Im Hörsaal mit Victor Ambros: Darum besucht der Nobelpreisträger die Uni Regensburg

Von Marion Neumann · 25. August 2025 um 19:00

Bei der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Dr. Davor Lessel, dem neuen Inhaber des Lehrstuhls für Humangenetik an der Universität Regensburg, kam die Laudatio von einem besonderen Gast. Prof. Dr. Victor Ambros, der 2024 zusammen mit einem weiteren US-Forscher den Medizin-Nobelpreis gewann, hielt die Rede.

Komplexe, wissenschaftliche Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch für den medizinischen Laien verständlich werden: Das ist eine Herausforderung, an der so mancher Forscher scheitert. Für Prof. Dr. Dr. Davor Lessel, den neuen Inhaber des Lehrstuhls für Humangenetik an der Universität Regensburg, ist das dagegen ein Teil seiner Arbeit. „Ich identifiziere die genetischen Ursachen einer Krankheit“, sagt er. „Deshalb gehört es auch zu meinen Aufgaben, Betroffenen und ihren Familien in verständlicher Sprache zu erklären, was die Befunde für sie bedeuten.“

Lessel, der zuvor das Institut für Humangenetik am Universitätsklinikum Salzburg leitete, hielt am Montagnachmittag seine Antrittsvorlesung am Universitätsklinikum Regensburg. Dabei gab er nicht nur einen Einblick in seine Arbeit zu den genetischen Ursachen seltener Erkrankungen und deren Bedeutung für die moderne Medizin. Die Zuhörer hatten die Gelegenheit, einem Nobelpreisträger zu lauschen: Die Laudatio hielt Prof. Dr. Victor Ambros, einer der beiden US-Forscher, die 2024 den Medizin-Nobelpreis erhielten (siehe Info-Kasten).

Genetik beeinflusst die Medizin

Um zu erklären, was den US-amerikanischen Biologen und Professor für Molekulare Medizin an der University of Massachusetts Medical School nach Regensburg führt, lohnt ein Blick auf die Forschung von Lessel. „Die menschliche Genetik beeinflusst heute nahezu alle Bereiche der Medizin“, sagt dieser. Das beginne bereits bei der pränatalen Diagnostik: Bei vorgeburtlichen Untersuchungen helfe die Forschung, mögliche Fehlbildungen oder genetische Krankheiten des ungeborenen Kindes frühzeitig zu erkennen. Auch bei Erkrankungen wie erblich bedingtem Brustkrebs – ein bekanntes Beispiel sei der Fall der Schauspielerin Angelina Jolie – spiele genetische Beratung eine wichtige Rolle. „Wir nutzen spezielle Verfahren, mit denen wir das gesamte genetische Material in den Zellen analysieren können. Diese Methoden nennt man Next-Generation-Sequencing oder Ganzgenom-Sequenzierung“, erklärt er.

Im Zuge seiner Forschung zu seltenen genetischen Erkrankungen konnte Lessel Mutationen im sogenannten AGO2-Gen – auch Argonaute 2 genannt – als neue Ursache für Entwicklungsverzögerungen bei Kindern identifizieren. Grundlage dieser Entdeckung war die enge Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Gunter Meister, Leiter der Arbeitsgruppe „Genregulation durch microRNAs“ am Lehrstuhl für Biochemie I der Universität Regensburg. Diese Kooperation weiter auszubauen, war einer der Hauptgründe für Lessels Wechsel nach Regensburg.

Enger Austausch unter den Forschern

Auch international besteht unter Forschern auf diesem Gebiet enger Austausch – und so beschäftigt sich Nobelpreisträger Ambros mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und offenen Fragen rund um AGO2-assoziierte Erkrankungen. Gemeinsam mit seiner Frau, der Wissenschaftlerin Rosalind Lee, kam er am Sonntagabend in Regensburg an. „Wir hatten schon Zeit, ein wenig die Stadt zu erkunden“, erzählt er. Ein gemeinsames Essen mit Studenten stand ebenfalls auf dem Programm.

Nach dem Aufenthalt in der Domstadt geht es für die Wissenschaftler weiter nach Tschechien. Am Dienstag wird Ambros die Karls-Universität besuchen. In den kommenden Tagen findet dann die dritte Argonauten-Syndrome-Konferenz in Prag statt. „Es ist wunderbar, verschiedene europäische Städte zu besuchen und mehr über sie zu erfahren. Als Amerikaner hat man dafür oft nur begrenzten Zugang – dabei ist es heutzutage umso wichtiger, zu sehen, wie international Wissenschaft ist.“

Damit gerechnet, eines Tages den Nobelpreis zu gewinnen, habe er im Übrigen nie, erklärt Ambros auf Nachfrage unserer Zeitung. Es freue ihn, dass die Menschen aus diesem Anlass „die Wissenschaft feiern“. „Die meisten von uns Wissenschaftlern sind ganz normale Menschen“, sagt er. „Das Besondere ist wohl, dass wir begeistert von dem sind, was wir tun. Wir sind immer neugierig und brennen darauf, das Unbekannte zu erforschen.“

Info: Preisträger und Experten

• Preisträger: Die US-amerikanischen Forscher Professor Victor Ambros und Professor Gary Ruvkun sind 2024 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet worden. Das Nobelkomitee ehrte sie für die Entdeckung der MicroRNA – winzige Moleküle, die steuern, welche Gene im Körper ein- oder ausgeschaltet werden – die eine wichtige Rolle in der Genregulation spielt. Die Forscher hätten ein grundlegendes Prinzip zur Steuerung der Genaktivität entdeckt. „Ihre bahnbrechende Entdeckung offenbarte ein völlig neues Prinzip der Gen-Regulierung, das sich als wesentlich für mehrzellige Organismen, einschließlich des Menschen, erwies“, hieß es in der Begründung.

• Experte: Der Biologe Prof. Dr. Gunter Meister von der Universität Regensburg gilt als einer der weltweit führenden Experten für AGO-Gene und deren Interaktion mit MicroRNAs. Laut Ambros handle es sich um eines der aktuell spannendsten Themen in der biomedizinischen Forschung.