden wohl in der Staatssammlung für Anthropologie München archiviert werden.

Auch auf eine Mauer waren die Archäologen bei ihren Grabungen gestoßen – sie ist allerdings jünger als die Gräber. Dieser Fund erstreckt sich über große Teile der bisherigen Baustelle und hat eine Länge von weit über 100 Metern, wie Steinmann vor Ort berichtete. Zunächst gingen die Archäologen davon aus, dass es sich möglicherweise um die Fundamente für Schlachtbänke gehandelt haben könnte. Das wäre zumindest nicht unlogisch gewesen, schließlich hieß die Breite Straße früher Saugasse, weil dort regelmäßig Schweine durchgetrieben wurden.

Das haben wir bisher noch nie gehabt.

Dr. Christoph Steinmann vom Landesamt für Denkmalpflege über die Mauerreste

Inzwischen ist aber klar, dass es sich wohl eher um eine Verteidigungsmauer handelt. Mit der eigentlichen Stadtmauer, die etwa 70 Meter weiter südlich liegt, soll diese jedoch nichts zu tun haben. Steinmann sprach auch hier von einem Fund, der „ganz spannend“ sei. „Das haben wir bisher noch nie gehabt.“ Doch was genau es nun mit dem Bauwerk auf sich hatte, ist bisher noch immer eine große Unbekannte. „Da sind wir noch nicht so wirklich weiter“, sagte Steinmann. Die Überreste der Mauer wurden dokumentiert, werden künftig aber nicht mehr sichtbar sein.

Unterdessen liegen die Arbeiten in der Breite Straße im Zeitplan. Der erste Abschnitt, gelegen zwischen der Bahnhofstraße und der Neubäckergasse, ist bereits abgeschlossen. Nun wird im Bereich bis zur Rathausstraße gearbeitet. Die Städtische Wasser- und Fernwärmeversorgung geht nach wie vor davon aus, dass die Arbeiten bis Mitte/Ende November 2025 fertig sind, hieß es auf Nachfrage. Die Stadt betonte zudem, dass während der Arbeiten alle Gebäude und Geschäfte fußläufig erreichbar bleiben. Auch die Archäologen rechnen derzeit zumindest nicht mit weiteren Gräberfunden.