Zwei Prozesse geplatzt: TikTok-Anwalt versäumt Gastspiel vorm Landgericht in Regensburg

Erst fehlt ein Angeklagter, dann erscheint ein Verteidiger nicht. Der Freiburger Jurist, der sich für den Prozess quasi in letzter Minute abmeldete, vertritt bekannte Größen der Nazi-Szene – und sollte eigentlich für einen Studenten (27) aus Cham kämpfen, der betrunken ein anderes Auto rammte und floh. Nun gibt es ein „Nachspiel“.
Ohne den Angeklagten geht es vor Gericht nie. Was es mit den Drinks, die ein Mann aus Polen in einem Regensburger Club vor mehr als zwei Jahren mit einem falschen Fünfziger zahlte, auf sich hatte, blieb daher vorerst offen. Er hatte die über 1000 Kilometer lange Anreise aus einem kleinen Dorf im Norden des Nachbarlandes wohl gar nicht angetreten. Nur eine Tür weiter platzte am Landgericht dann ein zweiter Prozess – weil es ohne Anwalt auch nicht geht.
Ein in Nazi-Kreisen bestens vernetzter und nicht unumstrittener Jurist aus Freiburg, der mit Videos auf TikTok und Instagram unzählige Likes sammelt und so wohl auch Mandanten generiert, hatte sich kurzfristig entschuldigt. Dass er den Termin in Regensburg nicht wahrnehmen kann, erfuhr man erst 83 Minuten vor Verhandlungsbeginn. Für den Angeklagten aus dem Raum Cham blieb das am Ende ohne Folgen – im Gegensatz zu dem Polen, den Strafverteidigerin Agathe Kerscher vertritt.
Angeklagter schrieb Brief zur Anklage
Dass der wegen Geldfälschung und Betrugs angeklagte Mann aus Polen nicht erscheinen würde, hatte sich bereits abgezeichnet. Richter Killinger verzichtete wohlwissend auf eine Vereidigung des Dolmetschers, weil „niemand da ist, für den sie übersetzen könnten“. Die Anklage habe den Mann im September 2024 noch erreicht. Darauf sei sogar ein Brief ans Schöffengericht gegangen. Danach sei der Kontakt zu dem Mann jedoch abgebrochen, so der Richter.
Auch bei seiner Anwältin aus Straubing hatte der Pole sich nie gemeldet. Obgleich sie ihm „sicherheitshalber auf polnisch und deutsch geschrieben hatte“, wie Kerscher versicherte, „mehrfach sogar“. Am weiteren Verlauf vermochte auch sie dann nichts mehr ändern: Sollte die Polizei seiner habhaft werden, droht ihm Gefängnis. Denn er wird in anderer Sache bereits seit November per Haftbefehl gesucht. Gegen ihn ist eine Strafe zur Vollstreckung offen; wohl aus einer früheren Verurteilung, seiner ersten in Deutschland.
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Anders scheint das Leben dieses Mannes in seiner Heimat verlaufen zu sein: Sein dortiges Strafregister „ist beeindruckender“, deutete Richter Killinger am Rande des Prozesses an, der schon um 9.16 Uhr offiziell platzte. Laut neuen Recherchen der Mediengruppe Bayern wurde der Pole wegen eines Tötungsdelikts dort zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Tat datiert demnach auf 1997. Das Urteil fiel im Jahr 2000.
Sofern der Angeklagte den Fahndern in Polen ins Netz geht, steht ihm sehr wahrscheinlich die Auslieferung nach Deutschland und Haft bevor. Eine Neuauflage um die Falschgeld-Zahlung im Club vor Gericht in Regensburg dürfte dann ebenfalls nur eine Frage der Zeit sein. Vorerst aber ruht das Strafverfahren gegen ihn.
Neuer Termin für zweiten Prozess angesetzt
Im zweiten Fall, der im Sitzungssaal direkt gegenüber genauso abrupt endete, setzte die Berufungskammer am Landgericht einen neuen Termin Ende November an. Der Angeklagte, der über das Fernbleiben seines TikTok-Anwalts sichtlich verärgert war, versicherte beim Gehen noch, zu kommen. Kopfschüttelnd verließ er als erstes den Raum. Ihm wird vorgeworfen, im April 2023 betrunken ein Auto gerammt zu haben und danach einfach gefahren zu sein. Dafür hatte das Amtsgericht in Cham sechs Monate auf Bewährung verhängt.
Ob der junge Mann, der sich in der Berufung erneut unter anderem wegen Trunkenheit im Verkehr verantworten soll, weiß, wer ihn da vor Gericht verteidigt, ist unklar: Erfahrung hat sein Rechtsanwalt jedenfalls ganz persönlich – zwei rechtskräftige Verurteilungen wegen Nötigung und gefährlicher Körperverletzung gegen den Juristen aus Freiburg im Breisgau finden sich bei näherer Recherche.
Nicht weniger erwähnenswert ist das politische Engagement des Anwalts, der einst erfolglos für die AfD für den Bundestag kandidierte, dafür aber im Freiburger Stadtrat saß, bis er 2021 einem gegen ihn eingeleiteten Parteiausschlussverfahren durch Austritt zuvorkam. Im Jahr darauf gab der Mann schließlich sein Stadtratsmandat zurück.
Anwalt von Halemba (AfD) und Martin Sellner
Seiner Linie scheint er auch beruflich treu zu sein: Neben dem bayerischen AfD-Landtagsabgeordneten Daniel Halemba, der sich ab Januar unter anderem wegen Geldwäsche und Volksverhetzung in Würzburg vor Gericht verantworten soll, zählt auch der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner zu den wohl bekanntesten Mandanten aus der rechten und ultrarechten Szene.